Charité-Chef lehnt Handreichungen zu Behandlungsprioritäten ab

Der Vorstandschef der Berliner Klinik Charité, Heyo Kroemer, sieht die Diskussion über mögliche Auswahlkriterien, welchen Corona-Patienten bei Engpässen noch geholfen wird und welchen nicht, mit großer Skepsis. "In Deutschland gilt nach wie vor das Credo, jeden Menschen nach den jeweils individuellen Möglichkeiten zu behandeln", sagte Kroemer am Donnerstag in Berlin. Handreichungen für Auswahlentscheidungen halte er derzeit nicht für sinnvoll.

Bisher sieht Kroemer "gute Chancen", dass der Grundsatz der individuell bestmöglichen Behandlung für jeden Patienten auch in der Corona-Krise nicht aufgegeben werden müsse. Er verwies dabei auf die in Deutschland geplante Verdopplung der Zahl der Intensivbetten auf 56.000 und Anstrengungen, auch Kliniken abseits der großen Zentren durch Schulungen und den Einsatz von Telemedizin besser für den Umgang mit der Pandemie zu rüsten.

Zudem entwickele sich die Zahl der Infizierten anders als zunächst befürchtet in Deutschland derzeit nicht mehr exponenziell, sagte Kroemer. Es könne sein, "wenn das noch eine Woche so weitergeht und dann ein Anstieg erfolgt, dass dann die Intensivkapazität in Berlin ausreichend ist" und Fragen nach Auswahlentscheidungen über Leben und Tod sich so nicht stellen würden.

Insofern setze man sich zwar an der Charité mit dieser Frage auseinander, aber es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, "um Handreichungen zu produzieren". Wenn es doch dazu kommen sollte, dass solche Auswahlentscheidungen getroffen werden müssten, "dann werden dies individuelle ärztliche Entscheidungen sein", hob Kroemer weiter hervor. Dazu müsse es dann allerdings auch eine gesellschaftliche Diskussion geben, um die Ärzte nicht mit solchen Entscheidungen allein zu lassen.

Kroemer reagierte auf einen von sieben medizinischen Fachgesellschaften vorgelegten Katalog mit Handlungsempfehlungen. In dem Papier heißt es laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es sei "wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürfen". Dadurch entstünden Entscheidungskonflikte. Die Handreichung solle für solche Fälle Orientierung bieten.

Bisher gibt es solche sogenannten Triage-Verfahren vor allem in der Katastrophenmedizin, wo Notärzte immer wieder darüber entscheiden müssen, welchen Verletzten sie zuerst helfen. Auch in der Corona-Krise gibt es jedoch - bisher allerdings nur außerhalb Deutschlands - bereits das Problem, dass Ärzte festlegen müssen, welchen Patienten sie beispielsweise ein Beatmungsgerät zur Verfügung stellen, wenn es nicht genug Geräte für alle Schwerkranken in einer Klinik oder Region gibt.