BVB am Tiefpunkt: So plant Dortmund den Neuanfang

Martin Volkmar, Stefan Kumberger

Beim größten Debakel der jüngeren Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund waren die beiden neuen Hoffnungsträger nur Zuschauer.

Schon zur Halbzeit wirkte Sebastian Kehl auf der Tribüne der Allianz Arena fassungslos über den Auftritt seines Ex-Teams, das mit dem höchsten Rückstand seit dem 0:12 in Mönchengladbach vor 40 Jahren in die Pause gegangen war.

5:0 führte der FC Bayern nach 45 Minuten, am Ende hieß es 6:0 für den alten und neuen Deutschen Meister. Der frühere BVB-Kapitän Kehl hatte da bereits das Stadion verlassen, während Matthias Sammer knapp 600 Kilometer weiter im Berliner Olympiastadion nach Worten für das Desaster suchte.

"Das sollte nicht passieren, ist nicht gut und für die Moral nicht schön", analysierte der Eurosport-Experte, der nun zusammen mit Kehl zur neuen Saison für den Turnaround bei den Westfalen sorgen soll. Denn die höchste Bundesliga-Pleite seit 1991 markierte den vorläufigen Tiefpunkt einer verkorksten Spielzeit.


SPORT1 zeigt, was sich alles beim BVB ändern soll und muss.

- Sportliche Führung:

Der schleichenden Abwärtstendenz der letzten Jahre wollen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc mit frischen Ideen von echten Identifikationsfiguren Einhalt gebieten. Dafür stehen die einstigen Dortmunder Meisterhelden und Kapitäne Sammer (als externer Berater) und Kehl, der Leiter der Lizenzspielermannschaft werden wird.

"Wir haben beschlossen, uns von der Struktur her neu auszurichten. Seine ungeschminkte Analyse wird uns guttun", erklärte Zorc im ZDF zur überraschenden Sammer-Rückkehr nach 14 Jahren. Und über den Wunschkandidaten Kehl meinte er: "Ich glaube, dass er uns mit seiner Professionalität und seiner Identifikation gut zu Gesicht steht."


Vor allem Sammer solle bei der Borussia "die Fenster aufmachen", sagte Watzke: "Und jetzt wird durchgelüftet."

Das sei "vom Ansatz her ein richtig guter Gedanke", schreibt SPORT1-Experte Marcel Reif dazu in seiner Doppelpass-Kolumne:

"Allerdings würde es mit den Alphatieren Watzke, Zorc, Sammer und Kehl etwas voll im Team. Das funktioniert nur, wenn sie klare Strukturen finden und die Verantwortungsbereiche abstecken. Sonst hast du einen Debattierklub - und die Probleme bleiben ungelöst."

Sammer selbst betonte zwar, er werde weiter in München wohnen, als TV-Experte arbeiten und "keine Entscheidungen treffen". Doch wer ihn kennt, der weiß, dass der ehemalige Bayern-Sportvorstand seine Lösungsvorschläge mit Nachdruck einfordern wird.


- Trainer:

Schon bei der vermutlich wichtigsten Personalie im Klub mischt Sammer mit. "Natürlich sprechen wir auch über die Trainerfrage", verriet Zorc. "Da werden wir in den nächsten Wochen eine Entscheidung haben."

Spätestens nach der Blamage von München spricht fast alles dafür, dass diese nicht zu Gunsten von Peter Stöger ausfallen wird. Zumal sich der Trainer danach selbst in Frage stellte.

"Gestärkt wird die Niederlage meine Position nicht haben", sagte er ironisch. "Mein Leben definiert sich aber nicht darüber, dass ich beim BVB an der Seitenlinie stehe. Ich bin ein relativ aufgeräumter und glücklicher Mensch."

Wen auch immer die Dortmunder als vierten Trainer binnen eines Jahres beschäftigen werden - er wird eine schwere Aufgabe vor sich haben. Gehandelt werden derzeit vor allem Lucien Favre und  Ralph Hasenhüttl.

Auch das machte Stöger bei Sky deutlich: "Vielleicht ist es mal eine gute Situation, dass man eine richtige Klatsche bekommen hat und alle Steine rumdreht. Man muss schauen, welche Rädchen man drehen muss. Das sind meiner Meinung nach nicht nur Rädchen, sondern ein paar Räder."


- Mannschaft:  

Das Debakel von Samstag hat endgültig klar gemacht, dass Struktur und Zusammensetzung der Mannschaft nicht stimmen und vermutlich nur ein größerer Umbruch Besserung verspricht.

Vor allem Führungsspieler werden seit den Abgängen von Mats Hummels und Sven Bender schmerzlich vermisst. Ebenso leidet der BVB am qualitativen Aderlass durch die Verkäufe von Topleuten wie Ilkay Gündogan, Ousmane Dembele oder Pierre-Emerick Aubameyang.

Darüber hinaus fehlt sowohl in der Innenverteidigung als auch im defensiven Mittelfeld die sportliche Klasse, um wieder ganz oben anzugreifen.

Hinzu kommt dann noch ein Mentalitätsproblem. "Wir haben uns wehrlos ergeben. Das hat mit der Einstellung zu tun", erklärte Zorc. "Das war wenig professionell. Die Grund-Tugenden des Fußballs sind uns komplett abhanden gekommen."

Insgesamt mangele es im BVB-Kader "offenbar an Charakter und Einstellung", so Marcel Reifs Analyse: "Es fehlt eine Hierarchie und es gibt keine Führungsfiguren. Sie haben mehr Baustellen als man beim Blick auf die Tabelle vermutet. Deshalb wird bei Dortmund gerade alles auf links gedreht."