Can verrät Guardiolas Rolle bei seinem Abschied von Bayern

Kerry Hau, Thorsten Siegmund
Emre Can hat sich in Liverpool zu einem Mittelfeldspieler von internationalem Format entwickelt

Vom Straßenkicker aus der Nordweststadt Frankfurts zum gestandenen Mittelfeldstar an der Anfield Road: Der Werdegang von Emre Can liest sich wie ein Fußball-Märchen.

Jetzt ist der deutsche Nationalspieler sogar noch unter die Modedesigner gegangen. Vergangene Woche präsentierte er in seiner Heimatstadt seine erste eigene Kollektion für den schwedischen Moderiesen H&M.

SPORT1 traf Can zum Interview in der Mainmetropole - und sprach mit ihm unter anderem über den FC Liverpool, Jürgen Klopp, die bevorstehende WM in Russland und seinen Abschied vom FC Bayern nach der Triple-Saison 2012/13.

SPORT1: Herr Can, wie fühlt es sich eigentlich an, mit 24 Jahren seine eigene Modekollektion auf den Markt zu bringen?

Emre Can: Sehr gut. Mode ist mir sehr wichtig, ich habe mich schon immer dafür interessiert. Und man sagt ja immer: Kleider machen Leute. Man kann damit zeigen, was man für ein Mensch ist.

SPORT1: Die meisten Fußballer arbeiten mit teuren Designern zusammen. Warum haben Sie sich für H&M entschieden?

Can: Ich mag die Marke sehr, weil ich mit ihr aufgewachsen bin. Ich komme nicht aus einer reichen Familie, und wir haben sehr oft dort eingekauft. Und das tue ich auch heute noch. Es ist eine Marke mit Qualität. Deshalb ist es eine sehr, sehr große Ehre für mich, mit H&M zusammenzuarbeiten.


SPORT1: Sie sind damit der erste Fußballer nach David Beckham, der mit dieser Marke eine Kollektion entworfen hat...

Can: Beckham war als Mode-Ikone für mich schon immer so eine Art Vorbild. Auch deshalb hat das für mich alles ganz genau gepasst.

SPORT1: Was hat eigentlich Ihr Trainer Jürgen Klopp zu Ihrem neuen Nebenjob gesagt?

Can: Überraschenderweise nichts (lacht). Eigentlich würde ich schon erwarten, dass er noch einen Spruch bringt. Aber vielleicht kommt das ja noch. Einige Mitspieler haben 'The German Becks' zu mir gesagt.

SPORT1: Klopp gilt ja noch als einer der wenigen "Typen" im Profifußball. Was können Sie sich von ihm abschauen?

Can: Von Jürgen Klopp kann man viel lernen. Auch als Mensch. Das ist ein großartiger Trainer, keine Frage. Aber wie er auch als Mensch ist, wie ehrlich, wie eng er an uns Fußballern dran ist. Ich mag an ihm besonders, dass es er so ist, wie er ist. So versuche ich auch immer zu sein.


SPORT1: Sie sind unter Klopp zum unverzichtbaren Stammspieler in Liverpool gereift. Ist er der beste Trainer, den Sie bislang hatten?

Can: Das ist schwer zu sagen, denn ich hatte schon sehr viele großartige Trainer. Aber klar, ich habe mich unter Jürgen Klopp sehr weiterentwickelt. Ich bin ihm sehr dankbar, und es macht sehr viel Spaß, mit ihm zusammenarbeiten.

SPORT1: Klopp steht für attraktiven Fußball. Wie bewerten Sie Liverpools Saison?

Can: Bis jetzt ist sie gut. Wir spielen eine gute Premier-League-Saison und haben die Chance auf die Teilnahme am internationalen Geschäft in der eigenen Hand. Und in der Champions League sind wir im Viertelfinale.


SPORT1: Wenn man sich ansieht, was Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mane so veranstalten, könnte man meinen, Liverpool würde Coutinho überhaupt nicht vermissen...

Can: So einen großartigen Spieler vermisst jeder. Er hat so viel Talent, ist so ein guter Fußballer. Aber klar, wir haben es auch ohne ihn als Mannschaft bisher gut gemacht.

SPORT1: Wo kann denn die Reise in der Champions League noch hingehen? Im Viertelfinale geht es gegen Manchester City.

Can: Es wird sehr interessant. Aber wir fahren zu jedem Spiel, um es zu gewinnen. Wir brauchen vor niemandem Angst zu haben. Wir wollen ins Finale.

SPORT1: Es wäre theoretisch nicht ihr erstes. 2013 standen Sie schon mit dem FC Bayern im Endspiel von Wembley...

Can: Ja, ich war damals im Wembley dabei. Ich war nicht im Kader, aber ich habe das miterlebt. Das macht einfach Lust auf mehr. Deshalb will ich unbedingt wieder in ein Finale. Ich würde schon sagen, dass mich das antreibt.


SPORT1: Fühlen Sie sich eigentlich als Champions-League-Sieger?

Can: Als Champions-League-Sieger würde ich mich persönlich nicht beschreiben, weil ich nicht gespielt habe.

SPORT1: Danach haben Sie die Bayern in Richtung Bayer Leverkusen verlassen. Rückblickend kann man sagen: Alles richtig gemacht. Oder bereuen Sie Ihre damalige Entscheidung?

Can: Nein, definitiv nicht. Heute sieht man, dass es einfach die richtige Entscheidung war. Damals war es so: Pep Guardiola ist gekommen, und ich habe eine gute Vorbereitung gespielt unter ihm. Dann hatten wir ein sehr, sehr ehrliches Gespräch.

SPORT1: Worum ging es?

Can: Ich war sehr jung und für mich war wichtig, dass ich viel spiele. Er hat mir auch ehrlich gesagt: Ich kann dir jetzt nicht garantieren, dass du jede Woche spielen wirst. Dann habe ich die Möglichkeit in Leverkusen gesehen. Die haben auch Champions League gespielt. Für viele war es so gesehen ein Schritt rückwärts. Aber für mich war es ein Schritt vorwärts, weil ich in Leverkusen immer gespielt habe. Heute sieht man, dass es sich auf jeden Fall ausgezahlt hat.


SPORT1: War es ein Fehler von den Bayern, Sie ziehen zu lassen?

Can: Das würde ich nicht sagen. Ob sie einen Fehler gemacht haben, müssen sie selbst entscheiden.

SPORT1: Auch im DFB-Team ist der Konkurrenzkampf groß. Sie haben aber gute Chancen, im Sommer mit zur WM nach Russland zu fahren. Rechnen Sie sich Chancen auf einen Stammplatz aus?

Can: Mein Ziel ist es, ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft zu sein. Ich kann nur im Verein Gas geben, in den nächsten beiden Länderspielen und im Training der Nationalmannschaft. Alles andere muss der Bundestrainer entscheiden.

SPORT1: Worin muss sich der Fußballer Emre Can eigentlich noch verbessern?

Can: Das ist eine gute Frage (grinst). Ich habe viele Problempunkte, zum Beispiel kann ich noch mehr Tore schießen.

SPORT1: Sie haben in dieser Saison doch schon sechs geschossen – als defensiver Mittelfeldspieler...

Can: Ja. Und es stimmt, dass das Verteidigen meine Hauptaufgabe ist. Aber ich habe das Gefühl, dass ich beim Toreschießen noch Luft nach oben habe. So kann ich der Mannschaft noch mehr helfen.


SPORT1: Wo sehen Sie sich in drei Jahren, was ist Ihr persönlicher Traum?

Can: Ich will ein Weltklasse-Spieler werden. Vielleicht einmal in der Weltauswahl stehen. Das wäre schön.

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