Cambridge Analytica-Affäre: Wie Facebook die Krise verschleppte – und sie so zur Katastrophe machte

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Stand zuletzt immer öfter in der Kritik: Facebook-CEO Mark Zuckerberg (AP Photo/Eric Risberg)

Die Krise schwelt seit Monaten, seit dem Wochenende ist sie durch den Datenskandal um Cambridge Analytica in ungeahnter Kraft ausgebrochen. Gegen das weltgrößte Social Network wird nun von der Verbraucherbehörde FTC ermittelt, Aktionäre verklagen Facebook, während Nutzer in Scharen zu #DeleteFacebook aufrufen. Übersteht Facebook das Armageddon?

Der Gegenwind peitscht Facebook-Chef Mark Zuckerberg seit Monaten ins Gesicht. „Facebook funktioniert wie Zigaretten: „Sie machen süchtig, und sie sind nicht gut für einen“,  watschte Salesforce-CEO Marc Benioff das weltgrößte soziale Netzwerk Anfang des Jahres ab. „Die Technologie besitzt ohne Zweifel Suchtpotenzial, auf das wir hinweisen müssen.“

Losgetreten hatte die Welle der großen Abrechnung mit Facebook ausgerechnet der erste Präsident des weltgrößten Social Network. Im vergangenen November bezeichnete Sean Parker Facebook in einem Interview mit Axios als „eine soziale Bestätigungsmaschine, genau die Sache, die ein Hacker wie ich entwerfen würde, weil es sich die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche zunutze macht“. Seitdem verging kaum eine Woche, in der der Internetgigant nicht mediale Kritik einstecken musste.

Datenskandal um Cambridge Analytica erschüttert Facebook

Seit dem Wochenende ist aus dem Sturm indes ein Orkan geworden. Enthüllungen über  die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica haben das weltgrößte Social Network so schwer erschüttert wie kein anderer Vorfall seit der Gründung vor 14 Jahren. Im Kern geht es wie in den vergangenen 18 Monaten um Facebooks Rolle bei der letzten US-Wahl, bei der aus Russland geschaltete manipulative Anzeigen über 120 Millionen Amerikaner erreichten.

Dass durch die manipulative Verwendung von Facebook so die äußerst enge US-Wahl 2016, bei der 80.000 Stimmen in den drei Bundesstaaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin den Unterschied machten, maßgeblich beeinflusst worden sein könnte, stand seitdem als Generalverdacht im Raum. Die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica, die maßgeblich für Donald Trumps Social Media-Strategie verantwortlich war, ging seit der Wahl damit haussieren, dass sie der eigentliche Königsmacher gewesen sei.

Facebook ließ das Ausspähen von 50 Millionen Profilen zu

Den Mythos unterfütterten am Wochenende zwei bahnbrechende Enthüllungen im britischen Guardian und der New York Times mit Fakten. Nicht nur brachten die Enthüllungen zutage, dass Cambridge Analytica vom erzkonservativen Multimilliardär Robert Mercer finanziert wurde und Trumps späterer Berater Steve Bannon bald als Vice President installiert wurde, der ehemalige Mitarbeiter Christopher Wylie lieferte als Whistleblower auch noch bemerkenswerte Einzelheiten zur Mobilisierung der Kampagne.

Über eine App namens thisisyourdigitallife, die ein Mitarbeiter der Cambridge University als Umfrage entwickelt  und dann Cambridge Analytica angeboten hatte, erhielt die Datenanalyse-Firma nicht nur Zugriff auf die 270.000  Nutzerdaten, die freiwillig an der Umfrage teilnahmen, sondern auch über ihre gesamte Freundesliste.

Im Handumdrehen entstanden Datenmengen von über 50 Millionen Nutzern, die über Monate bis ins kleinste Detail anhand ihrer privatesten Daten – bis zu Nachrichten – psychografisch ausgelesen wurden. Im Wahljahr verfügte Cambridge Analytica so über eine virtuelle Propagandamaschine, die nur noch mit den richtigen Botschaften bestückt werden musste, um den erhofften Effekt beim Wähler zu triggern.

Der Rest ist Geschichte: Donald Trump ist Präsident, während Facebook seitdem unter dem latenten Dauervorwurf steht, eine Plattform geschaffen zu haben, deren Missbrauch es nicht genügend kontrolliert. Durch den Datenskandal um Cambridge Analytica kommt Facebook nun deshalb so massiv unter Druck, weil der Internetriese frühzeitig von der Datenverwendung gewusst, aber nichts unternommen hat, wie zahlreiche Medien berichten.

Facebook im Panikmodus

Was sich in den Tagen nach den Enthüllungen um den Cambridge Analytica-Skandal ereignete, dürfte jahrelang als Lehrstück herumgereicht werden, wie man eine Krise nicht meistert. Der bis dato fünftwertvollste Konzern der Welt schwenkte in den totalen Panikmodus um.

Facebook sperrte das Nutzerprofil des Whistleblowers Christopher Wylie, schickte seinen Sicherheitschef Alex Stamos auf Twitter vor, um klarzustellen, dass es sich nicht um ein Datenleck handelte, sondern Cambridge Analytica unmoralisch gehandelt habe, nur um die Tweets Stunden später wieder zu löschen. Wenige Stunden später kam heraus, dass Stamos im Streit über die Behandlung der Russland-Affäre bereits seine Kündigung eingereicht hatte, weil der 38-jährige Sicherheitschef mit der Mauertaktik Facebooks nicht einverstanden war, sondern auf Transparenz  setzen wollte.

Unterdessen versuchte der 500 Milliarden Dollar schwere US-Konzern die Muskeln spielen zu lassen: Nicht nur dass Facebook zunächst die Veröffentlichung des Guardian anwaltlich unterbinden wollte, am Montag schickte der Internetriese auch noch einen Trupp von Sicherheitsleuten ins Londoner Büro von Cambridge Analytica, um Beweise sicherzustellen – die Intervention wurde schließlich von der britischen Datenschutzbehörde gestoppt.

Konzernchef Zuckerberg taucht vollkommen ab

Medial tauchte der Internetgigant unterdessen vollkommen ab. Konzernchef Zuckerberg und Vize Sheryl Sandberg reagierten fünf Tage lang mit kollektiver Sprachlosigkeit.  Marketingprofessor Scott Galloway kanzelte Facebooks Kommunikationspolitik unterdessen in drastischen Worten ab. „Das ist eine der am schlechtesten gemanagten Krisen in der modernen Wirtschaftsgeschichte“, erklärte der Bestsellerautor gegenüber dem Finanznachrichtensender CNBC.

„Zuckerberg und Sandberg haben sich in die Höhlen von Kandahar zurückgezogen.“ Schließlich rang sich der US-Konzern doch noch ein Statement ab – und inszenierte sich als Opfer. „Wir sind uns des Ernstes der Lage bewusst. Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden“, klagte das Social Network.

Facebook verliert 50 Milliarden Dollar an der Börse

An den Kapitalmärkten konnte das 14 Jahre US-Unternehmen damit indes kein Mitleid erwarten. Allein an den ersten zwei Handelstagen dieser Woche verlor Facebook an der Wall Street mehr als 50 Milliarden Dollar – in der Spitze waren es sogar 65 Milliarden Dollar.

Der brutale Kurssturz wurde durch eine Flut von Negativnachrichten ausgelöst: Sowohl die amerikanische Verbraucherbehörde FTC als auch das EU-Parlament wollen Ermittlungen in der Causa Cambridge Analytica einleiten und Mark Zuckerberg persönlich befragen. Erste US-Investoren fackelten unterdessen nicht lange und reichten beim Bundesgericht in San Francisco eine Klage wegen Irreführung ein.

Analysten senken den Daumen 

Zahlreiche Analysten, die über Jahre das Kurspotenzial des Social Networks und seiner Social Media-Töchter gepriesen hatten, gingen zudem hörbar auf Distanz. „Die Episode dürfte Facebook PR-seitig ein weiteres, aber diesmal ernsthafteres blaues Auge bescheren und könnte zu verschärfter regulatorischer Beobachtung führen“, glaubt etwa  Wells Fargo Analyst Peter Stabler.

Stifel-Analyst Scott Devitt rechnet unterdessen damit, dass Facebook Anpassungen vornehmen könnte, die „ultimativ zu einem geringeren Engagement und negativen Einflüssen für die Monetarisierung führen könnten.“ Nach Einschätzung von GBH Insights-Analyst Daniel Ives könnte die Datenaffäre um Cambridge Analytica den Social Media-Riesen durch den entstandenen Vertrauensverlust im laufenden Jahr bis zu fünf Milliarden Dollar entgangener Anzeigenbuchungen kosten.

#Deletefacebook: „Es ist an der Zeit. #LöschFacebook“

Ausgerechnet der Mitbegründer der Messaging-App WhatsApp, die Facebook vor vier Jahren für den Preis von 19 Milliarden Dollar übernahm, lieferte unterdessen die ultimative Demütigung des Mutterkonzerns. Brian Acton twitterte in vier einfachen Worten wie aktuell wohl Millionen Nutzer des Social Networks denken:  „It’s Time. #DeleteFacebook“, „Es ist an der Zeit. #LöschFacebook.“