Produktion der Chemie bricht ein

Frankfurt/Main (dpa) - Die deutsche Chemie- und Pharmabranche kürzt ihre Produktion wegen der rasant gestiegenen Energiepreise immer weiter.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) erwartet nun, dass die Herstellung in der Branche dieses Jahr um 5,5 Prozent schrumpfen wird. Die Produktion der Chemie alleine betrachtet dürfte gar um 8,5 Prozent zurückgehen, teilte der VCI am Mittwoch in Frankfurt mit.

«Wir müssen uns im wahrsten Sinne des Wortes warm anziehen, um diesen Winter und auch das kommende Jahr zu überstehen», sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. «Die Drosselung der Produktion ist ein erster Schritt. Wenn bestimmte Prozesse ganz stillgelegt werden müssen, laufen sie möglicherweise nie wieder an.» Bisher hatte der Verband mit einem Produktionsrückgang von 1,5 Prozent gerechnet und mit einem Minus von 4 Prozent für das reine Chemiegeschäft.

Im zweiten Quartal sank die Produktion in der Chemie- und Pharmabranche um 6,4 Prozent zum Vorquartal. Während es etwa bei Wasch- und Körperpflegemitteln kaum Einbußen gab, sank die Produktion von Arzneien kräftig um 8,6 Prozent. Der Umsatz wuchs wegen der stark steigenden Preise um 3,4 Prozent auf fast 65 Milliarden Euro. Er könnte zwar dieses Jahr immer noch zweistellig wachsen, so der VCI. Ein Grund zur Freude sei das aber nicht, da das Umsatzplus nur kostengetrieben sei. Es falle Betrieben immer schwerer, die hohen Energie- und Rohstoffkosten an Kunden weiterzugeben.

Branche benötigt viel Gas

Die Geschäftserwartungen der Branche seien im Keller, teilte der VCI weiter mit. Man rechne überwiegend mit einem sehr schwierigen zweiten Halbjahr. Während Chinas Wirtschaft erheblich geschwächt sei, sei die US-Wirtschaft schon das zweite Quartal in Folge geschrumpft. Die EU werde unter anderem wegen der Energiekrise voraussichtlich in eine Rezession stürzen. Dies gelte gerade für Deutschland.

Eine Entspannung auf den Energiemärkten, wo sich besonders Gas und Öl rasant verteuert haben, ist nach Einschätzung des VCI nicht in Sicht. Hinzu komme die Unsicherheit, ob im Winter eine Rationierung des Gases nötig sein werde.

Die Chemie- und Pharmaindustrie ist von der Energiekrise besonders betroffen. Die Branche ist laut VCI mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher, knapp ein Drittel des Industrieverbrauchs entfällt auf sie. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln.

Lohnsteigerungen der Mitarbeiter im Herbst?

Die Gewerkschaft IG BCE hat vor der Fortsetzung der Chemie-Tarifrunde im Oktober erneut deutliche Lohnsteigerungen verlangt. «Den Beschäftigten rinnt das Geld täglich schneller durch die Finger, gleichzeitig verdienen die meisten ihrer Arbeitgeber weiterhin gut», begründete ihr Vizechef und Verhandlungsführer Ralf Sikorski die Position nach einer internen Sitzung der Bundestarifkommission in Hannover. Die gut 580.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche müssten durch eine nachhaltige Erhöhung der Entgelte von der starken Inflation entlastet werden. So könne der Konsum auch die schwächere Konjunktur absichern.

Anfang April hatten sich die IG BCE und der Arbeitgeberverband BAVC zunächst nur auf einen Teilabschluss für den drittgrößten deutschen Industriezweig geeinigt. Wegen der schon damals hohen Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine beschlossen sie eine Einmalzahlung von 1400 Euro pro Kopf als vorläufige «Brückenlösung» - im Herbst sollte dann weiterverhandelt werden. Am 17. und 18. Oktober wollen beide Seiten ihre Gespräche in Wiesbaden wieder aufnehmen.

In Firmen in wirtschaftlicher Not konnte der einmalige Betrag auch auf 1000 Euro gekürzt werden. Die Gewerkschaft will aber nach wie vor ein dauerhaftes Lohnplus, das Eingang in die Tariftabellen erhält.

Der Verhandlungsführer des BAVC, Hans Oberschulte, warnte die Gewerkschaft vor überzogenen Erwartungen: «Auf die Betriebe rollt eine Kostenlawine bei Gas und Strom zu, die erste Unternehmen bereits zum Drosseln oder Abschalten von Anlagen zwingt.» Es gehe nun darum, die Wettbewerbsfähigkeit die deutschen Chemieindustrie zu sichern.