Richtig und bedenklich zugleich

Die EU lässt den Unkrautvernichter Glyphosat für weitere fünf Jahre zu. Eine grundsätzlich richtige Entscheidung. Besser wäre aber eine europaweit akzeptierte Einschränkung des Mittels. Ein Kommentar.


Mit diesem Votum hatte am heutigen Montag in Brüssel niemand gerechnet. Seit fünf Jahren streiten sich die EU-Mitgliedsstaaten um die Zukunft des Unkrautvernichters Glyphosat, ohne eine Mehrheit für eine weitere Zulassung des Pflanzenschutzmittels zu finden. Zuletzt spitzte sich die Lage zu: Ende Dezember 2017 drohte das Aus für das Mittel, weil die Lizenz abläuft. Die Bundesregierung hatte sich zuletzt immer der Stimme enthalten – diese Position wurde auch für die entscheidende Sitzung am Montag erwartet.

Doch diesmal stimmte die Bundesregierung überraschend für eine Neuzulassung um fünf Jahre, wie es der mehrfach revidierte Vorschlag der Kommission vorsieht. Das verwundert, denn in der amtierenden Regierung herrscht ein Patt: Das von der CSU geführte Landwirtschaftsministerium war immer für eine Verlängerung, das SPD-geführte Umweltministerium dagegen. Die geschäftsführende Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) tobte und warf ihrem Kollegen, Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), einen Alleingang vor.

Was auch immer die Beweggründe der Bundesregierung für die nun vorliegende Entscheidung sein mögen: Grundsätzlich ist es richtig, dem Unkrautvernichter Glyphosat zum jetzigen Zeitpunkt eine neue Zulassung zu geben. Allerdings haben es die Mitgliedsländer verpasst, die Neuzulassung mit einem gemeinsamen Rahmen zu versehen, der den Einsatz des Mittels europaweit einheitlich weiter eingeschränkt hätte.


Richtig ist die Entscheidung, weil die Landwirte sonst zu Jahresbeginn ohne akzeptable Alternative zum Einsatz von Glyphosat dagestanden hätten. Das Mittel ist ein Totalherbizid, das die Äcker von Unkraut befreit und damit einen hohen Ernte-Ertrag sichert. Es wird daher in großen Mengen von den Bauern eingesetzt. Ein abrupter Ausstieg aus dem Glyphosat-Einsatz wäre ihnen nicht zuzumuten gewesen.

Dass in einer hochtechnisierten industriellen Landwirtschaft von heute auf morgen auf kollektiven Pflugeinsatz umgestiegen wird, um die Äcker vom Unkraut zu befreien, bleibt ein Wunschtraum. Das ist in vielen Teilen des Anbaus auch gar nicht möglich. Es wäre absehbar gewesen, dass die Landwirte im kommenden Jahr auf andere Pflanzenschutzmittel umgestiegen wären – vermutlich in Form eines Chemiecocktails, der wissenschaftlich nicht untersucht und womöglich viel gefährlicher wäre als Glyphosat.

Problematisch ist die Freigabe für weitere fünf Jahre, weil sie ohne eine erkennbare Regelung zur Beschränkung daherkommt. Die EU-Länder haben die Chance vertan, einen gemeinsamen europäischen Weg zu finden, der zu einem geringeren Einsatz des Mittels führt. Das wäre möglich und sinnvoll gewesen, weil Glyphosat in vielen EU-Ländern in unnötig hohen Massen eingesetzt wird – es ist eben billig und effektiv.


Noch bedenklicher ist, dass es beispielsweise in Frankreich von den Bauern nicht nur bei der Aussaat der Pflanzen, sondern auch kurz vor deren Ernte versprüht wird. Erst dadurch kommt Glyphosat in hohen Dosen in die Nahrungskette. In Deutschland ist dieser Einsatz längst verboten.

Es ist schleierhaft, warum die Bundesregierung nicht wenigstens dies in den Konsultationen eingebracht hat. Landwirtschaftsminister Schmidt spricht zwar davon, er haben  Bedingungen durchgesetzt, die die Rolle von Biodiversität und Tierschutz stärken. Doch was das konkret für die Praxis bedeutet, bleibt offen.

Eine erkennbare, sinnvolle und umsetzbare Einschränkung des Glyphosat-Einsatzes wäre ein wichtiges Signal an viele Seiten gewesen: An die Landwirtschaft, die die massenhafte Verwendung überdenken muss. An die Industrie, die neue chemische und technische Wege der Unkrautbeseitigung vorantreiben muss. Und an die Verbraucher, die nach der Schlammschlacht um Glyphosat der letzten Monate vollkommen verunsichert sind.

Dieses Signal sollten nun die Mitgliedsstaaten auf nationaler Ebene geben.    

KONTEXT

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen", erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.