Die offensichtlichen Fehler des Lucien Favre

Patrick Berger

Nach der 3:4-Pleite gegen Bayer 04 Leverkusen steht Trainer Lucien Favre mal wieder in der Kritik.

Der Schweizer wirkte nach der vierten Liga-Pleite hilflos, ratlos, ja schier fassungslos aufgrund der erneut haarsträubenden Fehler seiner Mannschaft.


Am SPORT1-Mikrofon sagte er: "Ich fühle mich nicht machtlos. Ich probiere mein Bestes, um Fortschritte zu machen und ein paar Sachen zu korrigieren." Und dann sagte er: "Seitdem ich Trainer bin, hatte ich selten eine Mannschaft, die solche Schwierigkeiten hat." Ein bemerkenswerter Satz, schließlich spielte Favre einst mit Gladbach gegen den Abstieg.

Klar ist: Trotz großen Unvermögens seiner Spieler muss sich auch Favre hinterfragen. SPORT1 zeigt die offensichtlichen Fehler des 62-Jährigen:

Favre bekommt die Abwehrschwäche nicht in den Griff

Die Abwehrprobleme des BVB scheinen fast schon chronisch zu sein. Mit 32 Gegentreffern stehen die Dortmunder so schlecht da wie zuletzt vor zwölf Jahren. Allein in den ersten drei Auswärtspartien des neuen Jahres setzte es zehn Gegentreffer

"Wir bekommen insgesamt zu viele einfache Gegentore", monierte Sportdirektor Michael Zorc. "In den entscheidenden Situationen, wenn es darum geht einen Vorsprung zu verwalten, sind wir zu passiv. Wir machen keinen Druck auf den Flankengeber und sind zu weit im Strafraum vom Mann weg. Das Problem begleitet uns schon seit längerem."

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Einzig: Eine Antwort darauf hat Favre auch im Frühjahr 2020 immer nicht gefunden.

Favre kriegt die Außen nicht dicht

Gegen Leverkusen fielen zwei Gegentore nach Flanken. Der BVB hat jetzt schon sieben Treffer nach gegnerischen Hereingaben kassiert - ein trauriger Top-Wert für ein Spitzenteam. Nur Mainz und Augsburg (je neun) sind noch schlechter.

Favre will das Spiel kontrollieren

Man kann Favre wahrlich nicht vorwerfen, die Probleme nicht erkannt und nicht deutlich genug angesprochen zu haben ("Wir müssen als Mannschaft besser verteidigen. So ist es schwer, ein Spiel zu gewinnen"). Seine Mannschaft verspielte in dieser Bundesliga-Saison zum sechsten Mal eine Führung und verschenkte so 14 Punkte.

Gebetsmühlenartig predigt der Trainer zudem, dass seiner Mannschaft zu einem absoluten Spitzenteam noch etwas fehlen würde. Auffällig sind hierbei auch die unterschiedlichen Auffassungen innerhalb des BVB.


Nach der Leverkusen-Pleite sprachen Michael Zorc, Lizenzspielerchef Sebastian Kehl ("Nach dem Rückstand und haben wir uns zu passiv angestellt. Wir dürfen Leverkusen nicht die Räume geben und uns nicht so weit zurückziehen") und Abwehr-Boss Mats Hummels unisono von "Passivität". Hummels sagte: "Bei Führung werden wir passiv. Es ist wichtig, dass wir aktiv bleiben und nicht den Gegner stark machen."

Favre sieht das anders: "Das hat nichts mit Passivität zu tun. Wir müssen reifer sein und das Spiel mehr kontrollieren, wenn wir führen. Wir müssen geduldig sein und den Ball auch mal kontrollieren."

Allein: Für ein geduldiges Spiel wurde das BVB-Team nicht zusammengestellt. Der Kader ist mit offensivstarken und pfeilschnellen Spielern bestückt (Raphael Guerreiro, Jadon Sancho, Thorgan Hazard, Marco Reus, Achraf Hakimi, Julian Brandt, Erling Haaland) und nicht für ein kontrolliertes und abwartendes Spiel.

Favre steht nicht hinter dem Klub-Ziel

Die BVB-Bosse haben vor der Saison die Meisterschaft als Ziel ausgerufen. Im Oktober unterstrich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke diese Marschroute noch einmal: "Daran korrigieren wir nichts. Wir versuchen alles."

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Bei Fragen zur Meisterschaft schüttelt Favre allerdings immer wieder den Kopf und winkt verärgert ab. Nach dem 5:0-Sieg gegen Union vor zwei Wochen reagierte er gegenüber einer WDR-Reporterin arg dünnhäutig: "Was soll diese Frage?"

Favre überlädt seine Spieler mit Taktik

Lucien Favre ist ein intelligenter und detailbesessener Taktik-Guru. Angesprochen auf die Gegentore in Leverkusen sagte der Coach: "Es ist nötig, ein paar Sachen zu korrigieren. Wir müssen aggressiver, aber auch intelligenter spielen. Es sind viele, viele Details, die den Unterschied momentan machen: Vermeide ich zum Beispiel eine Flanke mit dem rechten oder mit dem linken Fuß?"

Die Spieler fühlen sich in Teilen von Favres Taktik-Gerede überladen! Der angeschlagene Trainer sollte sich ab sofort auf das Wesentliche konzentrieren. Er muss seinen Spielern jetzt Basics ans Herz legen wie: leidenschaftliches, geschlossenes und kompromissloses Verteidigen. Kehl: "Es fehlt das Bewusstsein bei allen Spielern, dass jeder Zweikampf bis zur letzten Sekunde entscheidend sein kann."

Favre verzockt sich

Favre ließ den BVB in dieser Saison schon im 4-3-3, 4-1-4-1, 3-4-2-1 und 4-2-3-1 spielen. Gegen Ende der Hinrunde stellte er auf eine Dreierkette um, in Leverkusen probierte er es wieder mit einer Viererkette.

Der Systemwechsel ging in die Hose und sorgte für große Löcher zwischen Mittelfeld und Abwehr. Zorc meint dazu: "Ich weiß nicht, ob es ein Problem des Systems ist." Und Kehl ergänzt: "Wir haben in unterschiedlichen Systemen gespielt und haben es auch in der Vierer-Formation nicht geschafft, stabil zu sein."


Beim Pokal-Aus in Bremen erntete Favre zudem Kritik, weil er Super-Talent Erling Haaland zunächst draußen ließ.

Favre ist zu lieb

Favre ist nicht gerade als heißblütiger Motivator à Jürgen Klopp bekannt. Überträgt sich seine introvertierte und nach außen oft lethargisch wirkende Art auf die Mannschaft? Die Statistik gibt Anzeichen dazu.

In den Zweikämpfen sind seine Spieler viel zu lieb. Die Dortmunder kommen nach Ballverlusten selten in Defensivzweikämpfe, foulen am seltensten (182-Mal) und stellen zudem mit 19 Gelben Karten und einer Ampelkarte das fairste Team der Liga. Neu-Leader Emre Can fordert: "Wir müssen - auf gut Deutsch gesagt - auch mal dreckiger spielen."