Chaostage im Bullshit Castle

Airbus-Chef Tom Enders nutzt den Bestechungsskandal zum Konzernumbau. Alte deutsch-französische Streitigkeiten brechen dabei wieder auf.


Die vergangene Woche war so recht nach dem Geschmack von Bruno Le Maire: „Ich freue mich über diese Nachricht. Was Airbus stärkt, was die europäische Luftfahrtbranche stärkt, geht in die richtige Richtung“, sagte Frankreichs Wirtschaftsminister und lobte gerade geschlossenen Deal des europäischen Luftfahrtverbunds Airbus.

Der hatte vergangenen  Montag kurz nach Mitternacht verkündet, dass er vom kanadischen Flugzeugbauer Bombardier die Mehrheit an dessen C-Series genannten Mittelstreckenjets übernimmt. „Wenn wir nicht mit Haut und Haaren gefressen werden wollen, ist es wichtig, dass unsere europäischen und französischen Unternehmen stärker werden“, so Le Maire weiter.

Inmitten der Affäre um Korruptionsvorwürfe ist Airbus-Chef Tom Enders damit ein schöner Coup gelungen. Stimmen die Aufsichtsbehörden zu, vergrößert der Deal nicht nur den Vorsprung gegenüber dem Erzrivalen Boeing im wichtigen Geschäft mit Mittelstreckenjets. Enders stärkt dann auch seine Führungsrolle – und kann eines der wohl größten Risiken im Konzern mildern: die zuletzt wieder aufkeimenden Grabenkämpfe zwischen der deutschen und der französischen Seite.




Denn in der Pariser Regierung, die gut elf Prozent der Aktien kontrolliert , sind nur wenige von Enders’ Tatendrang so begeistert wie Wirtschaftsminister Le Maire. Vor allem das Verteidigungsministerium sträubt sich gegen den Deutschen und seinen jüngsten Konzernumbau. Aber auch Präsident Emmanuel Macron und Alexis Kohler, der Generalsekretär des Elysée-Palasts, zeigen erhöhtes Interesse. Der französische Staat soll laut Presseberichten Airbus-Verwaltungsratschef Denis Ranque kneten, nicht zu nachsichtig mit Enders umzugehen. Denn aus Sicht der Beamten reißt Enders seit Monaten schon alle Macht im Unternehmen an sich. „Er hat das Organigramm so reorganisiert, dass alles auf ihn zuläuft“, sagt ein hoher Verteidigungsbeamter, der nicht namentlich genannt werden will.

Was die Ministerialen dabei besonders empört: Enders nutzt dazu selbst die aktuellen Ermittlungen in England und Frankreich wegen möglicher Bestechungen beim Verkauf von Waffen und Flugzeugen. „Im aktuellen Korruptionsskandal hat er sich einiger interner Widersacher entledigt – vor allem auf der französischen Seite“, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. 

Aufräumen in Frankreich

Nichts anderes als das mühsam austarierte Gleichgewicht in dem Konzern steht damit auf dem Spiel: „Diese Entwicklung kann für Airbus gefährlicher sein als alle Skandale der jüngeren Zeit“, warnt Branchenexperte Großbongardt. Die franko-germanischen Gegensätze bremsten den 2000 als EADS gegründeten Konzern besonders in den Anfangsjahren immer wieder. Später sorgten sie für Verspätungen und viele Milliarden Mehrkosten beim Bau des Superjumbos A380. Die führten das Unternehmen fast in den Abgrund.

Doch für den konfliktfreudigen Enders ist der Stress mit der französischen Seite eine unvermeidliche Nebenwirkung auf dem Weg zu seinem wichtigsten Ziel: Europas größten Luftfahrtkonzern weltweit zu etablieren und die Geschäftspraktiken der Gründerjahre zu beenden.




Enders muss zwangsläufig vor allem bei den Franzosen aufräumen. Da ist zum einen die Verkaufsabteilung namens Strategy & Marketing Organisation. Die intern SMO genannte Gruppe ist konzernweit mehr oder weniger allein zuständig für die großen Deals mit Armeen und Airlines, bei denen staatliche Eigentümer hohen Einfluss haben.

Und die weitgehend von den französischen Airbus-Vorgänger-Firmen übernommene Abteilung hat offenbar Vermittler eingesetzt, die sich nicht vor Bestechungen und fragwürdigen Methoden scheuten. Dies hörte auch nicht auf, nachdem Enders in seiner ersten Zeit als Co-Konzernchef 2007 an der Seite des Franzosen Louis Gallois den SMO-Chef Jean-Paul Gut entmachtet hatte, der dank hoher Verkaufsprovisionen als bestbezahlter Manager im Konzern galt. Es ging offenbar auch weiter, als Enders 2013 die SMO direkt dem Vorstand unterstellte. „Wer gegen die SMO oder ihre Interessen vorging, hatte sofort die französische Regierung am Hals“, sagt ein Konzerninsider.

Dagegen wehrt sich Enders nun mit aller Macht: Im „Bullshit Castle“, wie der kernige Westerwälder die SMO nennt, ging der Sturm in den vergangenen Monaten an fast keinem der rund 300 Schreibtische vorbei.

Als einer der Ersten musste Olivier Brun gehen. Intern war der Topmanager als „der Notar“ bekannt, weil er die Honorierung der Mittelsmänner organisierte. Auch prominentere Figuren wurden in diesem Jahr geschasst, wie der für die SMO zuständige Konzernvorstand Marwan Lahoud, Vertriebsleiter Militär Jean-Pierre Talamoni, Nahost-Direktor Bertrand de Gonville und der für das Afrikageschäft zuständige Jean-Philippe Gouyet. Laut Insidern muss wohl bald auch Anne Tauby, Direktorin für Marketing und Globalisierung, gehen.


„Wer hat ein Interesse daran, Airbus kaputt zu machen?“

Besonders haderte die Pariser Regierung dabei mit dem unfreiwilligen Abgang von Konzernvorstand Lahoud. So fehlte Enders als Frankreich im März dieses Jahres seinen sechsten Militärtransporter A400M auf dem Luftwaffenstützpunkt in Orléans feierlich in Empfang nahm. Dafür stand Lahoud auf der Gästeliste.

Den sowohl mit der französischen Politik als auch mit der heimischen Luftfahrt- und Rüstungsbranche bestens vernetzten Topmanager würdigte der damalige französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, als habe der intern als „oberster Franzose“ gehandelte Manager im Machtkampf mit dem Deutschen nicht gerade den Kürzeren gezogen, vor allem weil er Verkaufsagenten von außen verschwieg als Airbus in Großbritannien staatliche Fördergelder für Flugzeugentwicklungen verschwieg und damit die aktuellen Ermittlungen wegen möglicher Schmiergeldzahlungen ins Leben rief.

Dem abwesenden Enders schickte der Minister dagegen in seiner Rede eine klare Warnung: „Vertrauen ist schneller verloren als gewonnen.“




Inzwischen führt Le Drian das Außenministerium. Doch an dem Misstrauen gegenüber Enders hat sich nichts geändert. Wohl nicht ohne Grund: Enders schaffte es, selbst Fabrice Brégier, die neue Nummer eins der französischen Seite, im Konzern zur Seite zu drängen. Der Franzose leitete die kommerzielle Flugzeugsparte. Nun untersteht die mit Abstand größte Abteilung Enders persönlich. „Die Franzosen können weniger denn je sicher sein, dass einer ihrer Landsleute den Laden führt, wenn Enders wie erwartet in ein paar Jahren aufhört“, sagt Branchenkenner Großbongardt.

Die Wut der Franzosen ist damit noch nicht erschöpft. Sie stören sich auch daran, dass Enders neue Fabriken statt in Frankreich, in den USA oder China bauen lässt. Und viele im Unternehmen verübeln es dem „Amerikaner“, so Enders interner Spitzname, dass er zur Aufklärung der aktuellen Bestechungsaffären ausgerechnet US-Anwälte engagierte und ihnen dabei tiefe Einblicke ins Unternehmen gewährt, inklusive der staatlichen Teile. „Einfacher kann man es unserem Erzrivalen Boeing kaum machen“, ätzt ein französischer Manager. „Wer hat ein Interesse daran, Airbus kaputt zu machen?“, fragt ein anderer.

Dazu kreiden Enders viele die Berufung von Paul Eremenko zum Technologievorstand bei Airbus an. Denn vielen Franzosen gilt der in der Ukraine geborene Manager gebürtige Ukrainer als eine Art Maulwurf der USA. Der Grund: er war mal stellvertretender Leiter der Darpa genannten Forschungsorganisation des US-Verteidigungsministeriums. „Es gibt Versuche, Spannungen von außen in das Unternehmen zu tragen", erklärte Enders kürzlich.

Deutsch-französische Grabenkämpfe

Die Blockade jenseits des Rheins beunruhigt zunehmend die deutsche Seite. Auch hier wächst das Misstrauen. In Enders’ Umfeld etwa gehen einige davon aus, dass die jüngst den Medien gesteckten Dokumente mit belastenden Korruptionsvorwürfen von französischen Enders-Opfern stammen. Auch das brisante Material, wonach Airbus in Österreich bestochen haben soll und so dem Alpenland überdimensionierte Eurofighter andrehte, lastet man der französischen Seite an. „Das muss aus internen Quellen kommen“, ereifert sich etwa ein deutscher Airbus-Manager.




Zerreißt das Band nun endgültig, stürzt Airbus noch tiefer in die Krise? Enders ist gewillt, den Kampf durchzustehen. Er weiß, dass er anders keinen global agierenden, weltweit angesehenen Konzern aufbauen kann. Schon im aktuellen Bestechungsfall droht – egal, wie die Ermittlungen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder Österreich nun ausgehen – eine Strafe von mindestens zwei Milliarden Euro. „Und bei jedem weiteren Fall wird das mehr“, so ein Insider.

„Wenn wir jetzt alle an einem Strang ziehen, bin ich sicher, dass Airbus aus dieser Krise als besseres, stärkeres und wettbewerbsfähigeres Unternehmen hervorgehen wird“, hatte Enders in einem Rundbrief an die Mitarbeiter geschrieben, nachdem die Korruptionsvorwürfe bekannt wurden. Der Bombardier-Deal bietet ihm nun zumindest eine erste Chance zur Versöhnung.

KONTEXT

Staatliche Mitbestimmung: Die Airbus-Aktionäre

Freie Aktionäre

73,6 Prozent

Quelle: Unternehmen

Deutschland

11,1 Prozent

Frankreich

11,1 Prozent

Spanien

4,2 Prozent