Chaos-Tage in München: Der FC Bayern zerfleischt sich selbst

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Zum ersten Mal seit 2012 verlor der FC Bayern München an einem der drei ersten Spieltage. Doch die Pleite in Hoffenheim ist das geringste Problem. Mit drastischen Worten und persönlichen Angriffen gehen Funktionäre und Spieler aufeinander los. Lewandowski, Müller, Ancelotti – das sind die Brandherde beim FC Bayern. 

Der FC Bayern kassierte in Hoffenheim die früheste Bundesliga-Pleite seit 2012

Das Lewandowski-Interview

Im November 2009 hatte Philipp Lahm in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Bosse des FC Bayern München scharf angegriffen, in dem er die grundsätzliche Ausrichtung des Vereins (Personal- und Transferpolitik sowie Spielidee) infrage stellte. Die Aussagen erschütterten den Klub, Lahm musste die Rekord-Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro zahlen.

Knapp acht Jahre hat erneut ein wichtiger Spieler seine Gedanken mittels eines Interviews öffentlich gemacht. Robert Lewandowski forderte im Spiegel der Klubführung indirekt auf, die selbstgesetzte Transfermarkt-Obergrenze (ca. 40 Millionen Euro) aufzugeben und zur einst von Lahm kritisierten Moneten-Mentalität zurückzukehren. Der FC Bayern müsse sich dem “puren Kapitalismus” (Lewandowski), der mittlerweile im Profifußball herrsche, beugen.

Inhaltlich sind beide Interviews im Kern gegensätzlich, aber sie haben eines gemeinsam: beide gingen vor der Veröffentlichung am Verein ohne Autorisierung vorbei. Lewandowski hat dies bewusst umgangen. Die Aussagen wären in der Form niemals vom Verein freigegeben worden.

Am Sonntag steckten die Chefs die Köpfe zusammen, um über die Causa Lewandowski zu beraten. Noch gibt es keine Meldung über mögliche Sanktionen, sehr wohl aber eine Reaktion. “Wer öffentlich den Trainer, den Verein oder die Mitspieler kritisiert, kriegt ab sofort Stress mit mir persönlich”, drohte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in der Bild.

Lewandowski hat aber nicht nur die Bosse provoziert, sondern auch seine Mitspieler diskreditiert. Seine Aussage, für 40 Millionen Euro, bekäme man nur noch “Durchschnittsspieler”, dürften in der Kabine nicht gut angekommen sein. Neuzugang Correntin Tolisso hat 40 Millionen Euro gekostet.

Auch sein Bekenntnis, bedingungslos nach “Erfolg und Geld” zu streben, ist Gift für den Zusammenhalt eines Teams. Vereinstreue interessiert Lewandowski nicht, ob er jetzt mit Bayern, Paris oder Real Madrid die Champions League gewinnt, ist ihm herzlich egal. Und sollte er den Verein trotz Vertrag bis 2021 verlassen wollen, werde er das schon auch durchsetzen.

Das Müller-Dilemma

Thomas Müller überzeugte in der Vorbereitung und ging als Kapitän (für den verletzten Manuel Neuer) voran. Doch bereits im zweiten Spiel in Bremen fand er sich auf der Bank wieder und machte seinem Ärger im Anschluss Luft. Das Thema kochte hoch, sogar Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff mischte sich ein.

Bayern-Coach Carlo Ancelotti war not amused und rechtfertigte sein Vorgehen. Schließlich habe kein Spieler beim FC Bayern eine Stammplatzgarantie. Rummenigge sprang dem Trainer zur Seite und richtete auch an Müller deutliche Worte: “Ich bin ein Freund von Demokratie und Meinungsfreiheit, aber bei uns wird derzeit zu schlau dahergeredet, statt sich auf das Fußballspielen zu konzentrieren. Es darf nicht vereinsschädigend sein. Was Müller in Bremen gesagt hat, war auch nicht okay”, sagte er der Bild.

Rummenigge geht damit ein großes Risiko ein. Kritik an Fan-Liebling Müller kommt bei den Anhängern einer Blasphemie gleich. Die Aussage “schlau dahergeredet” ist ein heftiger, persönlicher Angriff gegen den Spieler, zumal Müller gerade auch wegen seinen erfrischenden öffentlichen Statements bei den Fans so gut ankommt.

Die Bayern-Bosse müssen aufpassen, dass sie ihre Identifikationsfigur nicht vergrätzen. Müller ist aufgrund seiner sportlich schwierigen Situation ohnehin schon angefressen. Er fühlt sich von Ancelotti nicht genug wertgeschätzt und teilweise missverstanden. Fehlende Rückendeckung seitens der Klubspitze dürfte Müllers Laune nicht verbessert haben.

Müller: Ich dachte an Wechsel

Uneinigkeit in der Bayern-Führung

Das Interview von Robert Lewandowski wurde bei den Bossen höchst unterschiedlich interpretiert. Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagte: “Grundsätzlich ist es gut, dass sich Robert Gedanken um die Mannschaft macht. Das zeigt, dass er sich mit dem FC Bayern identifiziert. Ich sehe das grundsätzlich eher positiv als negativ.”

Rummenigge widersprach dem Sportdirektor deutlich und Uli Hoeneß liegt irgendwo dazwischen. “Ich habe das nicht als so schlimm empfunden. Es ist immer gut, wenn sich Spieler Gedanken machen, aber es ist noch wichtiger, wenn sie sich um ihre Leistung kümmern, dann werden wir auch Erfolg haben”, so der Präsident.

Die drei führenden Personen des Vereins sind sich im brisantesten Thema seit langer Zeit uneinig, die Klubführung spricht nicht mit einer Sprache. Geschlossenheit auf Führungsebene war immer eine große Stärke des FC Bayern. Das dies ausgerechnet in der Causa Lewandowski offensichtlich nicht so ist, ist bemerkenswert und gefährlich.

Harte Kritik an Ancelotti

Seit seinem Rücktritt als Markenbotschafter im Frühjahr 2017 hat Paul Breitner keine offizielle Funktion mehr beim FC Bayern. Sein Wort hat aber immer noch Gewicht im Verein; Breitner tauscht sich regelmäßig mit Hoeneß aus.

Bei Sport1 lederte Breitner am Sonntag gegen den Trainer: “Carlo Ancelotti hat nicht bezweckt, dass sich die Mannschaft hätte weiterentwickeln können. Ich habe keinen Stil, wenn alles statisch ist, keine Bewegung da ist. Einige Spieler sind beschnitten worden.”

Der nächste scharfe Angriff, diesmal verknüpft mit einer eindeutigen Botschaft: Mit diesem Trainer wird der FC Bayern keinen Erfolg haben.

Eine Vielzahl persönlicher Attacken mit verschärftem Ton – die Entwicklung der letzten Tage beim FC Bayern ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise hilft sportlicher Erfolg, um die Wogen zu glätten. Ein Sieg gegen Anderlecht am Dienstagabend würde drei Punkte bringen. Mehr nicht.