Die Champagnerlaune schäumt über


Für den Börsenexperten Stephan Heibel war am vergangenen Montag klar: „Sollte das Allzeithoch geknackt werden, könnte die Rally weiter im Vollgasmodus bleiben. Die große Euphorie bekommt dadurch festen Boden“, meinte er vor einer Woche.

Das Ergebnis: Der Dax erreichte in der vergangenen Woche mehrere neue Allzeithochs, scheiterte nur knapp an der Marke von 13.000 Punkten und legte insgesamt um einen Prozent zu. „Da ist es nur zu verständlich, dass die Laune der Anleger super ist“, erklärt Heibel.

Eigentlich ist eine derart hohe Euphorie ein Indikator, der bald fallende Kurse signalisiert. Denn wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben eben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Und wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch.


Gemessen wird die Stimmung durch die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 2600 Anlegern, die Heibel als Inhaber des Analysehauses Animusx anschließend auswertet. Der Börsenexperte schränkt den Pessimismus jedoch ein: „Eine derartige, aktuelle Euphorie ist alleine kein hinreichendes Indiz für einen bevorstehenden Ausverkauf“, sagt Heibel.

Dass die Laune überschäumt, ist klar ersichtlich: 60 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer sehen den Dax aktuell in einem Aufwärtsimpuls, knapp jeder Vierte (plus vier Prozentpunkte) geht von einer Topbildung aus. Nur noch 14 Prozent (minus neun Prozentpunkte) betrachten die aktuellen Dax-Kurve als Seitwärtsbewegung. Damit steigt der Handelsblatt Sentiment-Indikator auf einen Wert von 5,8 und erreicht damit das dritthöchste Niveau seit dem Start der Umfrage im Herbst 2014. „Ich höre Champagner-Korken knallen“, lautet der entsprechende Kommentar des Experten.


Noch deutlicher wird die Euphorie bei der Selbsteinschätzung: Jeder Vierte (plus fünf Prozentpunkte gegenüber Vorwoche) gibt an, auf diese Entwicklung spekuliert zu haben. Weitere 54 Prozent (plus sechs Prozentpunkte) sehen ihre Erwartungen der Vorwoche durch die aktuelle Entwicklung zum größten Teil bestätigt. Kaum jemand ist enttäuscht (minus sechs Prozentpunkte auf 16 Prozent) und nur noch fünf Prozent (minus fünf Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Damit steigt die Selbstzufriedenheit auf 3,7 Punkte – das höchste Niveau seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im vergangenen November.


Rasanter Stimmungswechsel


Abgesehen von den extrem euphorischen Stimmungswerten in dieser Woche ist auch bemerkenswert, wie schnell die Stimmung von einem Extrem ins andere umgeschlagen ist. Noch vor sechs Wochen, erst Mitte August, zeigte das Handelsblatt-Sentiment Extremwerte auf der anderen Seite der Skala an: Extreme Niedergeschlagenheit gepaart mit erheblicher Verunsicherung der Anleger. „Das war der Nährboden für die Rally, die wir aktuell erleben“, erläutert Heibel. Für regelmäßige Leser des Sentiments kam diese Rally auch nicht überraschend, sie wurde in dem Bericht vom 21. August 2017 bereits angekündigt.

Vielmehr überrascht hingegen der deutliche Stimmungsumschwung, der schneller denn je erfolgt. Denn der fünfwöchige Sentiment-Durchschnitt steht kurz davor, einen neuen Extremwert zu erreichen – diesmal auf der Euphorie-Seite (siehe Grafik).


Lediglich am 20. März und am 30. November des Jahres 2015 notierte dieser Durchschnittswert deutlich höher – mit anschließend drastischen Folgen für das deutsche Börsenbarometer. Die Frankfurter Benchmark rutschte zwischen Anfang April 2015 und Ende September um fast 3000 Punkte tiefer – von 12.373 auf 9480 Zähler. Danach erholte sich der Index wieder, um exakt am 30. November (dem erneutem Euphorie-Extremwert) bis Mitte Februar 2016 erneut um rund 2500 Punkte zu fallen. In den kommenden Wochen wird sich deshalb zeigen, ob das Handelsblatt-Sentiment ebenfalls einen neuen Extremwert erreicht, der wieder deutlich fallende Kurse anzeigt.

Genau gegenläufig zur Stimmung fällt der Zukunftsoptimismus mit steigenden Aktienmärkten weiter zurück. Nur noch 28 Prozent (minus vier Prozentpunkte) der Anleger erwarten für den Dax in drei Monaten steigende Kurse. Jeder Vierte (plus fünf Prozentpunkte) hingegen erwartet ein Ende der Rally in Form einer Topbildung. Mit einer Seitwärtsbewegung rechnen 28 Prozent (minus ein Prozentpunkt) und das Lager der Bären ist um zwei Prozentpunkte auf 18 Prozent angewachsen.


Drei Monate in die Zukunft zu blicken ist angesichts des langen Zeitraums alles andere als einfach – es kann schließlich noch so viel geschehen. Kurzfristig gehen die Umfrageteilnehmer überwiegend von steigenden Kursen aus. So wollen 31 Prozent (plus vier Prozentpunkte) der Anleger in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, während nur noch 13 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) Aktien verkaufen möchten. 56 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) warten ab, bis sich klarere Kursniveaus ergeben. Damit ist die Investitionsbereitschaft so groß wie seit einem Jahr nicht mehr, dies spricht für weiter steigende Kurse in den kommenden zwei Wochen.

Das Sentiment der Stuttgarter Börse ist auf minus 7,2 angestiegen und zeigt damit eine moderat vorsichtige Positionierung der Privatanleger an. Noch Ende September erreichte dieser Indikator bei minus 12,4 Punkten ein negatives Extrem.

Das Euwax-Sentiment wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet. Ein Rückgang des Wertes zeigt an: Privatanleger sichern ihre Aktienposition weniger stark ab oder spekulieren nur noch in einem geringen Maße mit sogenannten Put-Papieren auf fallende Kurse. „Diese starke Absicherung löst sich, wie von mir erwartet wurde, nun langsam auf und gibt der Rally vorerst noch zusätzlichen Treibstoff“, meint Stephan Heibel.


Zur Erläuterung: Der Verkauf von Absicherungspositionen führt zum Kauf des Basiswertes, was gegebenenfalls einen Ausverkauf am Aktienmarkt auffängt. „Noch sind Privatanleger relativ gut abgesichert, aber sie lösen diese Absicherungen nun in die laufende Rally hinein auf, weil sie mit steigenden Kursen teurer wird“, erläutert der Animusx-Inhaber. Institutionelle Anleger, die sich über die Frankfurter Eurex-Terminbörse absichern, haben diese Woche ihre zuvor bullische Positionierung aufgelöst und sind nun neutral positioniert.


Extreme Gier in den USA

In den USA zeigt der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Index“ des Börsenbarometers S & P 500 mit 95 Prozent extreme Gier auf. „Ich kann mich nicht erinnern, den Index schon mal auf so hohem Niveau gesehen zu haben“, meint Heibel. Schließlich sei der dortige Markt nach sechs Tagen mit neuem Allzeithoch in Folge stark überkauft.

Nicht in das Bild passt der Rückgang der Investitionsquote bei institutionellen US-Anlegern, von 96 Prozent auf 91 Prozent. „Der Oktober ist bei vielen Hedgefonds der Zeitpunkt, an dem Kunden ihre Gelder abziehen dürfen“, erläutert Heibel. Bei vielen Hedgefonds ist das nur an einem oder zwei Terminen im Jahr möglich, damit die Fonds in der verbleibenden Zeit nicht stets eine Barreserve für solche Fälle vorhalten müssen. Die meisten Hedgefonds ermöglichen Entnahmen eben im Oktober. Die Bullenquote unter den US-Privatanlegern ist mit 2,8 Prozent im neutralen Bereich.


„Wir befinden uns bereits in der Phase der Kaufpanik: Anleger kaufen in die steigende Kurse hinein, um dabei zu sein. Dieser Herbst verspricht einfach, zu gut zu werden“, interpretiert Heibel die Ergebnisse. Doch der Optimismus, dass auch in drei Monaten noch steigende Kurse an den Aktienmärkten zu sehen sein werden, sinke zunehmend. „Es sind nun kurzfristig orientierte Spekulanten, die die Kurse treiben.“

Das dürfte erhebliche Auswirkungen auf die Kurse haben. Denn Spekulanten verkaufen ihre Aktien bei negativen Meldungen schnell. Und ab dieser Woche werden Zahlen für das dritte Quartal 2017 veröffentlicht – da sind negative Überraschungen leicht möglich. Nach der Kursrally in den vergangenen Wochen seien hohe Erwartungen eingepreist, das Risiko einer Enttäuschung hingegen gestiegen.

„Die Rally kann nicht ewig weiterlaufen“, meint Heibel. Die Handelsblatt-Sentiment-Indikatoren zeigen an, dass der Dax einer Verschnaufpause näher sei als einem weiteren Anstieg um zwei Prozent. Er hält folgendes Szenario für möglich: Der Leitindex überspringt Anfang der Woche die Marke von 13.000 Punkten und fällt im Rahmen einer Verschnaufpause wieder in Richtung 12.900 Punkte zurück. „Danach sind wir in der Hand der Quartalszahlen.“


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