In Chicago stirbt ein junger Banker – Institut weist Spekulationen über Überarbeitung als Ursache zurück

Bei einer Investmentbank in Chicago stirbt ein Praktikant. Er soll „verrückte Nachtschichten“ eingelegt haben. Der Fall erinnert an einen ähnlichen Todesfall.


Unter Bankern und Börsenhändlern macht eine traurige Nachricht die Runde: Ein junger Mitarbeiter der auf Mittelstand spezialisierten Investmentbank Lincoln International in Chicago ist gestorben.

Die ersten Meldungen über den Tod des Bankers, der ein Praktikum bei Lincoln über den Sommer machte, tauchten in dem auf die Finanzbranche spezialisierten Karriereportal „Wallstreet Oasis“ auf. Dort wurde spekuliert, er hätte „verrückte Nachtschichten“ einlegen müssen.

Inzwischen hat sich die Bank gegenüber dem Portal efinancialcarreers.com geäußert und den Tod des Bank-Mitarbeiters bestätigt. Sie bestreitet, dass die Arbeitszeiten etwas mit dem Tod des jungen Kollegen zu tun haben könnten. Bei Lincoln gebe es interne Standards, welche die Überarbeitung verhindern würden – die Gesundheit ihrer Mitarbeiter liege der Bank am Herzen.

Zugleich macht die Stellenausschreibung für Sommerpraktikanten der Bank aber deutlich: Lincoln international erwartet ein hohes Engagement – auch von ihren jüngsten Mitarbeitern. Zum Beispiel steht in der Beschreibung der als „Summer-Analysis“ bezeichneten Praktikumsstelle, dass sich der Aufgabenbereich des Mitarbeiters lediglich über seine Fähigkeiten, nicht über eine formale Jobbeschreibung definiere.

Auch verspricht das Unternehmen seinen Praktikanten „häufigen Kontakt mit Senior-Mitarbeitern“ sowie die Chance, direkt nach dem Praktikum eine Vollzeitstelle zu bekommen. Der Druck, unter dem die Bewerber des zehnwöchigen Programms stehen, ist also nicht eben gering.

Der Fall weckt Erinnerung an einen anderen Toten

Der Fall weckt Erinnerungen an den Tod des Bank-of-America-Praktikanten Moritz Erhardt im Jahr 2013. Auch dieser Fall wurde in einem Online-Forum bekannt. Erhardt starb nach einem epileptischen Anfall in London, nachdem er 72 Stunden am Stück gearbeitet hatte.

Seit Erhardts tragischem Tod versucht die Banken- und Finanzbranche, Jungbanker vor Überarbeitung zu schützten. So gibt es bei der US-Investmentbank Goldman Sachs zum Beispiel eine „Samstagsregel“, die besagt, dass Praktikanten zwischen Freitagabend und Sonntagfrüh eine Pause einlegen müssen. Bei Bank of America müssen Analysten an vier Tagen im Monat freinehmen.


Fraglich ist allerdings, wie konsequent die neuen Regeln umgesetzt werden. Dass dies eher nicht konsequent der Fall ist, lässt die Lektüre eines Chats unter Junganalysten bei „Wall Street Oasis“ vermuten. So fragt ein Nutzer in einem Forum-Eintrag von Mitte Juli, mit wie vielen Arbeitsstunden er bei einer Bank zu rechnen habe: „Natürlich weiß ich, dass ein Vollzeitanalyst mit mehr als 80 Stunden pro Woche zu rechnen hat – aber auch ein Praktikant?“

Die Antworten lassen den angestrebten Kulturwandel zweifelhaft erscheinen: „Ich arbeite 85 bis 90 Stunden pro Woche“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer findet offenbar, dass er vergleichsweise wenig zu tun hat: „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden pro Woche – aber nur, weil die Wochenenden für Praktikanten Pflicht sind, und die Personalabteilung sie einfordert.“