Champions League: BVB nach Real-Pleite: Fast zu spät für Helden

Nach der 1:3-Niederlage gegen Real Madrid wird es für Borussia Dortmund schwer, sich für das Champions-League-Achtelfinale zu qualifizieren. Die bisherigen Ergebnisse des BVB spiegeln die Ambivalenz des Fußballs unter Trainer Peter Bosz wider.

Nach der 1:3-Niederlage gegen Real Madrid wird es für Borussia Dortmund schwer, sich für das Champions-League-Achtelfinale zu qualifizieren. Die bisherigen Ergebnisse des BVB spiegeln die Ambivalenz des Fußballs unter Trainer Peter Bosz wider.

Es hörte sich etwas dick aufgetragen an, als Hans-Joachim Watzke nach der Auslosung der Champions-League-Gruppenphase seine Einschätzung zu den Dortmunder Gegnern abgab: "In solchen Gruppen werden Helden gemacht", sagte der BVB-Geschäftsführer in Monaco.

Nun sind zwei von sechs Partien gespielt und Borussia Dortmund steht nach zwei Pleiten mit null Punkten da. Das hat es in der Dortmunder CL-Historie noch nie gegeben.

Was es aber schon 24 Mal in der Geschichte der Königsklasse gab, war die Konstellation, die jetzt in Dortmunds Gruppe H zu beobachten ist: Real Madrid und Tottenham Hotspur haben jeweils sechs Zähler auf der Habenseite, der BVB und APOEL noch keinen.

BVB: Bester Saisonstart, schlechtester CL-Beginn

Es ist also fast zu spät für Helden in schwarzgelb, der Absturz in die Europa League scheint aktuell am wahrscheinlichsten. Unterstrichen wird dies von der Statistik: Nur zwei Mal schaffte es eine Null-Punkte-nach-zwei-Spielen-Mannschaft noch, sich für das Achtelfinale zu qualifizieren.

Dies hätte neben sportlichen auch finanzielle Auswirkungen, wenngleich nicht derart, wie es sie in der Europa-League-Saison 2015/2016 gab. Es spiegelt ein bisschen die Ambivalenz des Dortmunder Fußballs unter Peter Bosz wider, dass der BVB unter dem neuen Trainer nun den besten Bundesligastart aller Zeiten sowie den schlechtesten Beginn einer CL-Saison hinlegte.

Die Gründe dafür erscheinen vermeintlich simpel. In der Bundesliga trat die Borussia gegen Klubs an, gegen die sie im Grunde gewinnen muss - in der Königsklasse nicht.

Bosz: "Im Defensivverhalten sehr schlecht"

Die 1:3-Niederlage gegen Real am Dienstagabend war ein deutlicheres Indiz als jene bei den Spurs, woran Bosz mit seiner Mannschaft noch zu arbeiten hat. Gegen Tottenham, das betonte Bosz seitdem immer wieder, brachte sein Team die Spielidee konstanter auf den Platz - doch der Gegner war so effektiv, wie es in der Champions League auch schnell mal passieren kann.

16 Torschüsse ließ Dortmund gegen Madrid zu, so viele wie zuvor nur im Supercup gegen die Bayern (4:5 n.E.). Real war über 90 Minuten das bessere Team, Boszs Ansprüche konnte das Team nur in kurzen Phasen wie geplant erfüllen.

Der Coach machte nun auch keinen Hehl aus der Unterlegenheit des BVB: "Wir waren im Defensivverhalten heute sehr schlecht, das war nicht das Niveau von Dortmund. Klar, wir haben gegen einen sehr guten Gegner gespielt, aber das müssen wir besser machen. Wir waren nicht im Spiel, haben keinen Druck auf den Ball bekommen und waren jedes Mal einen Schritt zu spät. Das müssen wir analysieren und in der Zukunft besser machen", sagte Bosz.

Dortmund mit Bosz weiter im Prozess

Eine offenbar ordinäre Analyse, doch sie trifft den Kern von Boszs Philosophie. Der Niederländer ist sich wie andere Pressing-Trainer bewusst, dass dieser Fußball nur dann erfolgreich sein kann, wenn er 90 Minuten lang von allen elf Spielern konsequent auf den Platz gebracht wird.

Es ist somit auch trotz des furiosen Saisonstarts in der Liga weiterhin ein Prozess, den Bosz mit seiner Mannschaft durchläuft. So wie es im Grunde auf all seinen vorherigen Stationen zu Beginn gewesen ist.

Der Ausgang erscheint momentan je nach Maßstab offen. Es wäre zu diesem Zeitpunkt der Saison aber wohl auch eine Überraschung gewesen, hätte Boszs riskante Herangehensweise bereits einen Gegner wie Real Madrid in die Knie gezwungen.

Bosz macht Defensivarbeit nicht an Verteidigung fest

Die häufigste Frage, die Bosz in den letzten Wochen gestellt wurde, war die nach der defensiven Absicherung. Bosz beantwortete sie inhaltlich immer gleich - und mit Bestimmtheit. Er hatte sie schon in den Niederlanden häufig gehört.

"Das ist nicht alleine ein Problem der Verteidigung. Wenn die Stürmer und Mittelfeldspieler nicht richtig Druck machen können, wird es schwer für die Verteidiger", lautet ein solcher Kommentar dann. Bosz will seine Defensivarbeit nicht an der Verteidigung aufhängen, da bei ihm das gesamte Team nach vorne verteidigt. Zu geringer Druck im Verbund nach Ballverlust erhöht die Chance auf defensives Chaos und viele Räume im Rücken der letzten Linie.

Deshalb sagte Bosz bei Sky nach dem Spiel, er müsse die Treffer von Real gar nicht als Beweis dafür anschauen, dass seine Mannschaft Fehler gemacht hat. Er weiß ja selbst was passieren muss, damit seine Art von Fußball ausgehebelt werden kann.

Offensive funktioniert bereits gut

Mannschaften, die ruhig und passsicher im eigenen Ballbesitz sind, bringen die Qualitäten mit, um Dortmunds aggressives Draufgehen ins Leere laufen zu lassen und die Lücken zu bespielen. Dazu sind die Bayern und Madrid in der Lage, auch die Spurs waren es teilweise. "Der Schlüssel war, Borussia den Ball wegzunehmen. Das haben wir vor allem in der ersten Hälfte sehr gut gemacht. So viel Ballbesitz zu haben, war phänomenal", sagte Real-Trainer Zinedine Zidane.

Hier setzt Boszs Arbeit an, seit er beim BVB angetreten ist. Die Absicherung der eigenen Spielweise bei Ballverlust ist das A und O für Boszs Fußball, die stark besetzte Offensive funktioniert mit Ball ohnehin bereits ziemlich ordentlich.

Der Lernprozess beschleunigt sich für Boszs Mannschaft mit jeder gespielten Partie, er kaschierte in keiner Partie aber auch die Problematiken, die diese Spielweise mit sich bringen kann. Es ist trotz der 515 Minuten ohne Gegentor in der Bundesliga sehr erstaunlich gewesen, dass so lange kein Team gegen den BVB traf.

Bosz: "Wird noch andere Momente geben"

Gerade bei allen drei bisherigen Niederlagen (Bayern, Tottenham, Real) hätten die Gegner bei konsequenter Chancenauswertung noch häufiger treffen können. Da widerspricht auch Bosz nicht, er betont aber nicht zu Unrecht ebenso die Schritte, die die Entwicklung seiner Truppe nach jeder Partie vorantreiben.

"Ich bin froh, dass es sehr gut läuft", sagte Bosz vor der Real-Pleite. "Aber ich weiß auch, dass es noch andere Momente in dieser Saison geben wird. Das ist Fußball."

Helden für das Achtelfinale?

Deshalb gibt es für Bosz auch keinen Anlass für Sorgenfalten. Er betonte bereits, dass sein Team für "seine" Verhältnisse bereits sehr weit im Umsetzen der Ideen sei. Die Ambivalenz in der Spielweise auf dem Feld wird dennoch vorerst bleiben, sie zu verringern ist lapidar gesagt das große Ziel.

Damit es in der Königsklasse noch etwas werden soll mit dem Einzug ins Achtelfinale, bräuchte es tabellarisch gesehen aber nun doch Helden.

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