„Chinas Finanzbranche ist nicht risikobewusst genug" – Ökonom Zhao Xijun warnt


Seit 30 Jahren beschäftigt sich Zhao Xijun als Ökonom und Buchautor mit Chinas Finanzsystem. Das gibt ihm einen scharfen Blick für dessen Schwächen.

Herr Zhao, inwieweit unterscheidet sich das heutige Finanzsystem Chinas von dem im Jahr 2015, als es einen Börsencrash gab? Ist es tatsächlich stabiler?
Ja, denn China hat seit damals viele Fortschritte gemacht. Vergangenes Jahr wurde der Finanzstabilitätsrat gegründet, der die Arbeit der Aufsichtsbehörden und Zentralbank koordinieren soll. Es gibt jetzt ein Finanzgericht in Schanghai. Außerdem wurden Versicherungs- und Bankenaufsicht zusammengelegt. Die Realwirtschaft bekommt weniger Geld von den Banken. Und der Kapitalverkehr ins Ausland wird viel strenger kontrolliert.

Wo sollte noch mehr passieren?
Unternehmen und Finanzinstitutionen sind noch immer nicht risikobewusst genug.


Weil der Staat sie im Notfall rettet?
Unbewusst gehen sie davon aus. Während der Liquiditätskrise von 2013 und des Börsencrashs 2015 ist die Zentralbank eingeschritten. Jetzt sagt die Führung zwar stets, dass sie nicht mehr retten will, aber die Firmen haben das noch nicht ganz begriffen.

Welche Auswirkungen hat der Handelskrieg für die Finanzstabilität?
Zuerst einmal ist der Kurs des chinesischen Yuans gefallen. Aber langfristig hat er vor allem psychologischen Schaden angerichtet, obwohl er die Realwirtschaft bisher nur geringfügig trifft. Fluktuationen an der Börse und eine gewisse Unsicherheit können dazu führen, dass Banken wieder mehr Kredite vergeben, die faul werden.

Kann China die Folgen des Konflikts durch heimischen Konsum auffangen?
China hat in der Hinsicht schon große Fortschritte gemacht. Es gibt immer mehr Unternehmen, die auf den Binnenmarkt fokussiert sind. Und der heimische Konsum macht mehr als zwei Drittel des Wirtschaftswachstums aus.

Welche Fortschritte gibt es bei der Bekämpfung der hohen Schuldenlast?
Im letzten Halbjahr lief es im Großen und Ganzen nach Plan. Aber der Handelskrieg könnte dazu führen, dass einige exportorientierte Unternehmen geringere Profite einfahren und deswegen weniger Steuern an die Lokalregierungen abführen, sodass diese wiederum mehr Geld leihen müssen.


Wie gefährlich sind die Dollar-Schulden der Unternehmen?
Das ist kein großes Problem, denn China ist der größte Kreditgeber der USA. Wir haben Währungsreserven von drei Billionen Dollar. Aber einzelnen Unternehmen könnte das Probleme bereiten. Andererseits hat die Regierung angekündigt, betroffenen Firmen zu helfen.

Die chinesische Zentralbank will den Devisenkurs stabil halten. Warum rutscht er seit Wochen ab?
Die Zentralbank greift prinzipiell nur ein, wenn es an einem Tag zu Fluktuationen von mehr als fünf Prozent kommt. Natürlich diskutiert man hinter den Kulissen, ob man bei einem anhaltenden Abwärtstrend einschreiten muss. Aber das muss gegen andere Vorgaben wie das Wirtschaftswachstum abgewogen werden.

Gleichzeitig hat die Zentralbank mehr Liquidität in den Markt gedrückt.
Mehr Liquidität kann zu mehr Schulden und höheren Ausgaben führen. Problematisch ist auch, dass die Zentralbank die Anforderungen für die Sicherheiten gesenkt hat. Brauchte man früher noch eine Immobilie aus dem Finanzdistrikt, reicht heute eine Wohnung am Stadtrand.

Warum macht die Zentralbank das dann?
Chinas Priorität der vergangenen Jahre war es, bis 2020 das Bruttoinlandsprodukt und das Pro-Kopf-Einkommen von 2010 zu verdoppeln. Dieses Jahr möchte man ein Wachstum von 6,5 Prozent erreichen. Diese Ziele will die Regierung nicht gefährden. Der Handelskrieg könnte allerdings auch als Ausrede dafür herhalten, warum man erst einmal langsamer wachsen muss.

Sie plädieren seit einiger Zeit für die Entwicklung eines qualitativ hochwertigen Finanzsektors. Was meinen Sie damit?
Zuerst einmal sollten Finanzinstitutionen hauptsächlich die Realwirtschaft unterstützen. Zweitens sollte man mehr Geld in Entwicklung und Forschung stecken. Drittens sollten diejenigen, die Risiken auf sich nehmen, auch mehr Handelsspielraum haben. Viertens müssen Aufsichtsbehörden noch schneller und flexibler werden. Der Fintech-Sektor ist in China rasant gewachsen. Man muss aber neben den Chancen auch die Risiken im Auge behalten.