Unter diesem Engagement litt Matthäus' Ruf schwer

Martin Hoffmann
·Lesedauer: 5 Min.
Unter diesem Engagement litt Matthäus' Ruf schwer
Unter diesem Engagement litt Matthäus' Ruf schwer

Wäre Lothar Matthäus eine gute Wahl als Bundestrainer?

Es gibt viele, die allein diese Frage für einen Scherz halten. Zu abwegig wirkt ihnen die Vorstellung, dass Deutschlands Rekordnationalspieler eine ernsthafte Rolle spielen könnte in der Diskussion um die Nachfolge des nach der WM scheidenden Joachim Löw.

Zu sehr ist ihnen Matthäus' Trainerkarriere als Running Gag in Erinnerung geblieben mit der ewigen Pointe, dass kein Bundesliga-Verein (und auch kein anderer deutscher Klub) ihn einstellen mochte.

Wie genau aber ist es eigentlich so weit gekommen? Und warum sind Weggefährten wie die Weltmeister-Kollegen Jürgen Kohler und Olaf Thon oder auch der siebenmalige deutsche Meistercoach Ottmar Hitzfeld dennoch überzeugt, dass der 59-Jährige das nötige Format für den Job hat? (ANALYSE: Das steckt hinter dem Löw-Beben)

Lothar Matthäus holte als Trainer einen Meistertitel

Neuland ist der Trainer-Job für Matthäus nicht: Nach dem späten Ende seiner Spielerkarriere coachte er den SK Rapid Wien in Österreich, Partizan Belgrad in Serbien, den brasilianischen Klub Athletico Paranaense und Maccabi Netanja in Israel. Auch auf Nationalmannschafts-Ebene war er schon aktiv, in Ungarn und Bulgarien.

Erfolglos war Matthäus als Trainer nicht, Partizan Belgrad führte er 2003 zur Meisterschaft, einen weiteren Titel holte er 2007 mit Red Bull Salzburg, als Assistent seines einstigen Bayern-Coachs Giovanni Trapattoni.

Was Matthäus' Bilanz allerdings trübt: Bei keiner Trainerstation verweilte er mehr als zwei Jahre - und die Art und Weise, wie ein Teil seiner Engagements endete, schürte Skepsis.

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Geräuschvolles Aus bei Rapid wurde zur Hypothek

Bei Rapid verlor er 2002 den Job, als in der Meisterschaft nur Platz 8 erreichte, auf seine Entlassung folgte eine heftige Schlammschlacht.

Matthäus sprach von einer "Schlangengrube", Eingriffen der Klubführung in sportliche Entscheidungen und machte auch seinem früheren Bayern-Kollegen Andreas Herzog Vorwürfe, damals noch Spieler bei Rapid ("Er wurde als Führungsspieler zum SK Rapid geholt, ist dem aber weder auf dem Platz noch außerhalb des Platzes nachgekommen").

Rapids damaliger Präsident Rudolf Edlinger schoss noch heftiger zurück: Niemals hätte es bei seinem Klub "einen erfolgloseren und teureren Trainer gegeben" als Matthäus. Jemand, der "fast noch öfter in Klatschspalten als auf Sportseiten auftaucht, kann kein gutes Vorbild für die Jugend sein". Matthäus sei "für seine 41 Jahre ein relativ unfertiger Mensch", er sei "schwer enttäuscht, auch weil ich ihn intellektuell überschätzt habe".

Der Streit landete vor Gericht - der beurlaubte Matthäus hatte mit dem Klub abgerechnet, obwohl sein Vertrag noch lief - und wurde zu einer schweren Belastung für seine weitere Karriere. Kritiker des schon zu aktiven Zeiten als Lautsprecher bekannten Matthäus sahen sich in ihrer Meinung bestätigt, dass der einstige Weltfußballer als Trainer ungeeignet war. Er bekam nie mehr einen Chefjob im deutschsprachigen Raum.

Neuorientierung als TV-Experte bei Sky

Die weiteren Trainer-Engagements endeten aus unterschiedlichen Gründen: Partizan verließ Matthäus von sich aus, um das Angebot aus Ungarn anzunehmen. Dort wurde er nach der verpassten Qualifikation für die WM 2006 nicht weiterbeschäftigt. Bei Paranaense hörte Matthäus nach rund einem Monat unter Verweis auf familiäre Gründe auf, bei Netanja gab es finanzielle Probleme, bei Bulgarien wieder sportliche - die Quali für die EM 2012 misslang.

In ebenjenem Jahr änderte Matthäus seinen beruflichen Fokus, konzentrierte sich auf seine nebenbei immer verfolgte Experten-Tätigkeit, heuerte bei Sky als Analyst des Bundesliga-Geschehens an.

Matthäus' Lebensweg in den vergangenen zehn Jahren legen nun manche für und manche gegen ihn aus. Die einen finden, dass er sich vor der TV-Kamera erfolgreich neu erfunden hat, sein Fußball-Sachverstand wieder in den Blickpunkt gerückt hat (und sein Privatleben in fünfter Ehe mit der Russin Anastasia Klimko in den Hintergrund). Hitzfeld, Matthäus' Trainer bei seinen letzten beiden Meistertiteln mit Bayern, sagt explizit, dass seine "extreme" Verbesserung bei Sky ihn aus seiner Sicht als DFB-Trainerkandidat qualifiziert.

Andere finden, dass zehn Jahre ohne Trainerjob eine Ewigkeit sind, dass Matthäus zu lang und zu weit weg gewesen ist von den Abläufen des modernen Trainingsbetriebs: Der als Klubtrainer einst erfolgreiche Christian Gross war vor seinem Schalke-Fiasko ähnlich lang von der größeren Bühne verschwunden.

Teamchef mit Aura wie einst Franz Beckenbauer?

Andererseits ist zu beachten: Der Bundestrainer-Job ist etwas anderes als der Bundesliga-Trainerjob und bietet auch andere Möglichkeiten der Ausgestaltung.

Viele erfolgreiche Nationalcoaches hatten keinerlei Referenzen auf Klubebene, gerade auch in Deutschland (Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Franz Beckenbauer). Matthäus selbst hat auf Beckenbauer verwiesen und wie er 1984 nach dem Rücktritt von Jupp Derwall ins Amt kam, "auch auf einen gewissen öffentlichen Druck hin".

Das Vorbild Beckenbauer haben auch Kohler und Thon im Kopf, die 1990 mit Matthäus Weltmeister wurden, mit dem "Kaiser" als Teamchef. Die Aufteilung war damals ähnlich wie zwischen 2004 und 2006 bei Klinsmann und seinem damaligen Co-Trainer Löw: Beckenbauer brachte die Autorität und Aura seiner Weltkarriere mit - auch im Umgang mit der Medienöffentlichkeit. Um die alltäglichen Details kümmerten sich die als DFB-Nachwuchstrainer schon profilierten Holger Osieck und Berti Vogts.

Matthäus genießt bei Spielern nach wie vor Respekt

Könnte das mit Matthäus auch funktionieren? Manch ein Matthäus-Kritiker unterschätzt, wie viel Respekt er für seine Verdienste auf dem Platz unter Spielern genießt, auch und gerade in der aktuellen Generation (wenngleich es auch Konflikte gibt: Jérôme Boateng etwa nahm Matthäus unter anderem die bei SPORT1 geäußerte "Brilli-im-Ohr"-Kritik während der WM 2018 übel).

Dennoch ist zu beachten, dass Beckenbauers Renommee seinerzeit frischer und weniger eingetrübt war als das von Matthäus. Dass es bei ihm nicht darum geht, dass er als Trainer ein unbeschriebenes Blatt wäre, sondern aus Sicht der Kritiker ein allzu sehr beschriebenes.

Korrigieren kann Matthäus diesen Eindruck nur, wenn man ihm die Chance gibt. Und es ist die Frage, ob gerade der DFB sich auf dieses Wagnis einlässt.