Wie China beim grünen Strom zur Weltmacht werden will

Als Felix Zhang über die Terrasse des Cafés an der Berliner Spree eilt, ist er bereits eine halbe Stunde zu spät. Im dunkelblauen Anzug, mit weißem Hemd, dafür ohne Krawatte versucht der gebürtige Chinese, trotzdem einen entspannten Eindruck zu machen.

Er sei im Bundeswirtschaftsministerium aufgehalten worden, direkt nebenan. „Eine Networking-Veranstaltung“, sagt er und lächelt freundlich. Deutsche Netzbetreiber seien auch dabei gewesen. Der Geschäftsführer und Mitgründer des zweitgrößten Windkonzerns der Volksrepublik, Envision, ist in letzter Zeit häufiger in der deutschen Hauptstadt.

Er ist auf der Suche nach vielversprechenden Investitionsmöglichkeiten – vor allem in Europa. „Europa ist für uns sehr wichtig. Als Technologieinnovator, als Zulieferer und als Blaupause für die Energiewende“, sagt Zhang. In den nächsten drei Jahren will Envision eine Milliarde Euro in Beteiligungen und Übernahmen investieren. Damit ist Felix Zhang Teil des Plans der chinesischen Regierung. Ob er will oder nicht.

Bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik im Jahr 2049 soll die Marke „Made in China“ nicht mehr für billige Massenware, sondern für Innovation, Qualität und Effizienz stehen – und China zur führenden Industrie-Supermacht aufsteigen. Dazu hat die Regierung unter Staatschef Xi Jinping zehn Kernbereiche ausgemacht. Neben Robotik, Biomedizin und Informationstechnologie will die Volksrepublik auch bei Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien weltweit Standards setzen.

Dass Hunderte Millionen Chinesen unter extremer Luftverschmutzung leiden, ist für die Regierung in Peking nur einer von mehreren Gründen, den Ausbau emissionsarmer Technologien zu forcieren. China erhofft sich vor allem das ganz große Geschäft mit der globalen Energiewende.

Aggressive Expansionsstrategie

Um dieses Ziel zu erreichen, steckt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mehr Geld als jede andere Nation in den Ausbau grüner Technologien. Laut dem McKinsey Global Institute sind es jährlich mehr als 100 Milliarden Dollar und damit mehr als die USA und Europa zusammen.

Während die Energiewende in ihrem Ursprungsland, Deutschland, stockt, dominieren chinesische Ökokonzerne dank staatlicher Subventionen längst nicht mehr nur auf dem heimischen Markt, sondern expandieren in einem rasanten Tempo in den Rest der Welt.


Um sich Technik und Know-how für die strategisch wichtige Branche zu sichern, verfolgen chinesische Unternehmen dort eine mitunter als aggressiv empfundene Expansionsstrategie. Allein im vergangenen Jahr hat das Land laut dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) 44 Milliarden Dollar in grüne Investments außerhalb Chinas gesteckt, in insgesamt 18 Projekte von Deutschland bis Pakistan.

Ein Jahr zuvor waren es lediglich elf solcher Milliardendeals gewesen. Tim Buckley, Direktor des Think Tanks IEEFA, ist sich sicher, China mache sich bereit, die alleinige Führungsrolle bei grünen Energien zu übernehmen: „China versteht, dass erneuerbare Energien eine riesige wirtschaftliche Chance bieten.“

Beispiel Photovoltaik: Vor drei Jahren überschwemmte China den europäischen Markt mit Billigmodulen. Wo vorher deutsche Modulhersteller wie Solarworld, QCells oder Phoenix Solar den Takt vorgaben, führt mittlerweile die chinesische Konkurrenz von Jinko Solar bis Suntech die Rankings an.

Unter den Top Ten der größten Solarkonzerne findet sich heute kein einziges europäisches mehr. 60 Prozent aller Solarzellen kamen 2017 nach Zahlen der internationalen Energieagentur (IEA) bereits von chinesischen Produzenten.


Und auch in der Windindustrie wächst die Konkurrenz aus Fernost. Mit Goldwind stammt nach der dänischen Vestas und dem deutsch-spanischen Gemeinschaftsunternehmen Siemens Gamesa, der drittgrößte Windkonzern der Welt ebenfalls aus China. Auch Envision hat sich laut dem aktuellen Ranking der größten Turbinenhersteller des Marktforschungsunternehmens FTI Intelligence bereits auf den sechsten Platz vorgearbeitet und will weiter nach oben.

Für Envision-Geschäftsführer Zhang geht es dabei allerdings weniger um die alleinige Vorherrschaft chinesischer Konzerne, sondern vielmehr darum, ein gemeinsames Ziel zu erreichen: „Wir wollen eine hundertprozentige grüne Versorgung. Da kommt man mit nationalem Denken nicht weiter, sondern nur mit grenzübergreifender Zusammenarbeit.“

Dass Sonnenenergie mittlerweile zu den günstigsten Stromquellen der Welt gehört, ist für ihn ein Ergebnis ebensolcher deutsch-chinesischer Zusammenarbeit. „Deutschland hat die Grundtechnologie vorangetrieben, und China hat das Ganze dann industrialisiert“, sagt Zhang. China sei nie als Technologie-Vorreiter wahrgenommen worden, aber das werde sich in den nächsten Jahren ändern. Da ist sich der Unternehmer sicher.

Diese Entwicklung beobachten auch deutsche Solarkonzerne wie der Modulhersteller Solarwatt. „Chinesen sind längst nicht mehr nur Nachahmer“, sagt Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus: „Wenn wir nicht aufpassen, setzt nicht mehr Europa Standards in Sachen Erneuerbaren, sondern China.“

Stromnetz als Schlüssel zum Erfolg

Gelingen könnte das mit einer Technik, bei der China die Vorreiterrolle schon übernommen hat: Stromleitungen mit Ultrahochspannungstechnik (UHV). Diese verlieren beim Stromtransport über weite Strecken deutlich weniger Leistung als herkömmliche Hochspannungsleitungen – und könnten so ein Grundproblem der Energiewende lösen: Den Transport von Wind- und Solarstrom von klimatisch günstigen Standorten zu den Verbrauchern. „In Europa könnte UHV zum Beispiel genutzt werden, um Stromnetze länderübergreifend zu verbinden“, erklärt IEEFA-Direktor Buckley.

Auch hier stammen die Grundlagen für die Technologie aus Deutschland. Siemens und ABB waren Vorreiter in Sachen UHV. Da China allerdings als einziges Land Interesse an dem Bau von Ultrahochspannungsleitungen zeigte, kooperierten die deutschen Unternehmen mit dem chinesischen Staatskonzern State Grid.

Der hat die Technik mittlerweile industrialisiert und betreibt sie seit 2009 erfolgreich im eigenen Land. Der ehemalige US-Energieminister Steven Chu nannte den Durchbruch bei der UHV-Technik einmal Chinas „Sputnik-Moment“. Wie damals im Jahr 1957, als die Russen vor den Amerikanern einen Satelliten ins All schossen, hätten sich die Chinesen bei Stromleitungen einen technologischen Vorsprung erarbeitet.


Die State Grid Corporation of China (SGCC) gilt nun als Experte in dem Bereich und ist mit einer Milliarde Kunden gleichzeitig der größte Netzbetreiber der Welt. Bis 2050 will State Grid mit seiner Technik eine ganz große Vision verwirklichen: Ein Stromnetz, das die Länder rund um den Globus miteinander verbindet. Entsprechende Deals hat es laut IEEFA schon in Chile, Brasilien, Russland, Portugal, Nigeria, Südafrika, Pakistan und Australien gegeben.

Zuletzt hatte State Grid auch versucht, in Deutschland Fuß zu fassen und einen 20-prozentigen Anteil am Netzbetreiber 50Hertz zu übernehmen, war dabei aber am Widerstand der Bundesregierung gescheitert.

Laut Xu Yin-chong, Autorin des Buches „Sinews of Power: Die Politik des State-Grid-Konzerns“, lassen sich die Investitionen von State Grid in zwei Kategorien aufteilen. Zum einen die Direktinvestitionen, wie in Pakistan, wo der Konzern das nationale Netz aufbaut und betreibt. Zum anderen in Fällen wie Australiens NSW Transgrid und Deutschlands 50Hertz, bei denen der Staatskonzern aus Xus Sicht eher eine profitable Minderheitenbeteiligung in den Vordergrund stellt. 

Buckley, der den chinesischen Energiesektor schon seit mehr als einer Dekade beobachtet, sieht jedoch noch einen anderen Unterschied. Für ihn sind State Grids bisherige Akquisitionen „Puzzleteile, die langfristig ein Gesamtbild ergeben werden“. Bisher seien die Einkäufe zwar nicht systematisch gewesen.

„Langsam geht der Konzern allerdings auch strategisch an die Zukäufe, um seine Standards in der Netztechnologie zu verbreiten“, meint Buckley. Mit Kaufangeboten wie bei dem deutschen Netzbetreiber 50Hertz sei das Unternehmen allerdings immer mehr auf politischen Widerstand gestoßen. „Immerhin geht es hier um kritische Infrastruktur. Das ist für viele Länder eine Frage der nationalen Sicherheit“, sagt Buckley.

Chinesischer Konzern plant Milliardendeal in Portugal

Andere sind aufgeschlossener: In Brasilien ist State Grid beispielsweise bereits der größte Netzbetreiber. Auch in Europa hat der Konzern schon den Einstieg geschafft und ist in Portugal größter Aktionär von REN, Portugals staatlichem Netzbetreiber.

Aber auch andere chinesische Energiekonzerne sind auf Einkaufstour. Ebenfalls in Portugal will Staatskonzern China Three Gorges (CTG) einsteigen. Erst im Mai bot der Energiekonzern über neun Milliarden Dollar für knapp 77 Prozent an einem der größten Energieversorger Europas, Energias de Portugal (EDP), der besonders bei erneuerbaren Energien stark engagiert ist.


Sollte der Deal erfolgreich sein, wäre das portugiesische Unternehmen komplett in chinesischer Hand – die verbliebenen Aktien hält CTG bereits. Der Fall wird zeigen, ob die Europäische Union bereit ist, einer chinesischen Firma die alleinige Kontrolle über ein großes Unternehmen in einem der EU-Mitgliedstaaten zu überlassen.

Für den chinesischen Unternehmer Zhang sind die Sorgen der Europäer aber nicht nachvollziehbar. „Wenn eines der führenden Energieunternehmen weltweit mit europäischen Konzernen zusammenarbeiten will, ist das in meinen Augen etwas Gutes“, sagt der studierte Mathematiker. Europa könne doch vom Wissen des anderen profitieren, Sicherheitsbedenken sehe er jedenfalls keine.

Profitieren kann Europa vielleicht auch von der Zielstrebigkeit chinesischer Unternehmen bei der Energiewende. Auch die deutsche Industrie hegte schließlich einst den Traum von grenzübergreifenden Stromnetzen.

Desertec hieß das fulminant angelegte Großprojekt, das Europa über das Mittelmeer mit Sahara-Strom versorgen und dort klimaschädliche Kohlekraftwerke überflüssig machen sollte. Mittlerweile sind die Wüstenträume gescheitert, die meisten deutschen Technologie- und Baukonzerne wie Siemens, Bosch, Eon oder Bilfinger haben dem Vorhaben bereits den Rücken gekehrt. Den Unternehmen fehlte am Ende das Durchhaltevermögen für die Jahrhundertvision. Dagegen ist unter den letzten verbliebenen Gesellschaftern noch ein chinesischer Netzbetreiber: State Grid.