Chelsea Manning Beauty-Spezial: „Das ist ein Ausdruck meiner Menschlichkeit“

Chelsea Manning (Bild: Chelsea Manning, Bearbeitung: Quinn Lemmers/Yahoo)

Anmerkung der Redakteurin: Chelsea Manning ist seit 2010 in den Schlagzeilen – zuerst, weil sie diplomatische Telegramme kopierte und der Öffentlichkeit zugänglich machte, was dazu führte, dass sie nach dem US-Espionage Act angeklagt wurde, und dann, als sie sich 2013, an dem Tag, an dem sie zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde, als Transgender outete. Nach sieben Jahren im Gefängnis und zweifachem Selbstmordversuch wurde sie vom damaligen Präsidenten Barack Obama begnadigt. Manning wurde im Mai aus dem Gefängnis entlassen und begann sofort damit, ihr neues Leben in Freiheit auf Instagram zu dokumentieren. Mit Yahoo Beauty teilt sie exklusiv, wie es ist, vor der Welt ganz offen mit ihrer Identität umzugehen und wie sich ihre Selbstentfaltung durch ihre Herangehensweise an Schönheit und Style ständig weiterentwickelt.

Als Präsident Trump den Transgender Military Ban verkündete, war ich zufällig nur zehn Blocks vom Weißen Haus entfernt. Es gab eine spontane Demo, und bevor ich hinging, verbrachte ich eine Millisekunde mit der Überlegung, was ich anhatte – komplett schwarze Kleidung, Doc Martens, Hosen von 5.11 Tactical — und ob ich mich umziehen sollte.

Aber mir wurde klar, dass ich keine bestimmte Kleidung tragen musste, dass ich einfach nur ich sein kann.

Für das Instagram-Foto legte ich meinen dunklen Lippenstift auf und wählte meine Lippenstiftfarbe sorgfältig. Ich sage nicht nur: „Ich mag diese mutige Farbe.“ Es ist ein Ausdruck meiner Menschlichkeit. Und Schönheit ist für mich Selbstentfaltung.


Dachte mir, ich zeige mein Gesicht am neuen Ground Zero des Krieges gegen die Trans-Community, wisst ihr #WeGotThis 

 

Jetzt, wo ich geoutet und frei bin, liebe ich es, mit Make-up zu experimentieren. Ich setze es ein, um unterschiedliche Stimmungen auszudrücken und zu betonen, was ich in einem bestimmten Moment sage. Meistens trage ich eine flüssige Grundierung auf, ein bisschen Puder für Highlights, Eyeliner, eine Mascara-Basis und Mascara und dazu entweder Lippenstift oder Gloss für tagsüber. Ich trage oft auffallenden Lippenstift, weil ich versuche, auffallende Statements zu machen: Ich bin hier und ich bin frei und kann tun, was immer ich will.

 

Das erste Mal, dass die Welt mich sah, wie ich mich sehe, ist das Bild von mir mit blonder Perücke, das ich an meinen Vorgesetzten schickte und das im Internet die Runde machte. Ich habe das Foto selbst gemacht, als ich im Januar 2010 Urlaub hatte. Ich machte es als kleines Andenken daran, wer ich in diesem Moment war. Ich hatte nie die Absicht, dass es mit der Welt geteilt wird.

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Wenn ich das Bild heute ansehe, sehe ich mich – aber ich sehe mich in einer Phase, in der ich versucht habe, mich zu verstehen. Heute bin ich näher an meinem wahren Ich als damals auf dem Foto. Aber soweit zu kommen war ein Prozess.

Das berühmte Foto, das Chelsea 2010 von sich selbst machte. (Bild: U.S. Army via AP, File)

Als ich mit 20 zum Militär ging, hatte ich jahrelang verleugnet, wer ich war. Ich war offen schwul, machte einige Cross-Dressing-Phasen durch und hatte sogar darüber nachgedacht, das Geschlecht zu wechseln, aber ich verleugnete mich völlig. Um das überzukompensieren – und weil ich immer daran erinnert wurde, wie unzulänglich ich als Mann war –, ging ich zum Militär. Ich dachte: „Ich muss mich einschreiben und mich wie ein echter Mann benehmen.“

Dieser Gedanke ist wirklich zermürbend.

Die einzige Zeit, zu der ich mich im Militär überhaupt nicht wohl gefühlt habe, waren die privaten Gespräche. Es gibt die Tendenz, besonders bei jungen Männern, Frauen hinter geschlossenen Türen zu sexualisieren und herabzusetzen. Sie haben lächerliche, vulgäre Dinge über Frauen gesagt, haben sie Schlampen und Huren genannt und sie im Grunde nur wie Objekte behandelt. Das war eine Grenze, die ich einfach nicht überschreiten konnte. Ich habe versucht, derartige Macho-Gespräche zu vermeiden, weil das zwangsläufig aufgekommen wäre. Ich habe mich sehr stark distanziert.

 

Anderseits habe ich meinen Job geliebt und meine militärische Laufbahn sehr ernst genommen. Es gibt da diese Idee, dass die Leaks und das Ganze nicht passiert wären, wenn ich nicht trans wäre. Doch für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Hätte ich mich früher geoutet, hätte es mich noch immer zum Militär gezogen, denke ich, aber ich hätte mich wohler gefühlt und wäre mit den Leuten besser ausgekommen. Mich zu verstecken, hat mich oft in Situationen gebracht, in denen ich mich nicht konzentrieren oder nicht klar denken konnte.

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Ich liebe meinen Job und hätte ich mich früher geoutet, hätte ich ihn, glaube ich, sogar noch besser gemacht.


In Solidarität! ❤️ Wir verteidigen uns gegen Faschismus ✊✊✊✊✊✊ mit allen erforderlichen Mitteln sind wir die #RealResistance  #WeGotThis

 

Jetzt versuche ich, mutig zu sein. Ich versuche, ich selbst zu sein. Ich glaube wirklich an diese Idee, dass niemand anderer für uns sprechen sollte. Aber was die vergangenen 20 Jahre passiert ist, ist, dass die Queer- und Trans-Community davon abhängig war, dass Menschen, die weder queer noch trans sind, an Stätten der Macht für uns sprechen, egal, ob das die staatliche Legislative oder ein Gerichtssaal ist. Wir müssen jetzt mehr denn je zuvor vortreten und für uns selbst sprechen.

Die Leute fragen mich, ob ich mich für ein politisches Amt bewerben und diese Stimme sein will, aber die Wahrheit ist, dass ich noch nicht dazu bereit bin, größere Entscheidungen zu treffen. Für den Augenblick lebe ich mich in meiner neuen Wohnung ein und sehe mir Handmaid’s Tale an. Ich verwerfe keine der größeren Sachen, aber zuerst muss ich ein Sofa und einen Couchtisch kaufen.

Chelsea Manning (Bild: Janus Cassandra Kopfstein)

Ich verfeinere außerdem meinen Stil und perfektioniere meine Make-up-Skills. Ich bin eine Null, wenn es um Lidschatten gibt, deshalb habe ich keinen getragen, aber ich sehe mir YouTube-Videos an und übe. Ich entlehne viele Elemente aus der Punk- und Popkultur und baue viel vom Cyberpunk-Look ein. Die Leute sagen mir, dass ich wie eine Figur aus einem Cyberpunk-Film bin, also kann ich mich ebenso gut so anziehen.


Noch ein schöner Tag im Park – führe meinen Neo-Cyberpunk-Look aus – wie ein Boss <3

 

Aber die Sache ist die: Es gibt keine öffentliche Chelsea und keine private Chelsea, es gibt einfach nur Chelsea. Ich bin noch immer dieselbe Person, die ich immer war, innerlich und äußerlich. Alles, was ich durchgemacht habe, hat mein Gespür für mich selbst und dafür, wer ich bin, gestärkt. Ich habe keine öffentliche Persona. Die Person, die ihr seht, ist die Person, die ich bin.