China unterstützt Deutsche-Bank-Großaktionär HNA


Vom Treffen gibt es kein Foto. HNA hat auch keine offizielle Mitteilung versandt. Dabei war die Konferenz am Nachmittag des 12. Juni das vermutlich wichtigste Ereignis des Jahres für den Mischkonzern von der chinesischen Ferieninsel Hainan, der auch Deutsche-Bank-Großaktionär ist. Nach der Konferenz verschickten HNA-Mitarbeiter eine Notiz über den Inhalt des Treffens an die Kreditgeber, wie ein Insider dem Handelsblatt berichtete.

Im Memo heißt es, der Vize-Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Pan Gongsheng, habe den Vertretern der teilnehmenden Gruppen – HNA, die Provinzregierung Hainans, die Aufsichtsbehörde sowie die wichtigsten Kreditgeber – vier Anweisungen gegeben. Die entscheidende ist: Die Anwesenden sollen HNA von nun an bei der Herausgabe von Anleihen unterstützen, „um das Vertrauen der Märkte zu verbessern und der Emission zum Erfolg zu verhelfen“.

Im Zuge des Treffens kam auch heraus, dass die Börsenaufsicht die Ausgabe von Unternehmensanleihen der HNA-Tochterfirma Bohai Capital im Wert von 621 Millionen Dollar genehmigt hat. Am Freitag gab die Gesellschaft, in der auch HNAs Luftfahrtgeschäft angesiedelt ist, in einer Mitteilung an die Börse Shenzhen an, dass in den kommenden Tagen Drei-Jahres-Anleihen im Wert von 311 Millionen Dollar für 6,5 bis 7,5 Prozent Zinsen emittiert werden sollen.


HNA setzte Anfang des Jahres den Aktienhandel von sechs Tochterunternehmen aus. Unter ihnen befanden sich sowohl Bohai Capital wie auch Hainan Airlines. Die Begründung: interne Restrukturierungsmaßnahmen. Zwar sollten diese nur wenige Wochen dauern, doch seither ist keines der Unternehmen wieder an die Börse zurückgekehrt.

Die Anweisungen der Notenbank sind gute Nachrichten für das in der südchinesischen Inselprovinz Hainan ansässige Konglomerat, das unter einer Schuldenlast von geschätzt 93 Milliarden Dollar ächzt und seit vergangenem Jahr mit Liquiditätsengpässen kämpft. HNA war auf Pump im Ausland auf Einkaufstour gegangen und hatte in drei Jahren 40 Milliarden Dollar ausgegeben. Erworben wurden unter anderem Anteile an der Deutschen Bank und der Hilton-Hotelkette.

Treueschwüre auf die Partei

Im August 2017 war bekannt geworden, dass HNA auf seine Anleihen die höchsten Zinsen unter allen asiatischen Firmen außerhalb des Finanzsektors zahlt. Als die Aufsichtsbehörden verschiedener Länder HNAs undurchsichtige Eigentümerstruktur unter die Lupe nahmen, stieg der Druck weiter.

Im November wurde bekannt, dass der Konzern Anleihen mit Zinsen in Höhe von 8,875 Prozent ausgegeben hatte. Kurz darauf mehrten sich die Berichte, dass HNA und seine Tochterfirmen Schwierigkeiten beim Schuldendienst hatten. Das Verhältnis zwischen Einlagen und Schulden betrug im vergangenen Herbst 62,52 Prozent, 8,34 Prozentpunkte mehr als im Vorjahresvergleich.

Seit einigen Monaten zeichnet sich nun eine Kurskorrektur ab. Die HNA-Geschäftsführung bekannte sich mehrmals öffentlich zur Kommunistischen Partei Chinas und gelobte, künftig nur noch Investitionen zu tätigen, die mit dem staatlichen Wirtschaftsplan übereinstimmten.

Das Handelsblatt berichtete vor vier Monaten, dass die Provinzregierung Hainans schon Ende 2017 den Pekinger Staatsrat um Beistand gebeten hatte. Anfang Februar ging die staatliche CITIC-Bank einen Kooperationsvertrag mit HNA ein und vergab einen Kredit über 3,2 Milliarden Dollar. Der offizielle Zweck: Man wolle „zum Fortschritt der chinesischen Wirtschaft, des chinesischen Wohlstands und der sozialen Stabilität beitragen“.




Seit Anfang des Jahres hat HNA zudem Beteiligungen im Wert von rund 15 Milliarden Dollar verkauft und dabei zumeist einen Gewinn erzielt. Dazu gehören auch ein Anteil von 25 Prozent an Spaniens NH-Hotelgruppe für 726 Millionen Dollar und eine 26-Prozent-Beteiligung an Hilton im Wert von 6,5 Milliarden Dollar. Gleichzeitig reduzierte HNA seine Beteiligung an der Deutschen Bank von 9,9 Prozent auf zuerst 8,8 Prozent und schließlich 7,9 Prozent.

Vergangene Woche erklärten Hainan Airlines, dass man neue Aktien für 1,1 Milliarden Dollar bei ausgewählten Investoren, darunter der Staatsholding Temasek aus Singapur, platziert habe. Insgesamt würden bis zu 20 Prozent des Gesellschaftskapitals als Wertpapier ausgegeben. Die Einnahmen sollen vor allem für Flugzeugkäufe sowie Wartung und Flughafenbetrieb verwendet werden.

Durch die Beteiligungsverkäufe und die wiederholten Treueschwüre in Richtung Regierungspartei habe HNA bewiesen, nun auf Linie zu sein, meint ein CITIC-Analyst, der anonym bleiben möchte. Deswegen sei die Pekinger Führung nun willens, das Konglomerat zu unterstützen – unter einer klaren Bedingung: In dem zirkulierenden Schreiben heißt es, HNA solle sich künftig auf „sein Kerngeschäft Luftfahrt und Tourismus konzentrieren; von Übernahmen und Einkäufen soll man ablassen“.

Für den CITIC-Analysten ist das ein weiterer Beweis dafür, dass die Führung in Peking versucht, die Interessen der Provinz Hainan zu schützen, die eng mit HNA verknüpft sind. So hält die „Hainan Province Cihang Charity Foundation“ 22,75 Prozent der HNA-Anteile. Hainans Kommission zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen (SASAC) ist im Finanzbericht von Hainan Airlines als Mehrheitsaktionär aufgeführt.

HNA mit Sonderstellung

Dass HNA in China eine Sonderstellung genießt, wird in dem zirkulierenden Schreiben deutlich. So heißt es: „HNAs Probleme liegen anders als die von anderen Gruppen.“ Es gehe um eine „Liquiditätsfrage“. Mit den „anderen Gruppen“, so der CITIC-Analyst, sei unter anderem der Versicherungskonzern Anbang gemeint, der wie HNA im vergangenen Sommer für „irrationale Einkäufe“ im Ausland von Peking öffentlich gerügt worden war.

Anbangs Geschäftsführer Wu Xiaohui wurde schon letzten Juni festgenommen und im Mai zu 18 Jahren Haft wegen Betrugs und Veruntreuung verurteilt.


Im Gegensatz zur überschuldeten HNA habe Wus Firma mit dubiosen Finanzprodukten, die als Versicherungen ausgegeben wurden, gegen das Gesetz verstoßen und „mit dem Geld der einfachen Bürger spekuliert“, glaubt der CITIC-Analyst. Während die Versicherungsaufsicht mit der einjährigen staatlichen Übernahme Anbangs das Unternehmen umstrukturieren will, könne HNA vermutlich durch eine kräftige Finanzspritze wieder auf die Beine kommen.

Um weiterhin Kontrolle über HNA auszuüben und die Risiken für das Finanzsystem einzudämmen, hat die Zentralbank angeordnet, dass künftig Kredite künftig nur noch in Absprache mit der China Development Bank an HNA ausgegeben werden dürfen. Die China Development Bank, die direkt dem Staatsrat untersteht, ist der größte Kreditgeber HNAs. „Natürlich sollten die ein Mitspracherecht über das weitere Vorgehen haben“, sagt der CITIC-Analyst.

HNA wollte die Vorgänge auf Handelsblatt-Anfrage nicht kommentieren.

Ob das Treffen vergangene Woche die Kehrtwende in der Dauerkrise um HNA bringt, ist offen. Ein HNA-Insider sagte dem Handelsblatt, dass das Unternehmen derzeit noch weitere 15,5 Milliarden Dollar brauche, um liquide zu sein und seine Schulden rechtzeitig bedienen zu können. Mit der politischen Unterstützung durch Peking und durch die Zentralbank lässt sich die benötigte Summe auf jeden Fall leichter auftreiben.

Die Notiz konkretisiert zwar nicht, wie genau die Hilfestellungen bei Anleihe-Emissionen aussehen sollen. Der CITIC-Analyst rechnet jedoch damit, dass die chinesischen Banken die Anleihen nun wie warme Semmeln kaufen werden.