China und USA suchen ihre Rolle in der Welt von morgen

Nach 15 Monaten unter Präsident Donald Trump finden sich die USA in einer Art Würgegriff Chinas wieder. Wie konnte es so weit kommen – und wie sollte die Reaktion aussehen?

Die vergangenen Tage waren an Ereignissen nicht arm, die als Weichenstellung für die globale Ordnung der Zukunft betrachtet werden können. Da ist zum einen der Besuch des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un in China. Zum anderen die Ausweisung russischer Diplomaten durch viele westliche Länder, eine Allianz, an deren Spitze sich die Vereinigten Staaten von Amerika gesetzt haben. Diese vordergründig politischen Ereignisse sind Ausdruck des Wunsches, die wirtschaftlich dominante Macht zu werden.

Die Volksrepublik China sucht den Schulterschluss mit Nordkorea, das im Konflikt um Atomwaffen nun zu Kompromissen bereit scheint. Ein möglicherweise anstehendes Treffen zwischen Kim und US-Präsident Donald Trump im Mai schien China, das Ambitionen hat, auf der Weltbühne die Hauptrolle zu spielen, zu einem Statisten zu degradieren. Peking hat sich zurück ins Gespräch gebracht. Nordkorea nutzt dies, um von beiden Seiten einen guten Deal angeboten zu bekommen. Die mit Embargo belegte Steinzeit-Diktatur braucht einerseits die Hilfe Chinas. Sie muss sich aber andererseits, sollte es zur Entspannung mit der Weltgemeinschaft kommen, auch der Hilfe der USA und ihrer Alliierten versichern, um nicht völlig zu verarmen.

Die Volksrepublik selbst ist, so stark sie auch im Moment auftreten mag, darauf angewiesen, im Konzert der Mächte mitzuspielen. Eine Solo-Rolle kann die kommunistische Führung nicht wirklich erstreben, aus eigenem Interesse: Nichts, was an Wirtschaftsdaten aus dem Land gemeldet wird, kann überprüft werden. Weder vom Ausland, noch innerhalb des Landes selber, wo die Erreichung von Planzielen die Grundlage für das Vorankommen ist. In einem solchen Umfeld lebt China davon, dass das Ausland an es glaubt und diesen Glauben durch Investitionen belegt. Das Riesenreich kann sich derzeit keinen Handelskrieg leisten.


China, dessen Führer auf Lebenszeit Xi Jinping sich zum Patron des Welthandels stilisiert, kann nicht auf Abschottung setzen, wenn er diese Rolle wirklich anstrebt. Wer eine Wirtschaftsmacht sein will, sollte auch im Politischen und Diplomatischen eine konstruktive Rolle spielen. Peking weiß das und musste Nordkorea daher einbinden.

Allerdings gibt es dafür noch einen weiteren Grund: Es geht die Rede, dass Russland Pjöngjang geholfen habe, sein Atomprogramm zu entwickeln. Das düstere Reich des Vladimir Putin scheint auch in dieser Ecke der Welt keine gute Rolle spielen zu wollen. Die gute Nachricht ist: Peking sieht, wie Russland sich gebärdet und wie sich die USA verhalten. Im Moment scheint Peking, nach außen, den Weg der USA zu bevorzugen, das heißt: Eingebunden sein in die internationalen Institutionen und nicht als Paria geächtet zu werden wie Russland unter Putin.

Die Politik der USA hat sich in dieser einen vergangenen Woche grundlegend verändert. Im Weißen Haus hat man mittlerweile erkannt, dass man in ein prinzipielles Ringen um die globale Vorherrschaft –
politisch, ökonomisch und weltanschaulich – mit der Volksrepublik China eingetreten ist. Daher beginnt nun eine neue Phase, eine Phase zurück in die Gemeinschaft und weg von dem isolationistischen Weg, den das Land unter Donald Trump zuvor eingeschlagen hatte.

Dass sich der US-Präsident darauf eingelassen hat, trotz seiner erklärtermaßen Russland-freundlichen Grundhaltung, mit den anderen Staaten der freien, westlichen Hemisphäre mitzuziehen und russische Diplomaten auszuweisen, belegt dies. Der neue Handelskrieg, den Trump zuerst wahllos gegen Verbündete und Vertragspartner führen wollte, wird nun kanalisiert werden in Richtung China.


Das Reich der Mitte ist beispielsweise stark aktiv in Mexiko. Ein Land, das Anfang Juli unter Umständen einen Populisten, Lopez Obrador, an seine Spitze wählen wird. Dieser ist ein erklärter Trump- und USA-Feind und bezieht seinen Zuspruch in der Bevölkerung vor allem wegen der abfälligen Äußerungen des US-Präsidenten über die Mexikaner. Die USA müssen auf Mexiko und Kanada gleichermaßen zugehen, um nicht erdrückt zu werden.

Nach 15 Monaten Trump-Präsidentschaft finden sich die USA in einer Art Würgegriff Chinas wieder. Die empfindliche Stelle, mit der China nun zu treffen ist, ist nicht etwa eine militärische, sondern eine wirtschaftliche. Noch glaubt Peking, als Riesenmarkt die attraktive Braut auf der globalen Kirmes zu sein. Durch die Abschottung des Internets, das Ausspionieren ausländischer Firmen und von deren Geschäftsgeheimnissen werden die Partner in Europa und den USA von Peking dazu gezwungen, ihr Glück woanders zu suchen. Das ist das Momentum für Washington und seine Partner.

Alles ist derzeit im Fluss, China und die USA suchen ihre Rolle in der Welt von morgen. Die Europäer stehen dabei erstaunlicherweise eng beieinander, vielleicht merken sogar die Brexit-Briten, dass eine enge Allianz mit den Nahen und Verbündeten wie die in der EU mehr als nur ökonomisch nützlich ist, wenn man die Herausforderungen, die die Zukunft stellt, meistern will.

Ein als chinesischer Fluch bezeichneter Ausspruch sagt: „Mögest du in interessanten Zeiten leben“. Interessante Zeiten meint hier Zeiten des Umbruchs. Sie können gewaltig auf die wirken, die in ihnen leben und sich darin bewähren müssen. Zweifelsohne leben wir in einer solche Epoche.