BVI trommelt für Frankfurt

Die Abwicklung von Derivategeschäften nach dem Brexit ist umstritten. Jetzt spricht sich im Handelsblatt ein prominenter Finanzmarktakteur für eine Verlagerung von London nach Frankfurt aus – der Fondsverband BVI.


Wer Lust auf Horrorszenarien hat, der muss Vertreter großer Banken nur auf die Abwicklung von Derivategeschäften (Clearing) nach dem Brexit ansprechen. Eine mögliche Verlagerung von London nach Frankfurt werde die Finanzbranche zig Milliarden Euro kosten, warnen Banker dann unisono. Manche sehen sogar die Stabilität der Finanzmärkte in Gefahr.

Doch nun spricht sich deutsche Fondsverband BVI für eine Verlagerung des sogenannten Euro-Clearings von London nach Frankfurt aus – und begründet das unter anderem mit niedrigeren Kosten. „Aus Sicht der Fondsbranche liegen die Vorteile eines Euro-Clearings innerhalb der EU auf der Hand: reduzierte Kosten, höherer Anlegerschutz und mehr Finanzstabilität“, sagt BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter. Er bezieht sich dabei auf eine Studie der Fondsgesellschaft Union Investment, die bei einer Verlagerung mit Kosteneinsparungen von bis zu 30 Prozent rechnet.


„Wir haben 400 Fonds, die aktiv außerbörsliches Derivate-Geschäft betreiben“, sagt Stefan Schmidt im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er ist Senior Derivate-Händler bei Union Investment und Autor der Studie. „Die Kostenersparnis bei den einzelnen Fonds geht von 0 bis 100 Prozent.“ Im Schnitt seien es 30 Prozent. „Die Ergebnisse zeigen, dass dieses Thema für die gesamte Branche relevant ist. Wir wollen damit eine Diskussion bei Vermögensverwaltern anregen und zeigen: Es gibt Effizienzen, die wir heben können.“


Abwicklungshäuser wie Eurex Clearing in Frankfurt und LCH in London stellen sich im Handel zwischen Käufer und Verkäufer und springen ein, falls einer der Beteiligten ausfällt. Die Handelsteilnehmer müssen dafür Sicherheiten beim Clearinghaus hinterlegen. So soll das Finanzsystem stabiler gemacht werden. Bisher wird ein Großteil der Derivategeschäfte in Euro über das Londoner Clearinghaus LCH abgewickelt. Die EU will darauf aber auch nach dem Brexit Zugriff haben. Die Briten sollen deshalb entweder einer Beaufsichtigung durch EU-Behörden in London zustimmen – oder ein Abwandern nach Kontinentaleuropa hinnehmen.


Fondsanleger dürfen hoffen

Banken wollen das Clearing möglichst an einem Standort konzentrieren. Denn dort können sie gegenläufige Positionen miteinander verrechnen und benötigen so unter dem Strich weniger Sicherheiten. Da in London auch zahlreiche Dollar- und Pfund-Transaktionen abgewickelt werden, sind die Verrechnungsmöglichkeiten in der britischen Hauptstadt für die meisten Großbanken am attraktivsten.


„Für Asset Manager mit Investitionsschwerpunkt Europa bringt die Verrechnung mit anderen Währungen, wie sie die LCH propagiert, aber wenig“, sagt Derivate-Experte Schmidt. Union Investment werde derzeit von seinen Handelspartnern dazu gedrängt, einen Großteil seiner außerbörslich gehandelten Derivate in London abzuwickeln. Dabei hätte eine Verlagerung nach Frankfurt für das Fondshaus eine Reihe von Vorteilen. Das sei das Ergebnis einer Portfolioanalyse in Zusammenarbeit mit der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing, die die Sicherheitsanforderungen bei einer Verschiebung simuliert hat.

Laut Schmidt gibt es drei Gründe, warum ein Umzug der Union Investment Vorteile bringen würde. Zum einen könnte die DZ-Bank-Tochter in Frankfurt die Sicherheitsanforderungen für außerbörslich gehandelte Derivate (OTC) mit denen für börsengehandelte Derivate verrechnen. Zudem könnte sie bei Eurex Clearing deutlich mehr Wertpapiere als Sicherheiten für Handelsgeschäfte hinterlegen, als dies in London möglich ist. Und drittens können in Frankfurt auch Sicherheiten aus Wertpapierleihe-Geschäften angerechnet werden.

Union Investment ist deshalb überzeugt, dass eine Verlagerung nach Frankfurt nicht nur gut für die Finanzstabilität wäre, sondern auch für deutsche Sparer. „Wenn es gelingt, das Euro-Clearing an den Finanzplatz Frankfurt zu holen, profitieren von den zu erwartenden Kosteneinsparungen auch die deutschen Fondsanleger“, sagt Kapitalmarktvorstand Jens Wilhelm.