Chinas Stahlkocher heizen Europa ein

2018 will der chinesische Stahlkocher He Steel seine Produktion in Serbien steigern. Auch ein Stahlwerk in der Slowakei könnte er übernehmen. Bei Europas Stahlkochern lässt die Ankündigung die Alarmglocken schrillen.

Es waren herzliche Handschläge, die sich Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und die chinesischen Manager von He Steel vor einem Jahr im Stahlwerk Smederevo gegeben haben. Die Freude von Vučić über die Präsenz der Chinesen ist verständlich. Denn dass das rückständige Stahlwerk nahe Belgrad mit He Steel überhaupt einen Käufer gefunden hat, galt Beobachtern als Überraschung.

Für Erstaunen sorgte auch die jüngste Ankündigung des chinesischen Stahlkochers. So berichteten serbische Medien vor wenigen Tagen, dass He Steel die Produktion in Serbien weiter steigern will. 1,8 Millionen Tonnen Stahl sollen 2018 in Smederevo produziert werden. In diesem Jahr waren es noch 1,5 Millionen Tonnen.

Bei Europas Stahlkochern lässt die Ankündigung die Alarmglocken schrillen. So behauptet der europäische Stahlverband (Eurofer), dass bestimmte Stahlsorten aus Serbien in Europa unter Wert auf den Markt kommen, also gedumpt würden. Und die Bedenken der europäischen Stahlkocher könnten 2018 sogar noch zunehmen: Denn auch ein Stahlwerk in der Slowakei steht schon länger auf dem Wunschzettel von He Steel. Dieses würde dem chinesischen Unternehmen sogar einen direkten Zugang in den begehrten Stahlmarkt Europas verschaffen.




Ganz ohne Ironie ist das Vordringen des chinesischen Stahlunternehmens dabei nicht. Erst Ende November einigten sich die G20-Staaten in Berlin auf einen Abbau von „marktverzerrenden Subventionen“ in der Stahlbranche. Vor allem die massiven Überkapazitäten aus China, die die OECD auf rund 450 Millionen Tonnen schätzt, wurden für die europäischen Stahlkocher zur Gefahr. Mittlerweile hat die EU umfangreiche Schutzzölle gegen chinesischen Dumping-Stahl erlassen.

Doch können diese durch die chinesischen Investitionen in den Balkanstaaten unterlaufen werden?




Axel Eggert, Generaldirektor des europäischen Stahlverbands Eurofer, warnte bereits 2016 vor der Übernahme des serbischen Stahlwerks Smederevo durch chinesische Investoren. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche sieht Eggert sich nun in seinen Befürchtungen bestätigt. Eggert hält es für erwiesen, dass bestimmte Stahlsorten aus Serbien in der EU unter Wert verkauft würden.

Dass die EU-Kommission das Anti-Dumping-Verfahren gegen Serbien fallen gelassen hat, empört ihn: „Die Kommission hat nur deshalb keine Anti-Dumping-Zölle verhängt, weil der serbische Stahl nur ein Prozent Anteil am europäischen Markt hat. Aber auch eine scheinbar kleine Menge kann große Effekte haben, weil sie die Preise sofort nach unten treibt.“ Eurofer erwägt laut Eggert, Rechtsmittel gegen die Entscheidung der EU Kommission einzulegen.



Kommt der chinesische Stahlkocher in die Slowakei?


Die Ankündigung von He Steel, die Produktion in Serbien zu erhöhen, kommt für den Eurofer-Generaldirektor einem Affront gleich: „Wenn in Serbien mehr Stahl produziert wird, dann kommt mehr von diesem Stahl nach Europa und damit steigt auch die Menge von gedumpten Stahl“, sagt Eggert.

Für Unruhe in der Branche sorgt auch das Stahlwerk im ostslowakischen Košice. Derzeit ist das Werk mit seinen mehr als 10.000 Arbeitern im Besitz des amerikanischen Unternehmens US Steel. Doch schon seit Jahren sehen sich die Amerikaner nach einem Käufer für die Stahlhütte um. Bereits im Januar vereinbarte US Steel mit dem chinesischen Unternehmen He Steel ein Memorandum of Understanding zu exklusiven Verhandlungen.

Im April verkündeten Medien bereits eine Übernahme des Werks durch He Steel. Doch das sollte sich als verfrüht herausstellen. Vor wenigen Monaten zog He Steel sein Angebot zurück. Die offizielle Begründung: Die chinesische Regierung habe die Übernahme gestoppt, da vorrangig im eigenen Land investiert werden solle.




Doch Beobachter sehen den Deal noch nicht geplatzt. Im September berichtete eine slowakische Zeitung, dass HE Steel das Werk Košice im Frühjahr 2018 übernehmen wolle. Kolportiert wird ein Kaufpreis von 1,4 Milliarden Euro plus Investitionen in das Werk von rund einer Milliarden Euro. US Steel kommentierte die Berichte nicht.

Ob die Übernahme von Košice durch HE Steel zustande kommt, ist weiter unklar. Eurofer-Generaldirektor Eggert möchte eine mögliche Übernahme von Košice nicht kommentieren. Prinzipiell hat er bei Übernahmen von europäischen Stahlhütten durch chinesische Unternehmen aber große Bedenken: „Die Wettbewerbsgleichheit gilt innerhalb der EU offenbar nur im Binnenmarkt. Wenn ein Investor aus einem Drittland kommt, müsste man eben auch prüfen, ob dieser staatlich subventioniert ist und dadurch den Markt verzerrt“, sagt Eggert.




In den Balkanländern dürften die Bedenken der europäischen Stahlbranche jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gerade in der strukturschwachen Ostslowakei zählt die Erhaltung jedes Arbeitsplatzes mehr als die Sorgen vor möglichen Marktverzerrungen. Im Gegensatz zur serbischen Stahlhütte Smederevo ist das Werk in Košice allerdings wesentlich moderner. Zumindest dieser Punkt könnte die europäischen Stahlkocher aufatmen lassen. Nachdem die Stahlpreise wieder stabil sind und Košice Gewinn macht, könnte auch das Interesse von US Steel an einem Verkauf sinken.