BVB-Edelfan: "Ich würde Tuchel zurückholen"

Reinhard Franke

Extrabreit zählt zu den bekanntesten Bands in Deutschland und feiert dieses Jahr 40-jähriges Bestehen.

Ihre Hits "Hurra, hurra, die Schule brennt", "Flieger, grüß mir die Sonne" oder "Polizisten" sind Gassenhauer. Im Laufe der erfolgreichen Bandgeschichte hat Extrabreit mehrere hunderttausend Alben verkauft.   

Aber nicht nur die Musik bedeutet für Sänger Kai Havaii echte Liebe, sondern auch sein Herzensverein Borussia Dortmund.

Im SPORT1-Interview spricht der 61-Jährige über den BVB und blickt dabei auch kritisch auf ein schlimmes Ereignis zurück.

SPORT1: Herr Havaii, die Saison geht zu Ende. Ihr Fazit?

Kai Havaii: lch bin immer mal wieder von den Socken, dann aber auch wieder bitter enttäuscht. Mein BVB ist eine echte Wundertüte. Wenn man das Spiel gegen Schalke gesehen hat, dann war das ein Trümmerhaufen, da dachte man 'Das mit der Champions League kann nichts mehr werden'. Aber die Partie zu Hause gegen Bayer Leverkusen war wieder brillant. Auch das Spiel gegen Werder Bremen war sehr gut, aber an diesem Tag hatte deren Torhüter Pavlenka mindestens zehn Arme.

SPORT1: Borussia Dortmund steht vor einem Umbruch…

Havaii: Nicht nur, was die Trainer-Position betrifft, auch was die Truppe angeht. Was mich optimistisch stimmt, sind Jungs wie Manuel Akanji und Jadon Sancho. Sancho ist einer, der mit dem Ball am Fuß auch mal durch drei Mann durchgeht - ähnlich wie Dembele. Aber er ist sehr jung und man kann von ihm noch keine Konstanz auf diesem Niveau erwarten. Und mit Sergio Gomez haben wir auch noch was in petto.


SPORT1: Wie wurden Sie BVB-Fan?

Havaii: In meinem Geburtsort Hagen gibt es ein paar mehr BVB-Fans, aber auch jede Menge Schalker. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Schwarz-Gelb im Herzen trage. 1966, mit neun Jahren, habe ich mein erstes Fußballspiel im Fernsehen gesehen, das war das Europapokal-Finale gegen den FC Liverpool. Von da an war ich infiziert.

SPORT1: Wird Trainer Peter Stöger trotz guter Arbeit gehen müssen?

Havaii: Sieht so aus. Das ist schade, denn ich halte ihn für einen guten Trainer. Ich mag seine Coolness und seine feine Ironie. Und wenn man die vergangenen beiden Spiele als Maßstab nimmt, dann ist auch fußballerisch und taktisch absolut nichts an ihm auszusetzen. Viele Leute scheinen aber grundsätzlich zu glauben, dass der Verein und die hohen Erwartungen für ihn eine Nummer zu groß sind.

SPORT1: Wenn nicht Stöger - wer sollte in der neuen Saison Cheftrainer werden?

Havaii: Wenn ich zaubern könnte, würde ich Thomas Tuchel charakterlich etwas umbauen und ihn dann zurückholen (lacht). Er ist ein super Trainer, aber im persönlichen Umgang offenbar unerträglich. Ich glaube, Hans-Joachim Watzke hatte recht, Tuchel zu beurlauben. Ansonsten: Lucien Favre wird immer genannt. Aber er ist auch nicht der Kommunikativste, eher so ein introvertierter Tüftler.


SPORT1: Welche Lehren hat Borussia aus dem Umgang mit dem Bus-Anschlag gezogen?

Havaii: Da hat die Vereinsführung keine so gute Figur gemacht. Das Spiel damals gegen Monaco hätte abgesagt werden müssen. Da wurde nicht richtig verstanden, was so psychisch auslöst. Ich meine: Ich bin auch Profi auf der Bühne, aber wenn da zum Beispiel jemand ein Messer auf mich werfen würde, hätte ich sicher auch ein ernsthaftes Problem, mich am nächsten Tag wieder auf den Präsentierteller zu stellen. Das Gefühl zu sehen, wie verwundbar man eigentlich ist, hängt einem doch nach. Ich kann verstehen, dass das ein Päckchen war, an dem Mancher lange zu tragen hatte.

SPORT1: Matthias Sammer ist neuer Berater im Klub. Wird er helfen können?

Havaii: Ich halte Sammer für sehr kompetent. Er ist natürlich ein sehr eigener Vogel, ich würde sagen der Typ Partyschreck (lacht). Ich erinnere mich an die Meisterschaft 2002, als alle gefeiert haben, nur Sammer stand sauertöpfisch da und meinte 'Das sollten wir aber jetzt nicht zu hoch hängen.' Aber ich glaube, dass er in der Beraterrolle ausgesprochen hilfreich sein wird. Sammer wird dem BVB gut tun.

SPORT1: Sebastian Kehl auch?

Havaii: Er ist ein guter Typ mit viel Ahnung vom Fußball. Er soll den Kontakt zur Mannschaft pflegen, Kehl kennt den Verein gut, genießt Respekt, war jahrelang ein Leader. Auch er wird uns sehr nützen.

SPORT1: Heißt das Autoritätsverlust für Michael Zorc?

Havaii: Sicher nicht. Zorc steht für viele goldene Jahre des Vereins. Aber es ist sicher so, dass er nicht mehr ganz allein da steht in seiner Rolle. Zorc wird sich jetzt gewisse Aufgaben teilen können mit Kehl. Und ich könnte mir vorstellen, dass ihm das eher entgegen kommt.


SPORT1: Mit Marwin Hitz wurde ein neuer Torwart verpflichtet - als Konkurrent für Roman Bürki. Oder ist er gar die neue Nummer 1? 

Havaii: Ich sehe ihn eher als Nummer 2. Bürki ist allerdings auch manchmal eine Überraschung. Er macht Spiele, in denen er ein paar Unhaltbare hält, dann hat er auch wieder ein paar blöde Dinger drin. Aber Ich würde ihn nicht so scharf kritisieren - er hat seinen Zenit noch nicht erreicht.

SPORT1: Wie kann der BVB wieder die Nummer 2 hinter dem FC Bayern werden?

Havaii: Indem man den Umbruch jetzt schafft. Es gibt eine Menge Aufgaben. Der Trainer, das Team - das ist auch nötig. Wenn alle an einem Strang ziehen, bin ich zuversichtlich. Die Voraussetzungen sind exzellent, wir sind finanziell top aufgestellt und haben Fans im Rücken, die durch kaum etwas zu erschüttern sind. Und vom Stadion müssen wir gar nicht reden. Ich sehe den BVB in der nächsten Saison als Nummer 2.

SPORT1: Auch dank Marco Reus?

Havaii: Bei Reus ist das Drama, dass er jedes Mal, wenn er durchstarten kann, gleich wieder einen Tritt auf den Fuß kriegt. Er ist anfällig, aber dafür kann er nichts. Ich hoffe, dass Marco jetzt ein paar verletzungsfreie Jahre hat. Dann werden wir noch sehr viel Freude an ihm haben.

SPORT1: Kommt Mario Götze noch mal richtig auf die Beine?

Havaii: Marios Geschichte ist seit seinem WM-Tor 2014 traurig verlaufen. Zum FC Bayern zu gehen, war ein Fehler. Seitdem er wieder beim BVB ist, läuft es bei ihm weiter durchwachsen. Aber wenn man seine beiden letzten Spiele als Maßstab nimmt, dann sage ich: 'So geht’s.' Ich wage mal eine Prognose: Er fährt mit zur WM und macht da ein paar ganz tolle Sachen.