Can schwach, Stindl der perfekte Joker

Lars Stindl erzielte den späten Ausgleich/DPA

Das letzte Länderspiel des Jahres war nochmal ein harter und aufschlussreicher Test für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw. Am Ende stand ein etwas glückliches 2:2-Unentschieden gegen starke Franzosen. Die Yahoo-Sport-Einzelkritik.

Von Patrick Strasser, Köln

KEVIN TRAPP
Bei Paris St.Germain ist der Torhüter außen vor, Löw gibt ihm im Rennen um ein WM-Ticket Spielpraxis. In seinem zweiten Länderspiel parierte er Lacazette, Mbappé und Martial. Bei den Gegentreffern ohne Chance. Löw lobte ihn nach der Partie explizit. Ironie seines PSG-Schicksals: Bei den Franzosen saß jener Alphonse Ariola auf der Bank, der ihn im Klub verdrängt hat. NOTE 2

EMRE CAN
Selten, aber wahr: Kimmich saß auf der Bank, für ihn durfte sich der Liverpooler rechts hinten beweisen. Can agierte einige Male sehr gut als Balldieb. Das war’s aber auch schon. Hatte viele Fehlpässe im Programm, seine unpräzisen Flanken landeten zum Teil hinter dem Tor. Wollte zu viel, oft überhastet. Das Experiment Rechtsverteidiger misslang. NOTE 5

NIKLAS SÜLE
Bayerns Innenverteidiger klärte anfangs einige Male resolut, kannte in Zweikämpfen keine Kompromisse: weg mit der Kugel. Vor dem 0:1 wurde er von Martial eingedreht und schwindlig getanzt. Versuchte sich auch mit Vorstößen in den Angriff. Wirkte abgeklärt trotz seines erst achten Länderspiels. Hatte als Backup-Abwehrspieler gute Karten für den WM-Kader. NOTE 3

MATS HUMMELS
Der Abwehrchef sah sich der vollen Offensiv-Power der Franzosen ausgesetzt: Lacazette und/oder Mbappé. Stoppte den PSG-Star mit klugem Stellungsspiel und Tacklings, einmal leitete sein Ballverlust einen gefährlichen Konter ein. Durfte zur Pause in der Kabine bleiben. Der Innenverteidiger der Bayern ist bei Löw für die WM gesetzt – als Führungsfigur. NOTE 3

MARVIN PLATTENHARDT
In London debütierte Halstenberg als linker Verteidiger, in Köln durfte der Herthaner den Hector-Ersatz geben. Spielte solide, manchmal bieder, ohne größere Höhen und Tiefen. Dennoch war die linke Seite besser am Spielaufbau beteiligt als die rechte über Can. Wenn Hector fit ist, bleibt Plattenhardt nur die Zuschauer-Rolle. Wird eng mit einem Platz im WK-Kader. NOTE 4

SAMI KHEDIRA
Der Juventus-Star, gegen Frankreich Kapitän, ordnete das Spiel von hinten, assistierte Kroos, den er zumeist anspielte. War der Monsieur Zweikampf, seine hemdsärmligen Aktionen brachten Schwung. Allerdings hatte er in der Rückwärtsbewegung mit den schnellen Franzosen seine Probleme, sah beim 1:2 nicht gut aus. Typ Fels in der Brandung, jedoch nicht unantastbar. NOTE 4

TONI KROOS
Köln ist nach Arbeitswohnsitz Madrid seine zweite Heimat. Gegen Frankreich schaltete die Passmaschine ein wenig im Testspiel-Modus, operierte auf Autopilot. Kann viel mehr als er zeigte – wie etwa ungewohnte Fehlpässe. Wie zum Beweis klatschte sein Freistoß-Hammer ans Lattenkreuz. In Russland jedoch Fixstarter in Löws Anfangsformation. Unverzichtbar. NOTE 4

ILKAY GÜNDOGAN
Erst das 22. Länderspiel des so oft von Verletzungen geplagten Pep-Lieblings bei Manchester City. Er machte das Spiel schnell, vor allem im Umschaltspiel wenn es nach vorne ging. Man merkt ihm die ewigen Verletzungspausen an. Ruft noch nicht wieder sein gesamtes Potenzial ab. Durfte nach 65 Minuten runter. Fest steht: Verletzt er sich nicht (wieder), ist er in Russland dabei. NOTE 3

MESUT ÖZIL
Diesmal offensiver aufgestellt als beim 0:0 in London. Spielte seinen Stiefel herunter: Viele Ballkontakte, trieb das Spiel nach vorne, zugleich unsichtbar. Bis der Arsenal-Profi plötzlich explodierte mit einem super Pass in die Lücke auf den durchgestarteten Werner, der zum 1:1 vollendete. Löw steht auf Özil als Spielertyp, hält an ihm fest. NOTE 3

JULIAN DRAXLER
Hat seinen Arbeits- und Wohnsitz in Paris. Also war das Duell mit Wahlheimat Frankreich für ihn „ein spezielles Spiel“. Erwischte einen guten Abend. Sehr fleißig als Mischung aus Linksaußen und hängende Spitze, mit vielen Ballkontakten und Ideen nach vorne. Seine beste Idee: Ein Spitzenpass auf Werner in die Tiefe. Zeigte Reife, hat sich vom Minuten-Weltmeister etabliert. NOTE 3

TIMO WERNER
Der Leipziger lauerte stets auf Höhe der Abseitslinie auf Bälle in die Gasse. Zunächst zu zaghaft, verlor Bälle, vergab zwei gute Gelegenheiten. Verwandelte erst Großchance Nummer drei zum 1:1. Bewies Kaltschnäuzigkeit und wurde darauf immer gefährlicher. Hat in zehn Länderspielen nun schon sieben Treffer erzielt. Top-Quote. Bei Löw als Stürmer Nummer eins gesetzt. NOTE 2

ANTONIO RÜDIGER
Der Chelsea-Verteidiger löste Hummels ab der zweiten Halbzeit ab. Führte sich gut ein mit einem Offensiv-Vorstoß, versemmelte die Chance jedoch völlig frei. Bei seinem Kerngeschäft, der Defensive, sehr zweikampfstark, mit einigen Statement-Balleroberungen. Verletzte sich am Tag der Anreise zur EM 2016, dürfte von Löw fest für den Russland-Kader eingeplant sein. NOTE 3

MARIO GÖTZE
Nach einem Jahr Pause gab der Dortmunder sein Comeback im Nationaltrikot. Wurde von den Fans begeistert empfangen als er nach 65 Minuten für Gündogan ins Spiel kam. Konnte zunächst keine offensiven Akzente setzen, fremdelte noch etwas nach der langen Abwesenheit. In der Nachspielzeit jedoch wach und auf der Höhe, legte Stindl das 2:2 auf. Ist er fit, ist er 2018 an Bord. NOTE 3

SEBASTIAN RUDY
Der stille, unauffällige aber eminent wichtige Mittelfeldspieler der Bayern durfte nach 75 Minuten anstelle von Khedira mitmischen. Wenn er kein Sensationstor wie im Oktober in Nordirland erzielt, macht er das, was er kann. Passen, arbeiten, Räume zulaufen, passen usw. Auch gegen Frankreich solide, aber unauffällige. Ein hervorragender WM-Fahrer für die zweite Reihe. NOTE 3

LARS STINDL
Löws vorletzte Joker des Abends stach. Kam erst in der 83. Minute, sollte die rechte Seite beleben. Was dem Mönchengladbacher gelang. Sofort im Spiel, sorgte gleich für Gefahr. Sein Treffer zum 2:2, wahrhaftig die letzte Aktion des Spiels, rettete die Serie von nun 21 ungeschlagenen Länderspielen in Serie. Ein zuverlässiger Joker. Hat gute Chancen auf einen Kaderplatz. NOTE 2

SANDRO WAGNER
Der Hoffenheimer war Löws letzter Joker. Der Mittelstürmer durfte nach 84 Minuten für Werner ins Spiel. Wagner, stets selbstbewusst bis unter die Nasenspitze, führte sich mit einem rüden Foul an der Außenlinie ein, das ihm Gelb einbrachte. Wollte die Mannschaft wecken. Ein unbequemer Typ – vor allem für die Gegner. Hat momentan gegenüber Mario Gomez die Nase vorn. NOTE 4