Bundestagswahl: Warum die Börse der Ausgang fast kalt lässt

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Angela Merkel oder Martin Schulz: Deutschland hat am Sonntag die (Kanzler-)Wahl. (Foto: ap)


Endlich: Nach einem zähen Wahlkampf ohne echte Spannung, Auseinandersetzungen und Höhepunkte sind die Wahlberechtigten der Republik dazu aufgerufen, am Sonntag ihre Stimme für die Wahl der Mitglieder des Bundestages und damit für ein neues Parlament abzugeben. Weil Angela Merkel die erneute Kanzlerschaft kaum zu nehmen ist, herrscht an der Börse Gleichgültigkeit und Gelassenheit – die Kurse werden ohnehin nicht in Berlin gemacht.

Der Wahlkampf, der nie einer war, ist fast Geschichte. Nur zu Jahresbeginn schien sich ein Anflug von Wechselstimmung abzuzeichnen, als der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kurz vom Momentum seiner überraschenden Nominierung profitieren konnte.

Es war ein kurzer Höhenflug im Februar-März: Acht Monate später geht es für den 61-Jährigen nur noch um Schadensbegrenzung und die Frage, ob er ein noch schwächeres Ergebnis einfährt als die anderen SPD-Kandidaten der vergangenen acht Jahre. Peer Steinbrück brachte es 2013 auf 25,7 Prozent, Frank-Walter Steinmeier 2009 gar nur auf 23,0 Prozent – jüngste Umfragen sehen die Schulz-SPD allerdings sogar darunter.    

Neuauflage der Großen Koalition, Jamaika oder doch Schwarz-Gelb?

Während Angela Merkel ihre bereits vierte Amtszeit als Kanzlerin, die sie mit 16 Dienstjahren in die Nähe von Rekordkanzler Helmut Kohl bringen würde, wohl fest einplanen kann, beschäftigt Politikwissenschaftler eigentlich nur noch die Koalitionsfrage.

Kommt es zu einer Fortsetzung der Großen Koalition – der bereits dritten in vier Legislaturperioden –, zu einem Comeback der schwarz-gelben Regierung wie zuletzt in den Jahren 2009 bis 2013, oder geht die Merkel-CDU gar das Wagnis einer Jamaika-Koalition mit der FDP und den Grünen ein?  

Lindner-FDP könnte Kurswechsel der Euro-Politik fordern

Die Börse hätte vermeintlich ihre Präferenzen: Eine konservativ-liberale Regierung wäre zumindest theoretisch ganz nach dem Geschmack der Märkte, die sich unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen in der Politik wünschen. Im Detail jedoch könnte eine Regierungsbeteiligung der unter Christian Lindner neu aufgestellten FDP für einige Unruhe sorgen.

Wie das manager magazin herausarbeitet, das Lindner schon „einen Börsenschreck“ nennt, “vertritt die FDP wirtschaftspolitisch einige Positionen, die deutlich von denen der bisherigen Regierung abweichen.” Dies gilt vor allem für die Euro-Politik, bei der Lindner als Hardliner auftritt. „Die FDP hat eine komplett andere Vision für die Eurozone“, präzisiert der Chefvolkswirt bei ING Deutschland, Carsten Brzeski, dem Handelsblatt.

Martin Lück, Chief Investment Strategist für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, konkretisiert in der Süddeutschen Zeitung: „Die FDP will Griechenland aus dem Euro ausschließen, sie ist für eine strikte Einhaltung des Fiskalpakts und ein scharfer Gegner einer Transferunion.“

Merkel-Wiederwahl könnte Stimmung heben – kurzfristig

Entsprechend glaubt Lück, dass Angela Merkel wegen des eingespielten Europa-Kurses mit den Sozialdemokraten sogar eine Fortsetzung der Großen Koalition favorisieren würde. „Unseres Erachtens würde Bundeskanzlerin Angela Merkel lieber weiter mit der SPD regieren als mit der FDP”, erklärt Lück in der SZ.

Insgesamt dürfte die Fortsetzung von Angela Merkels Kanzlerschaft an der Börse auf Wohlwollen stoßen, schätzen die Kapitalmärkte doch Kontinuität und Planbarkeit. „Unter ,Merkel IV‘ würde sich die gute Stimmung vermutlich halten beziehungsweise weiter aufhellen“, erklärt Martin Lück dem Tagesspiegel.

CDU-Kanzler performten an der Börse weitaus besser

Tatsächlich spricht die Börsenhistorie für Angela Merkel. Als die CDU-Vorsitzende am 22. November 2005 das Amt der Bundeskanzlerin antrat, notierte der Dax bei 5171 Punkten – 12 Jahre später steht der deutsche Blue-Chip-Index bei 12.653 Zählern, ein Plus von immerhin 144 Prozent in knapp 12 Jahren. In allen drei Legislaturperioden legte der Dax zu: zunächst mit einer Jahresrendite von 3 Prozent (2005 bis 2009), dann 12 Prozent (2009 bis 2013) und schließlich 8 Prozent (2013 bis 2017).     

Noch besser entwickelten sich deutsche Aktien unter Merkels politischem Förderer Helmut Kohl. Unter dem Rekordkanzler der Bundesrepublik haussierte der Dax von Oktober 1982 bis Oktober 1998 um mehr als 800 Prozent – in der ersten und letzten Amtszeit legten deutsche Aktien jährlich um mehr als 20 Prozent zu.

Anleger konnten unter SPD-Kanzlern nur geringe Renditen einfahren

Unter SPD-Kanzlern stagnierten die Kurse dagegen oftmals. In den sieben Jahren der Schröder-Regierung von Oktober 1998 bis November 2005 legte der Dax um ganze sieben Prozent zu, während in der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt (1974 bis 1982) in der ersten Legislaturperiode Verluste eingefahren wurden und erst in der zweiten Amtszeit Gewinne folgten. In den fünf Jahren unter Willy Brandt (1969 bis 1974) zahlten Besitzer von deutschen Aktien unterdessen nur drauf.

Weitaus wichtiger als die politischen Impulse erscheinen jedoch bei der Börsenbetrachtung die weltwirtschaftlichen Entwicklungen. Während sich die globale Konjunktur in den 60er- und 70er-Jahren (Brandt und Schmidt) nur noch schleppend oder sogar rückläufig entwickelte und von Ölkrisen und Rezession (1973 und 1979) zurückgeworfen wurde, erlebte die Weltwirtschaft in den 80er- und 90er-Jahren (Kohl)  einen unerwarteten Boom, der in der Internet-Euphorie gipfelte.

Es folgte der große Dotcom-Crash (2000) und eine tiefe Rezession in der ersten Hälfte der Nullerjahre (Schröder), der vom anhaltenden Aufschwung der vergangenen Dekade, lediglich unterbrochen von der schweren Finanzkrise 2008-09, abgelöst wurde (Merkel).

„Politische Börsen haben kurze Beine“

Entsprechend gelassen dürften Anleger dem Wahlausgang am Sonntag entgegenblicken. “Kanzler machen keine Aktienkurse”, erklärt etwa Lutz Neumann, Leiter Vermögensberatung der Hamburger Privatbank Sutor mit Blick auf die Börsenhistorie. Oder wie es Börsenaltmeister André Kostolany einst formulierte: „Politische Börsen haben kurze Beine.“

Gemeint ist mit den Bonmots, dass sich der politische Effekt der Bundestagswahl schnell abnutzen dürfte, so sehr wird das Geschehen an den deutschen Aktienmärkten von globalen Faktoren dies- und jenseits des Atlantiks bestimmt: ob von der Wall Street, der amerikanischen Notenbank, Donald Trumps neuesten Twitter-Eskapaden oder der EZB in Frankfurt.  

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