Charr feiert und tönt: "Frau Merkel, wir haben es geschafft!"

Als sich Manuel Charr zum ersten deutschen Schwergewichts-Weltmeister gekrönt hatte, nahm der frisch gebackene WBA-Boxchampion gleich ein noch größeres Ziel ins Visier.

Nach seinem Punktsieg im Kampf um den vakanten Titel gegen den 40 Jahre alten Russen Alexander Ustinow dankte er Deutschland, grüßte die Bundeskanzlerin und forderte Klitschko-Bezwinger Anthony Joshua heraus.

"Frau Merkel, wir haben es geschafft, wir sind Weltmeister. Das ist mein Geschenk für alle", rief Charr ins Mikrofon, "den Titel habe ich für Deutschland gewonnen, dem ich so viel zu verdanken habe."

Charr fordert Klitschko-Bezwinger Joshua heraus

Bei der Pressekonferenz nach dem Sieg in Oberhausen, wo unter anderem Fußballprofi Kevin Großkreutz von Darmstadt 98 am Ring mitgefiebert hatte, führte der "Diamond Boy" seine One-Man-Show fort und setzte noch einen drauf.

"Ich bin der Beste, ich will nur gegen die Besten boxen", sagte Charr und forderte den vor ihm stehenden WBA-Superchampion Joshua erneut zum Duell.

Ein bereits früher geplanter Kampf sei damals aus finanziellen Gründen gescheitert. Jetzt, "als Weltmeister gibt es keine Ausreden mehr. Ich möchte dich im Ring treffen", rief Charr dem Engländer zu.


Sollte es tatsächlich zu einem Aufeinandertreffen im Ring kommen, wäre Charr mit seinen beschränkten boxerischen Mitteln krasser Außenseiter gegen die K.o.-Maschine Joshua.

Der Brite gewann alle seine 20 Kämpfe vorzeitig, egal, wie gut seine Gegner auch waren. Auch WBC-Champ Deontay Wilder aus den USA, der alle 39 Profikämpfe gewann, davon 38 vorzeitig, boxt in einer eigenen Liga.

Erster Schwergewichts-Champion seit Schmeling

Dennoch spuckte Manuel Charr, der mit seinem 31. Sieg (17. durch K.o.) in 35 Kämpfen nun seinen ersten bedeutenden Titel trägt, an "seinem" Abend große Töne.

Charr ist zwar in der Tat der erste Deutsche mit dem Schwergewichtsgürtel seit dem legendären Max Schmeling, der von 1930 bis 1932 Champion war. Doch an das Niveau des 33-Jährigen reicht um Längen nicht an das der Boxikone heran.


Dass Charr überhaupt zum WM-Kampf gegen Ustinow antreten durfte, sprach für die mangelnde Klasse eines Titelkampfes, den es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen.

Er kam nur zustande, weil die Titelkämpfe der höher eingeschätzten Luiz Ortiz (Kuba/Nr. 1) und Shannon Briggs (USA/Nr. 4) geplatzt waren.

Zum Vergleich: Charr wird im Ranking des Box-Portals boxrec.com nach seinem WM-Triumph an Position 47 geführt, Ustinow rutschte von Rang 2 auf 39 ab.

Bisher nur zweitklassige Gegner

Seine zuvor gewonnenen Begegnungen hatte Charr gegen zweitklassige Gegner bestritten. Dagegen kassierte der selbsternannte "Koloss von Köln" seine vier Niederlagen unter anderem gegen Weltklasseboxer wie Vitali Klitschko. 2012 unterlag er dem ehemaligen WBC-Champion in Moskau durch technischen K.o.

Von seinen Anhängern wurde Manuel Charr trotzdem als Held gefeiert. Immer wieder brandete tosender Applaus auf, wenn Charr den wuchtigen Ustinow einmal getroffen hatte.

Als er gegen den zunehmend schwächelnden Ustinow immer mehr das Kommando übernahm und den Russen in der achten Runde mit der Linken zu Boden schlug, hielt es kaum einen der rund 5000 Zuschauer mehr auf den Sitzen.

2015 in Imbissbude angeschossen

Für Charr war es "das Comeback des Jahres".

Im September 2015 war er in einer Imbissbude in Essen angeschossen worden, im Mai dieses Jahres bekam er zwei neue Hüftgelenke eingesetzt, bereits ein halbes Jahr später kehrte er nun erfolgreich wie nie zuvor in den Ring zurück.

Und will jetzt den Fight gegen Joshua.