Chinas Wirtschaft bleibt auf Pekings Kurs


Peking hält den Atem an. Staats- und Parteichef Xi Jinping gibt auf dem Parteikongress die Richtlinien für die nächsten fünf Jahre vor. Alles ist auf ihn und die Partei ausgerichtet. Da kommen die neuen Wachstumszahlen gerade recht, die seinem Land einen robusten Wirtschaftskurs bescheinigen – zumindest auf den ersten Blick.

Von Juli bis September legte das Wachstum um 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu, wie das Statistikamt am Donnerstag mitteilte. Damit hat sich die Wachstumsrate zwar um 0,1 Prozentpunkt zum Vorquartal abgekühlt, bleibt jedoch auf einem hohen Niveau.

Zunächst die gute Nachricht: China füllt seine Rolle als globaler Wachstumsmotor weiter aus. Der Strukturwandel kommt voran. Der Dienstleistungssektor steuert bereits mehr als die Industrie zum Wachstum bei und konnte seit Jahresanfang überdurchschnittlich stark mit 8,3 Prozent zum Vorjahreszeitraum zulegen. Der Umbau des chinesischen Wachstumsmodells zeigt erste Ergebnisse: Die traditionelle Schwerindustrie verliert an Bedeutung. Dafür holen die Dienstleistungsfirmen auf. „Die Aussichten sind rosig, aber die Herausforderungen sind ernst“, sagte Xi in seiner dreieinhalb-stündigen Eröffnungsrede zum Parteikongress.


Doch so gut der Eindruck scheint, so viele Probleme offenbaren sich bei einem genaueren Blick. Die Gesamtverschuldung wächst weiter doppelt so schnell wie das Wirtschaftswachstum. Fast alle Provinzen des Landes versuchen, die Betriebe in ihrem Einflussbereich mit günstigen Krediten am Laufen zu halten.

In Chinas Kohlehochburg Shanxi nahmen die großen Staatsfirmen im vergangenen Jahr Kredite in einem höherem Umfang als die gesamte Wirtschaftsleistung der Provinz auf. „Das Wachstum ist auf Pump gekauft. Es ist nicht nachhaltig“, warnt der Wirtschaftsprofessor Liang Hongyan von der Shanxi Universität gegenüber dem Handelsblatt. Der Strukturwandel fängt gerade erst an. Doch schon jetzt führt er zu gewaltigen Verwerfungen. „Wir müssen unsere Wirtschaft grundlegend umbauen. Und das wird sehr schmerzhaft werden“, sagt Professor Liang. Bislang versuche der Staat jedoch mit immer neuen Schulden die Symptome zu lindern.


Ein Kernstück des chinesischen Reformprogramms sollte der Umbau der mächtigen Staatsbetriebe werden. EU-Firmen hatten auf mehr Marktzugang und eine Privatisierung der Staatskolosse gehofft. „Doch in dieser Richtung ist nicht viel passiert“, klagt der Präsident der EU-Handelskammer, Mats Harborn. Fehlende Rechtssicherheit und weiterhin große Probleme mit Überkapazitäten erschwerten das Geschäft. Während chinesische Investitionen in der EU im vergangenen Jahr um 77 Prozent auf 35 Milliarden Euro gestiegen seien, hätten EU-Firmen ihre Investitionen in der Volksrepublik im gleichen Zeitraum um 23 Prozent auf acht Milliarden Euro zurückgefahren.

Peking lässt die Macht der Staatsbetriebe ausweiten. Durch Megafusionen werden gigantische Konzerne unter der Führung der Partei geformt. Durch die Zusammenlegung der Shenhua Group mit China Guodian ist etwa der weltgrößte Energiekonzern geschaffen worden. Ähnlich sieht es im Bahnsektor nach der Fusion der Staatsunternehmen CSR und CNR aus. Beaufsichtigte der Staat im Jahr 2003 noch 196 der größten Unternehmen, ist diese Zahl auf mittlerweile 98 gefallen. Peking will eine kleinere Gruppe gigantischer Konzerne, mit denen sich die Weltmärkte erobern lassen.