Camp für ausgeflogene Afghanen in Europa: Interne Unterlagen zeigen, wie die Nato jetzt Ortskräfte aus dem Land retten will

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Die Flaggen wehen am Nato-Hauptquartier in Brüssel
Die Flaggen wehen am Nato-Hauptquartier in Brüssel

In den letzten Tagen war die Nato eigentlich nur ein Zaungast. Als die USA am vorigen Wochenende hastig ihr Botschaftspersonal und weitere Staatsbürger aus Kabul evakuierte, übernahmen die Amerikaner den Flughafen in Kabul, für dessen Betrieb eigentlich die Nato und konkret das Bündnismitglied Türkei zuständig ist. Stundenlang war das Militärbündnis plötzlich ausgesperrt, konnte nicht mehr sehen, ob und welche Flugzeuge rein und wieder raus aus dem Land flogen.

"Das Verhalten der Amis ist eine Katastrophe", kritisiert ein ranghoher Diplomat aus Deutschland. Dass die Amerikaner im Ernstfall, vor allem dann, wenn es um eigene Staatsbürger geht, die Sache selbst in die Hand nehmen, ist freilich auch für die Nato nicht neu. Im Verhältnis USA und Nato ist schon lange klar, wer Koch und wer Kellner ist. Und so hat sich die Nato auch jetzt in Afghanistan den USA untergeordnet. Interne Arbeitsanweisungen zeigen, dass bei allen Evakuierungen aus Kabul oder anderen Teilen des Landes die US-Militärs das sagen haben und nicht das Militärbündnis. Die Nato erhielt zwei Start- und Landeslots pro Stunde in Kabul, den Rest brauchen die Amerikaner.

Allerdings sind auch noch immer deutlich mehr Amerikaner im Land als Angehöriger anderer Staaten. Nato-intern geht man von bis zu 15.000 US-Bürgern aus. Deutsche sind dagegen wohl nur einige Hundert noch im Land. Und so kann die USA tatsächlich auch nicht ganz auf die Nato verzichten. Der Betrieb des Kabuler Flughafens ist das eine, eine große Luftbrücke zwischen Kabul und Nachbarländern sowie das weitere Kümmern um Ausgeflogene dann außerhalb Afghanistans ist das andere. Für diese logistische – und teure – Aufgabe braucht selbst die Supermacht USA Verbündete.

Und so hat die Nato in den letzten zwei Tagen mit Planungen für eine neue Militärmission begonnen. "Eine Art ISAF 2.0." kommentieren Nato-Angehörige, in Anlehnung an den ersten bewaffneten Einsatz des Bündnisses nach den Terroranschlägen vom 11. September. So plant das Nato-Hauptquartier nach Informationen von Business Insider unter anderem, ab 1. September die „Nato Response Force“ (NRF) in das Land zu schicken, um bei der weiteren Evakuierung westlicher Staatsbürger und afghanischer Helfer zu unterstützen. Das geht aus internen Unterlagen hervor.

Wo der NRF-Stützpunkt sein wird und wie viele Soldaten ins Land geschickt werden, ist noch offen und Gegenstand der Verhandlungen der Nato-Mitgliedsstaaten, die am Freitagnachmittag zu einer Sondersitzung zusammengekommen sind. Klarer dagegen ist, welche weitere Aufgabe die Nato in den nächsten Wochen bekommt: Sie soll sich um die von den USA und anderen Staaten nach Katar und Kuwait ausgeflogenen Afghanen kümmern. So heißt es in Entwürfen für das Außenministertreffen, dass die Nato eine Luftbrücke zwischen beiden Staaten und noch einzurichtenden Stützpunkten ("temporary staging areas") aufbauen soll.

Im Gespräch ist hierbei, dass die offenbar das US-Camp Bondsteel im Kosovo als zentraler Sammelpunkt in Europa für diejenigen ausgeflogenen Afghanen genutzt werden soll, die die USA von Afghanistan nach Katar und Kuwait gebracht haben, dort aber nicht durch einen anderen Staat woanders hingebracht wurden. Auch Polen soll ein entsprechendes Angebot gemacht haben.

Bis zu 90 Tage soll die Luftbrücke zwischen Katar und Kuwait sowie dem Sammelcamp in Betrieb sein können. Ausgeflogen werden in diesem Rahmen jedoch nicht alle Afghanen, sondern diejenigen, die unmittelbar für die Nato gearbeitet haben. Sie können ihren Lebenspartner oder ihre Lebenspartnerin mitnehmen sowie unverheiratete Kinder, die nicht älter als 21 Jahre sind. Darüber hinaus möglich sollen weiterhin auch nationale Evakuierungsoperationen wie die der Bundeswehr sein.

Die deutsche Luftwaffe hat bisher nach eigenen Angaben mehr als 1600 Menschen aus Afghanistan gebracht. Darunter sind nicht nur Deutsche, sondern auch afghanische Ortskräfte sowie Menschen aus insgesamt 36 weiteren Ländern. Die USA haben laut Verteidigungsministerium seit Samstag 7000 Menschen außer Landes geflogen. Da auch andere Staaten Evakuierungsoperationen durchführen, geht man von mehr als 10.000 Menschen aus, die seit dem Wochenende aus Kabul gerettet wurden.

Zugleich warten jedoch noch zehntausende Menschen auf ihre Ausreise. US-Präsident Biden sprach von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien. Am Freitag warteten rund 6000 Menschen mit gültigen Papieren darauf, von US-Militärmaschinen ausgeflogen zu werden, berichtete der US-Sender CNN. Die US-Streitkräfte wollen die Zahl der täglich ausgeflogenen Menschen in den nächsten Tagen deutlich steigern. Flugzeuge stehen dem Pentagon zufolge für 5000 bis 9000 Menschen pro Tag bereit.

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