Chinas Problem mit den „Fucking Goods“

Ob „laufende Hinrichtung“ oder „Urin-Zone“: China ist für Pannen bei Übersetzungen bekannt. Fotos von unterhaltsamem Kauderwelsch füllen Internetseiten und Bücher. Doch die Sprachunfälle könnten bald verbannt werden.


Die Bauarbeiter in der Pekinger Innenstadt sperren routiniert den Gehweg ab. Ein Mann zieht ein rotes Plastikband über den Bürgersteig. Sein Kollege baut unterdessen ein Warnschild auf. Darauf steht auf Chinesisch: „Bauarbeiten werden durchgeführt“. Doch der englische Text darüber lautet: „Execution in Progress“ (zu Deutsch etwa „laufende Hinrichtung“).

Das Schild ist eines von Tausenden, die die Sprachunfälle bei Wort-für-Wort-Übersetzung mithilfe eines Wörterbuchs dokumentieren. Aus fast jedem Land der Welt gibt es Beispiele, für die kleinen und großen Übersetzungspannen. Der Langenscheidt-Verlag stellt regelmäßig die amüsantesten Exemplare zusammen. Doch China hat sich dank besonders haarsträubende Übersetzungen einen Sonderstatus mit einem eigener Bezeichnung erarbeitet: Chinglisch – eine Mischform aus Englisch und Chinesisch.

Beide Sprachen haben ein völlig anderes Muster. Grammatik, Schriftsystem und Aussprache sind grundverschieden. Deshalb fällt es Chinesen so schwer, Englisch zu lernen und andersrum. Und deshalb entstehen bei Übersetzungen regelmäßig unfreiwillig komische Wortneuschöpfungen. Das Behinderten-WC wird die „Toilette für deformierte Männer“, die Abteilung für getrocknete Früchte und Nüsse im Supermarkt wird auf einem Schild mit „Fuck Goods“ angepriesen und ein gebratenes Tofu-Gericht wird mit „gebratener Ehemann“ übersetzt.


Seit Jahren versucht Peking die Sprachunfälle zu vermeiden. Das Büro für Auswärtige Angelegenheiten der chinesischen Hauptstadt hatte schon 2010 eine Website eingerichtet, auf der Bürger missglückte Übersetzungen melden konnten.

Doch die Zentralregierung ist mit den Ergebnissen immer noch unzufrieden. Der Direktor des staatlichen Standardisierungsamtes, Tian Shihong, hat deshalb eine neue Strategie angekündigt. „Wir wollen unsere kulturelle Softpower und unser internationales Ansehen verbessern“, sagte Tian. Das heißt im Klartext: Nachdem die freundlichen Versuche zur Verbesserung der Übersetzungen nicht viel gebracht haben, soll nun der Druck erhöht werden.
Zum 1. Dezember 2017 tritt eine Sammlung neuer Richtlinien in Kraft. Zentrales Anliegen ist, standardisierte Übersetzungen für häufig verwendete Begriffe zu benutzen. Tians Amt will die gängigsten Schilder in Englisch übersetzen. Der Behördendirektor ließ jedoch offen ob Strafen verhängt werden, falls seine neuen Regeln ignoriert werden.


Ob sich durch die neuen Richtlinien wirklich etwas ändern wird, bezweifelt Oliver Radtke, der Bücher über Chinglisch geschrieben hat und den Blog www.chinglish.de gestartet hat. „China mangelt es häufig nicht an Standards, es hapert an ihrer Umsetzung“, sagt der Sinologe. „Viele kreative Übersetzungen kommen aus dem privaten Sektor, hier müssen vor allem die finanziellen Anreize schon sehr hoch sein, dass bereits bestehende Schilder neu beauftragt werden“, meint Radtke.

Für ihn gibt es einen großen Unterschied: Auf der einen Seite müssen kreative Übersetzungen dort verschwinden, wo sie zu gefährlichen Missverständnissen führen können, wie im Krankenhaus oder bei Sicherheits- und Allergiehinweise. Auf der anderen Seite sieht Radtke in den Übersetzungen auch humorvolle Einblicke in die Eigenheiten der chinesischen Sprache und Kultur. „Hier wünsche ich den Behörden mehr Selbstbewusstsein, über nicht-orthodoxe Übersetzungen Reisenden das Land auf diese sympathische Art zu präsentieren“, sagt der Buchautor.


Und auch Deutschland ist nicht vor krummen Übersetzungen gefeit. Noch gibt es wenige Schilder auf Chinesisch. „Das wird sich in den nächsten Jahren auch aufgrund der zunehmenden Bedeutung des chinesischen Tourismus sicherlich ändern“, ist Radtke überzeugt. Schon heute gibt es nicht nur Chinglisch, sondern auch Dinesisch.

Das Chinesisch mit deutschem Einschlag ist schon heute für witzige Fotos in sozialen Netzwerken in China verantwortlich. Radtke räumt jedoch ein: „Grundsätzlich gilt in Deutschland jedoch schon, dass Übersetzungen in der Regel noch einmal geprüft werden, nachdem sie durch Google Translate gejagt worden sind.“