Can: "Kimmich ist jemand, der sich auch mal fetzt!"

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Can: "Kimmich ist jemand, der sich auch mal fetzt!"
Can: "Kimmich ist jemand, der sich auch mal fetzt!"

Emre Can hat seine Adduktorenverletzung überstanden und kann nun in der Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft auf die EM 2021 endlich voll angreifen.

Der 27 Jahre alte Defensivspezialist von Borussia Dortmund könnte aufgrund seiner Flexibilität enorm wichtig werden für Bundestrainer Joachim Löw. (Alle News und Hintergründe zur deutschen Nationalmannschaft)

Im SPORT1-Interview spricht Can über Löws letztes Turnier, seine Teamkollegen Joshua Kimmich und Leroy Sané, seine eigene Rolle sowie die Ziele des DFB-Teams bei der EURO 2020.

SPORT1: Herr Can, Sie sind braungebrannt...

Emre Can: Bevor ich nach Seefeld gereist bin, war ich für ein paar Tage in Dubai in der Sonne. Eigentlich wollte ich in Europa bleiben, aber die Wetter-App hat überall nur Regen angezeigt. Ich habe die Sonne gebraucht, um Kraft zu tanken für die EM.

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SPORT1: Ist das Vorbereitungslager in Seefeld mehr Urlaub oder harte Arbeit?

Can: Ich kann Ihnen versichern, dass wir schon volle Kanne im EM-Modus sind! Bislang läuft es sehr gut hier im Trainingslager. Wir haben viele intensive Einheiten hinter uns. Wir arbeiten hart und wachsen als Mannschaft zusammen. Die Vorfreude wird mit jedem Tag größer. Die Stimmung ist gut, wir lachen sehr viel und haben Spaß.

Ausfall gegen Dänemark für Can "bitter"

SPORT1: Sie trainierten stark, mussten gegen Dänemark allerdings passen. Wie sehr ärgert Sie so ein Ausfall in so einer entscheidenden Phase?

Can: Ich will mich beweisen und zeigen. Denn es ist mein Ziel, bei der EM zu spielen. Dass ich mich gegen Dänemark nicht zeigen konnte, ist natürlich bitter. Ich denke aber, dass ich gegen Lettland spielen kann. Manchmal ist es besser, ein oder zwei Tage auszusetzen. Eine falsche Bewegung und du bist für das ganze Turnier raus. Das wäre doch viel fataler. Es war also die richtige Entscheidung. Wir wollten kein Risiko eingehen.

SPORT1: Wer entscheidet am Ende eigentlich? Haben Sie oder der Arzt das letzte Wort?

Can: Wir Spieler kennen unsere Körper am besten. Aber wenn der Arzt sagt "Lass es lieber", dann musst du auf ihn hören. Hier beim DFB haben wir Top-Ärzte. Wenn etwa Dr. Jochen Hahne fühlt, dass dein Muskel extrem fest ist, dann vertraue ich ihm. Wie gesagt: Es ist manchmal besser, schlau zu sein und den Ehrgeiz zur Seite zu schieben. Auch wenn das nicht immer einfach ist.

SPORT1: Ist die Dreierkette ein Risiko? Gegen Dänemark gab es in dieser Formation Licht und Schatten in der DFB-Abwehr.

Can: Es hat noch nicht alles zu 100 Prozent funktioniert. Aber das ist doch normal während der Vorbereitung. Es war definitiv mehr Licht als Schatten zu sehen. Wir haben in der ersten Halbzeit gut gespielt. Danach haben wir ein bisschen abgebaut. Wir wollten zu Null spielen, was leider nicht geklappt hat. Trotzdem haben wir insgesamt gut verteidigt und nicht viele Chancen zugelassen. Ich finde es übrigens besser, wenn nicht alles nach Plan läuft. Dann wissen wir vor Beginn des Turniers, an welchen Stellschrauben wir noch drehen müssen.

Dreierkette bei der EM die richtige Wahl?

SPORT1: Ist es der richtige Ansatz mit einer Dreierkette, die bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferkette wird, gegen Frankreich zu starten?

Can: Wieso nicht? Bei der WM 2018 hat Frankreich mit einem ähnlichen System gespielt und ist Weltmeister geworden. Die Franzosen hatten nicht viel Ballbesitz, haben gut verteidigt, wenige Tore kassiert und vorne eiskalt getroffen. Die Dreierkette kann ein erfolgreicher Ansatz sein.

SPORT1: Lassen wir uns überraschen. Hauchen Mats Hummels und Thomas Müller dem Team neues Leben ein?

Can: Sie können uns beide enorm weiterhelfen. Denn sie haben eine sehr gute Saison gespielt. Sie sind nicht nur dabei, weil sie Hummels oder Müller heißen und 2014 Weltmeister wurden. Sie haben sich diese EM-Teilnahme absolut verdient. Wir als Team profitieren enorm von den beiden. Thomas redet fast 90 Minuten lang und gibt Anweisungen. Auch Mats ist einer, der sehr viel spricht mit seinen Mitspielern und mit seiner Präsenz Eindruck macht. Sie haben uns gefehlt.

SPORT1: Leise sind Sie auch nicht. Am zweiten Trainingstag haben Sie Leroy Sané ordentlich angestachelt.

Can: Ich war schon immer laut. Das haben Sie als Reporter in einem vollen Stadion vielleicht nur nicht gehört (lacht). Wenn mir etwas nicht passt, dann sag ich das auch. Der eine macht es auf die sanfte Art, der andere wird direkter. Joshua Kimmich etwa ist jemand, der sich auch mal fetzt.

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Zoff zwischen Sané und Kimmich? "Ist doch normal"

SPORT1: Mit Leroy Sané zum Beispiel?

Can: Ich weiß, dass Leroy extrem viel Bock auf die EM hat. Er will sich zeigen, weil er bei der WM 2018 nicht dabei sein durfte. Leroy ist ein großartiger Fußballer. Er gehörte in den letzten Länderspielen zu den besten Spielern. Er kann bei dieser EM unser Unterschiedsspieler sein.

SPORT1: Sie haben Joshua Kimmich bereits erwähnt. Gegen die Dänen zoffte er sich mit Leroy Sané und rief ihm zu: "Hör auf zu jammern, Alter!" Ist das noch im Rahmen?

Can: Wir sind doch alle erwachsen! Das ist völlig normal in einer Mannschaft. Das zeigt die große Motivation und dass wir alles geben, um unsere Ziele zu erreichen. Sie haben später in der Kabine und beim Essen im Hotel schon wieder miteinander gelacht. Es ist gut, dass sowas passiert. Nur so können wir uns zu Höchstleistungen anstacheln.

SPORT1: Welche Rolle wird Deutschland bei dieser EM spielen?

Can: Wir müssen ehrlich zu uns sein: Wir sind kein Top-Favorit auf den EM-Titel! Das kann allerdings ein Vorteil sein. Denn ich vergleiche uns gerne mit der Mannschaft, die 2017 den Confed-Cup gewonnen hat. Bei diesem Turnier hat keiner mit uns gerechnet. Ich glaube trotzdem, dass bei dieser EM alles drin ist für uns. Wir wollen der ganzen Welt zeigen, dass unser frühes Ausscheiden bei der WM 2018 nur ein Ausrutscher war. Aber klar ist auch: Für Deutschland muss der Titel immer das Ziel sein! Denn wir haben großartige Spieler und müssen uns vor niemandem verstecken.

Can über seine eigene Rolle

SPORT1: Sie haben beim FC Bayern, in Liverpool und bei Juventus Turin gespielt. Müssen Sie sich manchmal kneifen, wie weit Sie es geschafft haben?

Can: Puh, es ging schon alles sehr schnell in den vergangenen Jahren. Manchmal können wir Spieler das Geschehene bei diesem Tempo gar nicht ausreichend reflektieren. Ich darf bei einer EM spielen und mein Land vertreten. Das ist eine unfassbar große Ehre. Als kleines Kind habe ich die EM mit meiner Familie im TV geschaut.

SPORT1: Sie sagten bereits, dass Sie kein EM-Tourist sein wollen. Wie plant Joachim Löw mit Ihnen?

Can: Ich weiß noch nicht genau, wie die Planungen des Bundestrainers mit mir sind. Er muss ja verschiedene Optionen haben. Aber ich hoffe natürlich, dass ich spielen werde.

SPORT1: Wird es Ärger geben, wenn ein Topstar auf die Bank muss? Vor allem im Mittelfeld-Zentrum ist der Konkurrenzkampf gewaltig.

Can: Natürlich wird der eine oder andere Spieler unzufrieden sein, wenn er auf der Bank sitzen sollte. Joachim Löw kann auch nicht jeden Spieler glücklich machen. Die Frage ist nur: Welche Reaktion zeigt er dann? Auch als Reservist gehört man zum Team. Dann muss man eben von außen helfen, indem man pusht und motiviert.

"Hätte lieber eine feste Position"

SPORT1: In dieser Saison haben Sie in Dortmund und in der Nationalmannschaft auf sechs unterschiedlichen Positionen gespielt. Ist das ein Vorteil oder Nachteil?

Can: Es ist nicht einfach, immer wieder umzuswitchen. Ich habe eine ordentliche Saison gespielt, aber die vergangenen zwei Monate verliefen nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Da muss ich ehrlich sein. Das hat sicherlich auch mit den vielen Positionswechseln zu tun. Ich hatte sechs, sieben Spiele am Stück, in denen ich immer auf einer anderen Position gespielt habe. Ich musste mich immer wieder neu reindenken und an die Räume gewöhnen. Natürlich hätte ich lieber eine feste Position. Unterm Strich mache ich aber alles für den Teamerfolg. Wenn ich spiele, hänge ich mich voll rein. Egal wo.

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SPORT1: Hansi Flick wird der neue Bundestrainer. Stimmt es, dass Sie im Winter 2019 vor Ihrem Wechsel zum BVB Kontakt zu ihm hatten?

Can: Ich kann bestätigen, dass wir Kontakt hatten. Ich kenne Hansi noch von der U21-Nationalmannschaft. Er ist ein guter Trainer. Ich freue mich auf ihn. Aber erst einmal haben wir zusammen mit Joachim Löw noch viel vor bei der EURO. Ich finde es schade, dass er geht, weil ich ihn als Menschen schätze. Ich hoffe, dass wir für ihn eine erfolgreiche EM spielen werden.

SPORT1: Welchen Eindruck macht Joachim Löw dieser Tage auf Sie?

Can: Er ist sehr motiviert und will es seinen Kritikern nochmal beweisen. Ich hoffe, dass wir ihm den Titel schenken können.

SPORT1: Vielen Dank für das Gespräch!

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