Carsharing: Der Miles-Deal mit VW ist eine schlechte Nachricht für Kunden

Die Ankündigung, dass das Berliner Carsharing-Startup Miles die Konzernkonkurrenz von Weshare übernimmt, kam letzte Woche mehr als überraschend. Miles und der VW-Konzern arbeiten schon lange zusammen.

Das Weshare-Logo auf Carsharing-Fahrzeugen wird bald von den Straßen verschwinden. (Bild: WeShare)
Das Weshare-Logo auf Carsharing-Fahrzeugen wird bald von den Straßen verschwinden. (Bild: WeShare)

So nutzt Miles im großen Umfang Fahrzeuge der Wolfsburger und nur wenige andere Fabrikate. Gerüchte, dass es Übernahmegespräche zwischen beiden Unternehmen gibt, kamen in den letzten Monaten immer wieder mal auf. Marktbeobachter waren jedoch davon ausgegangen, dass VW Miles übernimmt. Denn im Fokus von VW stand bisher ein Ausbau der digitalen Aktivitäten.

Dass VW sich nun vom Carsharing-Geschäft trennt, dürfte der neue CEO Oliver Blume entschieden haben. Er hatte den bisherigen Chef Herbert Diess im Sommer abgelöst. Blume hat in den wenigen Wochen seiner Amtszeit schon einige Entscheidungen seines Vorgängers revidiert. Darunter fällt auch eine Kehrtwende bei der eigenen Software-Tochter Cariad. Die Entwicklung bestimmter Software-Komponenten wurde an Zulieferer wie Bosch und Continental ausgelagert. Damit verabschiedet sich VW von dem Gedanken, große Bereiche der Software für die eigenen Autos selbst zu entwickeln.

Carsharing wirft kein Geld ab

Dass Volkswagen mit Weshare kein Geld verdient hat, ist weithin bekannt. Kaum ein Carsharing-Anbieter ist bislang in der Lage, schwarze Zahlen zu schreiben . Die Gründe dafür sind vielschichtig, liegen aber vor allem daran, dass Städte das Carsharing bisher noch nicht als Alternative zum eigenen Auto fördern. Solange der Privatverkehr in den Innenstädten nicht stark reguliert wird und Carsharing-Anbieter davon ausgenommen werden, wird sich daran auch nur schwer etwas ändern lassen.

Volkswagen sah in Carsharing – wie übrigens auch Daimler vor einigen Jahren – einen gewichtigen Teil seiner Digitalstrategie. Kunden sollte so eine holistische Form der Mobilität geboten werden. Wer zum Beispiel aufgrund einer Zugreise kein eigenes Auto zur Hand hat, sollte vor Ort einfach in ein Weshare-Fahrzeug steigen können. VW drückte das Angebot 2019 mit günstigen Preisen auf den Markt. Der Kilometerpreis betrug 19 Cent, Er lag damit weit unterhalb der Gebühren der Konkurrenz. In Städten wie Berlin und Hamburg brachte das zwar Marktanteile – bedeutete aber eben auch hohe Verluste.

Nach und nach erhöhte der Konzern die Preise, führte ein kostenpflichtiges Abonnement für zehn Euro im Monat ein und baute die Flotte weiter aus. Das brachte allerdings auch keine wirtschaftliche Verbesserung. Die Ausweitung in anderen Städte stockte, was ein Anzeichen dafür war, dass die Kosten aus dem Ruder liefen. Dennoch schien Carsharing bei VW weiter hoch im Kurs zu stehen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil VW im Sommer den französischen Anbieter Europcar übernahm.

VW will nach eigener Aussage die Flotte des bekannten Autovermieters (rund 230.000 Fahrzeuge) auch für das Carsharing anbieten. Daher hätte es Sinn ergeben Weshare mit Europcar zusammenzulegen. Genau das haben die meisten Marktbeobachter auch erwartet. Der Verkauf an das Berliner Startup Miles wiederum stellt die gesamte Mobilitätsstrategie des Konzerns infrage. Die Frage ist nun, ob VW ähnlich wie BMW und Daimler künftig komplett auf alternative Mobilitätsangebote verzichten wird.

Für Kunden wird es teuer

Miles indes erweitert mit Weshare sein Angebot, wenn auch nicht in großem Umfang. Im Grunde gehen durch den VW-Deal lediglich die Fahrzeuge an den Standorten Berlin und Hamburg in die Flotte des Startups über. In beiden Städten ist Miles aber ohnehin schon stark aufgestellt. Immerhin ist nun ein Konkurrent weniger auf der Straße. Das Angebot an Carsharing-Diensten dünnt sich so weiter aus.

Für den Bereich "Free Floating" gibt es nun nur noch die Anbieter Miles, Sharenow und Sixt. Sixt sieht das Carsharing allerdings nur als Zusatzangebot neben dem Vermietungsgeschäft, um die Auslastung der Fahrzeuge möglichst hoch zu halten. Sharenow, das vor einigen Monaten vom Autokonzern Stellantis übernommen worden ist, wird nun ebenso wie Miles daran gelegen sein, die Preise hochzuhalten. Ohne diesen Schritt wird kein Unternehmen mit Carsharing jemals in die Gewinnzone vorstoßen.

Fazit: Für Kunden wird Carsharing künftig nicht günstiger werden. Im Gegenteil: Miles entwickelt sich mit seiner aggressiven Expansionspolitik zu einem wichtigen Player im Carsharing-Markt. Das ist auch nötig, denn das Unternehmen hat bislang kein anderes Geschäftsmodell als Carsharing. Das Berliner Startup wird seinen Investoren so eines Tages beweisen müssen, dass es damit Geld verdienen kann. Eine extrem schwierige Aufgabe. Durch den Deal mit VW aber keine unlösbare mehr.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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