„Buy now, pay later“: So gefährlich ist der Kauf auf Raten und auf Rechnung bei Paypal, Klarna und Co.

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Neue Sneaker, eine Tasche, zwei Jeans zur Auswahl und eine neue Winterjacke wären eigentlich auch nicht verkehrt. Per Smartphone auf dem Sofa liegend können Kunden alles mit ein paar Klicks und wenig Daumenwischen per App aussuchen und bestellen. Schnell, bequem, einfach. Doch eine Sache stört meist: der Preis. Gleichzeitig 100 Euro bei Zalando, 250 Euro bei Media Markt und 150 Euro bei Otto zahlen, das können und wollen sich die wenigsten Verbraucher leisten. Vor allem, wenn man sogenannte "Auswahlbestellungen" aufgibt, also ein Teil in mehreren Größen bestellt und weiß, dass einige Teile wieder zurückgeschickt werden. 

Doch die Zahlungsdienstleister haben sich etwas ausgedacht, um dieses Problem zu lösen: „Buy now, pay later“, heißt die Bezahlmethode, oft abgekürzt zu BNPL. Der Name erklärt sich von selbst: Ihr kauft das Produkt jetzt und bezahlt später, meist in Raten – und nehmt damit sozusagen Kleinkredite auf. Ihr könnt Sneaker, Tasche, Jeans und Jacke direkt bestellen und müsst nicht auf einmal die Kosten von etwa 400 Euro zahlen, sondern könnt die Summe über mehrere Monate aufteilen. Oder über das Prinzip Rechnungskauf zwei Wochen später nach Erhalt der Ware bezahlen.  

Das BNPL-Geschäft boomt, das zeigt auch eine Studie des Analysehauses Juniper Research. 2021 würden weltweit rund 340 Millionen Menschen BNPL nutzen und dabei 266 Milliarden Dollar ausgeben, wird in der Analyse prognostiziert. Nach Schätzungen der Juniper-Analysten sollen es in fünf Jahren schon 1,5 Milliarden Menschen sein, die rund eine Billion Dollar über diese Methode ausgeben. Das ist knapp viermal so viel Geld wie heute. Damit würde der BNPL-Anteil der Transaktionen am globalen E-Commerce-Markt von heute neun Prozent auf 24 Prozent bis 2026 steigen. „BNPL wird immer attraktiver, vor allem für Millennials und Vertreter der Generation Z, die wegen ihrer dünnen Kreditakte Probleme bekommen könnten, eine Kreditkarte zu erhalten“, erläutern die Experten von Juniper Research. 

Ratenkauf, aber in cool 

Zahlungsdienstleister wie das schwedische Unternehmen Klarna oder Paypal aus den USA haben das Potenzial erkannt. Aber auch klassische Händler steigen in das Payment-Geschäft ein: Zalando hat hierzulande sogar eine eigene Tochtergesellschaft für die Zahlung im eigenen Onlineshop gegründet. Zalando Payments kauft die Forderungen der Mutter auf und wickelt die entsprechenden Transaktionen dann ab. Ebenso macht es Otto. Der Versandhandelsriese bietet den Kauf auf Raten über seine Tochterfirma Otto Payments schon seit Jahren an, will die Services künftig aber auch für andere Händler auf der Otto-Plattform anbieten.  

Dabei ist das Modell später zu bezahlen eigentlich nicht ganz neu. Denn Rechnungskauf und die Zahlung in Raten gibt es an sich schon lange in Deutschland. Jedoch wurden diese Finanzierungsmodelle nur selten bei Händlern angeboten, meist nur bei teuren Anschaffungen wie dem Autokauf. Neue Zahlungsanbieter wie Klarna, die Bezahlen im Onlineshopping einfach und mit ihrer poppigen, pinken App sowie Werbeträgern wie Lady Gaga und dem Rapper Asap Rocky fast schon "sexy" machen, tragen BNPL nun in die breite Masse.   

Etwa die Hälfte aller Klarna-Kunden nutzt heute, 16 Jahre nach Gründung des Zahlungsdienstleisters, die BNPL-Optionen. Kunden in Deutschland haben mit der Option "Kauf auf Rechnung" die Möglichkeit, bis zu 14 Tage nach Erhalt der Ware zu bezahlen. Gegen eine kleine Gebühr kann die Zahlungsfrist auf bis zu 60 Tage verlängert werden. Wie Klarna auf Anfrage mitteilt, soll diese Art der Bezahlung für Kunden "flexibel und risikofrei" sein. Denn der Zahlungsdienstleister übernehme das gesamte Risiko, falls Ware nicht oder beschädigt ankomme oder wenn Kunden etwas zurückschicken möchten. 

Über 70 Prozent würden mit BNPL bezahlen

Das zeigt auch eine aktuelle Studie des Fintechs Credi2, welches für Banken und Händler die BNPL-Bezahlmethoden entwickelt. Mehr als 70 Prozent der 18- bis 34-Jährigen würden mit dieser Methode bezahlen, um spontaner einkaufen oder sich ein höherwertiges Produkt leisten zu können. 

"Der gesamte Prozess muss jedoch einfach sein", so Credi2-CEO Daniel Strieder. Denn das ist der zentrale Vorteil dernBNPL-Angebote im Vergleich zur Kreditkarte. "Kaum jemand ist noch bereit, seinen Kreditantrag umständlich bei der Hausbank zu stellen und dann abzuwarten, bis das Geld ausgezahlt wird. Für den Kunden wird es zur Selbstverständlichkeit, dass die Kreditvergabe reibungslos in den Kaufprozess integriert ist." Drei von vier Befragten erwarteten zudem eine schnelle Kreditzusage innerhalb weniger Minuten sowie flexibel anpassbare Kreditraten. 

Im Gegenteil zu klassischen Krediten muss ein Kunde bei BNPL weder komplizierte Formulare ausfüllen, noch seine Zahlungsfähigkeit offenlegen. Eine Bonitätsprüfung erfolgt bei Klarna über eine schnelle Algorithmus-Abfrage, einzig Geburtsdatum und Mailadresse müssen angegeben werden. Mit einem Klick kann der Käufer regeln, ob er die 100-Euro-Sneaker regelmäßig mit beispielsweise zehn Euro pro Monat abzahlt, statt auf einmal 100. Dass zu dem Zeitpunkt das eigene Bankkonto eventuell im Minus steht, kümmert niemanden. 

Für Händler besteht kaum ein Risiko

Der Grund, warum nun auch immer mehr Onlineshops wie Monki, Adidas oder H&M den Kauf in Raten oder auf Rechnung anbieten, dürfte sein, dass Klarna laut eigenen Angaben das gesamte Ausfall- und Betrugsrisiko übernimmt. Zudem erhalten Händler im Voraus den vollen Betrag, den die Kunden für die Bestellung vielleicht erst später an Klarna überweisen. Für die Nutzung des Service zahlten die Händler in Deutschland eine Gebühr von 2,99 Prozent plus 35 Cent pro Transaktion ohne jegliche Startgebühr, heißt es von Klarna. Weltweit nutzen inzwischen über 250.000 Händler die Services des Zahlungsdienstleisters. Wie stark sich das Bestellvolumen dadurch bei den einzelnen Händlern erhöht hat, möchte keiner der angefragten Händler beantworten. Es liegt jedoch nahe, dass Kunden durch BNPL deutlich mehr bestellen als sonst.

Auch Kunden des Zahlungsdienstleisters Paypal können seit März 2021 ab einer Summe von 199 Euro bis 5.000 Euro per Raten zahlen. Der Haken an der Ratenzahlung sind jedoch die Zinsen. Dafür, dass der Kunde später zahlen darf, muss er in Summe mehr zahlen. Bei Paypal liegt der effektive Jahreszins bei 9,99 Prozent. Wie Business Insider bereits berichtete, hält Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen dies im aktuellen Zinsumfeld für zu teuer. 

Zahlungsdienstleister und Händler profitieren von hohen Zinsen oder Mahngebühren

Oft seien die Zinsen bei solchen Angeboten "Wucherzinsen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Gerrit Heinemann. Der Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein sagt: "Die Händler profitieren davon, wenn die Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen können, da sie dann Mahngebühren oder Zinsen ausstellen können", sagt Heinemann. "In vielen Fällen ist dies das Geschäftsmodell hinter solchen 'Buy now pay later'-Angeboten." Das zeigen Zahlen der Zalando-Tochter Zalando Payments: Die Umsätze kommen im Wesentlichen aus Mahngebühren und summierten sich im vergangenen Jahr auf 43 Millionen Euro, wie das Finanzportal "Finanzszene" schreibt. "Händler und Zahlungsdienstleister profitieren also, wenn Verbraucher sich verschulden", fasst Gerrit Heinemann zusammen. 

Oft würden einkommensschwache Haushalte oder jene, die in kurzfristiger finanzieller Not sind, zu solchen Bezahlmodellen greifen, so Heinemann, um etwas zu erwerben, das sie dringend benötigten, sich jedoch nicht sofort leisten könnten. "Diese Personen machen einen großen Markt ausich schätze in Deutschland mindestens drei Millionen Menschen , den die Händler und Anbieter solcher Zahlungsarten erkannt haben und das Marktpotenzial nun ausnutzen wollen, während diese Haushalte Gefahr laufen, in die Schuldenfalle zu tappen”, sagt Heinemann. Denn das Risiko bestehe natürlich, dass die Konsumenten mehr ausgeben, als sie sich leisten könnten. 

Als problematisch sieht auch Katharina Lawrence, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Hessen, diese Entwicklung „Es besteht die Gefahr, dass sich unerfahrene Verbraucher überschulden, weil Ratenzahlungen auf dem ersten Moment bequem sind“, sagt Lawrence im Gespräch zu Business Insider. 

„'Buy now, pay later' kann ein Einstieg in die Schuldenfalle sein“

Potenzielle Kunden sollten sich klar machen, dass bei Beträgen unter 200 Euro oder bei Darlehen, die innerhalb von drei Monaten getilgt werden müssen, kein darlehensrechtlicher Verbraucherschutz gilt. Dadurch entfällt aber auch die Prüfung der Kreditwürdigkeit. Das heißt: Verbraucher könnten theoretisch zahlreiche Bestellungen unter 200 Euro tätigen und niemand würde es nachprüfen. 

„Für Menschen, die sowieso knapp bei Kasse sind, kann 'Buy now, pay later' ein Einstieg in die Schuldenfalle sein“, warnt Lawrence. Wenn solche BNPL-Zahlungsmethoden angeboten werden, rät die Expertin, dass Verbraucher sich den effektiven Jahreszins ausrechnen, um zu verstehen, wie viel man dann für das Produkt mehr zahle.  

Bafin kritisiert BNPL-Angebote

Auch die Finanzaufsicht Bafin kritisiert: „Problematisch kann das kreditbasierte Bezahlen werden, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher ihre finanziellen Möglichkeiten nicht realistisch einschätzen“, heißt es aus der Behörde. Niedrige Einzelraten könnten zu „unbedachtem Handeln“ verleiten. 

Wenn ihr euch ein Produkt für 100 Euro kaufen wollt, könnte bei einer Laufzeit von 12 Monaten je nach Anbieter beispielsweise ein Gesamtbetrag von 105 oder 112 Euro entstehen, erklärt die BaFin in einer Beispielrechnung. Der effektive Jahreszins beträgt dabei entweder knapp zehn Prozent oder mehr als 23 Prozent. Der Vergleich der Finanzierungsangebote würde sich dabei lohnen. „Viele Kreditinstitute bieten Konsumentenkredite zu Konditionen an, die oft erheblich günstiger sind als die in den Online-Shops angebotenen Bezahlprodukte“, heißt es von der Finanz-Behörde. 

Video: Diese Bezahlmethode sollte man bei PayPal niemals verwenden

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