Die Chefs der Tech-Unternehmen haben alle den gleichen Fehler gemacht – jetzt zahlen ihre Beschäftigten den Preis

Parag Agrawal, Elon Musk und Mark Zuckerberg (v.l.n.r.) - Copyright: Kevin Dietsch, Carina Johansen, and Tobias Hase/Picture Alliance, all via Getty Images
Parag Agrawal, Elon Musk und Mark Zuckerberg (v.l.n.r.) - Copyright: Kevin Dietsch, Carina Johansen, and Tobias Hase/Picture Alliance, all via Getty Images

Schon die Toten Hosen sangen „Nichts hält für die Ewigkeit“. Damit sollten sie Recht behalten und diese Weisheit macht auch vor den größten Technologie-Konzernen der Welt nicht Halt.

Dennoch findet im Silicon Valley gerade ein Blutbad sondergleichen statt, da die Tech-Firmenchefs zu Tausenden Arbeitsplätze abbauen. Erst in dieser Woche haben Meta (ehemals Facebook) und Salesforce umfangreiche Stellenstreichungen vorgenommen und sich damit Firmen wie Stripe, Snap, Netflix und Oracle angeschlossen, bei denen es in letzter Zeit auch zu Massenentlassungen gekommen war.

Das sind alles sehr unterschiedliche Unternehmen, aber sie haben eines gemeinsam: Sie sind schnell gewachsen, als die Pandemie die Nachfrage nach digitalen Produkten und Dienstleistungen ankurbelte – und wurden auf dem falschen Fuß erwischt, als die Kombination aus einer Rückkehr zu einer (relativen) Normalität, steigenden Zinsen und der Inflation die guten Zeiten von jetzt auf gleich beendete.

Zuckerberg gibt zu, sich verkalkuliert zu haben

"Zu Beginn von Covid-19 Anfang 2020 verlagerte sich die Welt rasch ins Internet, und ein Ansturm im elektronischen Handel führte zu einem überdurchschnittlichen Umsatzwachstum. Viele Menschen sagten voraus, dass dieses Verhalten der Konsumenten von Dauer sein würde und auch nach dem Ende der Pandemie anhalten würde", schrieb Mark Zuckerberg in einer E-Mail an die Mitarbeiter, in der er erläuterte, warum er 11.000 Stellen bei Meta abbaut. "Das dachte ich auch, und deshalb habe ich beschlossen, unsere Investitionen deutlich zu erhöhen. Leider hat sich dies nicht so entwickelt, wie ich erwartet hatte", schrieb der Facebook-Chef.

Aber mit seiner Fehleinschätzung war er nicht allein, denn viele andere Tech-Koryphäen äußerten in letzter Zeit ähnliche Gedanken: "Wir haben zu viele Mitarbeiter für die Welt, in der wir leben, eingestellt", schrieben die Gründer von Stripe in einer Botschaft an ihre Mitarbeiter, mit der sie ankündigten, dass sie 1000 Mitarbeiter oder 14 Prozent ihrer Belegschaft entlassen würden.

All dies wirft natürlich die nächste Frage auf. Wie konnten diese Top-Führungskräfte aus der Tech-Branche – von denen man im Allgemeinen annahm, dass sie bewährte, intelligente und fähige Superhirne mit Zugang zu Bergen wertvoller Daten sind – die Situation so falsch einschätzen?

Man war zwar zuhause, gekauft wurde trotzdem

Der Fairness halber muss man sagen, dass ihre Herangehensweise nicht völlig unlogisch war. In den ersten Tagen der Pandemie stellten mehrere Unternehmen keine neuen Mitarbeiter ein oder nahmen Entlassungen vor, um Kosten zu sparen, weil sie davon ausgingen, dass die Krise die Wirtschaft dämpfen würde. "Es wird noch einige Zeit dauern – vielleicht mehrere Quartale – bis wir sicher sein können, dass das Virus eingedämmt ist", schrieb die ehrwürdige Risikokapitalgesellschaft Sequoia in einem Rundschreiben vom März 2020, in dem sie Startups vor harten Zeiten warnte. "Es wird noch länger dauern, bis die Weltwirtschaft wieder auf die Beine kommt. Einige werden eine nachlassende Nachfrage erleben, andere werden mit Lieferproblemen konfrontiert."

Stattdessen geschah das Gegenteil: Die Menschen verbrachten mehr Zeit damit, online einzukaufen, Videos auf YouTube oder TikTok anzuschauen, Spiele wie Roblox oder Among Us zu spielen und generell ihr Geld in den Technologiesektor zu stecken. Startups sammelten Kapital in atemberaubender Höhe ein, während die Aktienkurse der großen Technologieunternehmen in die Höhe schnellten. Selbst die leidgeprüfte Hardware-Industrie erlebte eine Art Renaissance, da die Menschen neue Geräte für die Arbeit im Homeoffice kauften.

Man kann sich leicht vorstellen, dass sich dieser plötzliche Umschwung wie eine zweite Chance anfühlte, eine Gelegenheit, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, und große Ziele zu verfolgen. Angesichts der niedrigen Zinsen und der Tatsache, dass die Arbeit von zuhause aus einen noch nie dagewesenen Zugang zu Talenten ermöglichte, fühlte es sich wie ein entscheidender Moment in der Geschichte der Technologiebranche an. Führungspersönlichkeiten wie Larry Ellison von Oracle gingen sogar so weit, die Videokonferenz-Anwendung Zoom – einer der Lieblinge der Pandemie-Zeit – als "unverzichtbaren Service" zu loben, der die Arbeitswelt dauerhaft verändert habe.

Dennoch gab es lange Zeit Anzeichen dafür, dass die guten Zeiten nicht ewig andauern würden. Vor fast einem Jahr meldete Zoom ein Wachstum, das weit hinter den Erwartungen der Wall Street zurückblieb – ein Zeichen dafür, dass die Verfügbarkeit von Impfstoffen und die allgemeine Wiederbelebung der Weltwirtschaft die Abhängigkeit von der Technologie schwinden lassen würde. Im Sommer teilte Roblox mit, dass es für die absehbare Zukunft mit Verlusten rechnet, da seine eher jugendliche Nutzerbasis mehr Zeit im Freien verbringt. Die Technik spielt im täglichen Leben heute immer noch eine wichtige Rolle, aber sie steht nicht mehr das Zentrum des Alltagslebens.

Es ist also bis zu einem gewissen Grad verständlich, dass Gründer wie Zuckerberg investierten, als hätte sich die Welt für immer verändert. Aber es gilt eben: Nichts währt ewig. Und diese Spekulationen haben viele Tausende Menschen ihren Lebensunterhalt gekostet, wenn sie nicht sogar ihre Abschiebung aus den USA bedeuten, wie das bei eingewanderten Mitarbeitern der Techbranche ist.

Es ist positiv zu bewerten, dass Zuckerberg und andere Führungskräfte hier für ihre Fehler einstehen. Aber ihre Reaktionen zeigen bestenfalls eine erschreckende Naivität und schlimmstenfalls ein schlichtes Versagen der Vorstellungskraft, wenn sie ernsthaft behaupten, dass sie diesen Wandel nicht kommen sahen.

Dieser Text wurde übersetzt von Christiane Rebhan, das Original findet ihr hier.