Arme Länder werfen Industriestaaten bei UN-Klimakonferenz zu wenig Taten vor

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Protestaktion von Klimaaktivisten in Glasgow (AFP/Ben STANSALL)

Zu wenig Taten, zu wenig Geld - Zum Beginn der zweiten Woche der UN-Klimakonferenz in Glasgow haben die Entwicklungsländer den Industriestaaten unzureichende Maßnahmen gegen die Klimakrise vorgeworfen. Die reichen Länder müssten "mit den leeren Worten aufhören", sagte Lia Nicholson von der Allianz der kleinen Inselstaaten (Aosis), am Montag. Der Konferenztag erbrachte aber immerhin die Zusage von umgerechnet gut 200 Millionen Euro für den Klima-Anpassungsfonds, davon 50 Millionen von Deutschland.

Es gebe eine Diskrepanz "zwischen den öffentlichen Erklärungen und dem, was in den Verhandlungen passiert", kritisierte der Vorsitzende der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDC), Sonam Phuntsho Wangdi, bei der Bestandsaufnahme der bisherigen Verhandlungen im Plenum.

Er mahnte die Industriestaaten insbesondere, sich in der Abschlusserklärung der COP26 klar zu dem Ziel zu bekennen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Jedes Abrücken davon würde "das Leben von Milliarden Menschen in den verletzlichsten Ländern" aufs Spiel setzen.

Ahmadou Sebory Touré, Vorsitzender des Entwicklungsländer-Zusammenschlusses G77, kritisierte, die Industrieländer forderten von ärmeren Staaten immer mehr Klimaschutzanstrengungen. Die reichen Staaten selbst hielten ihre Zusage, jährlich 100 Milliarden Dollar an Klimahilfen bereitzustellen, jedoch nicht ein. UN-Generalsekretär António Guterres kritisierte, arme Staaten seien in der Klimakrise "die ersten, die leiden, und die letzten, die Hilfe bekommen."

Rachel Rose Jackson von der Nichtregierungsorganisation Corporate Accountability rügte: "Wenn der Klimawandel Alarmstufe rot für die Menschheit bedeutet, warum verhandeln so viele Länder bei der COP26, als wäre es nur ein einfacher Feueralarm?" Auch der frühere US-Präsident Barack Obama konstatierte in einer Rede vor dem Konferenzplenum: "Wir haben nicht annähernd genug getan, um dieser Krise zu begegnen."

Eine am Montag veröffentlichte Studie mit Beteiligung der Berliner Humboldt-Universität macht deutlich, dass arme Staaten drastische klimabedingte Wirtschaftseinbrüche zu befürchten haben. Bei der derzeit zu erwartenden Erderwärmung um 2,9 Grad bis zum Jahr 2100 drohe den 65 untersuchten armen Ländern und kleinen Inselstaaten bis zum Jahrhundertende im Schnitt ein Rückgang ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 63,9 Prozent, heißt es darin.

Die Industriestaaten sträuben sich aber dagegen, ärmeren Staaten für bereits eingetretene Klimaschäden Hilfen fest zuzusagen. Sie fürchten, wegen ihrer Hauptverantwortung für den Klimawandel für enorme Schäden in Haftung genommen zu werden. Yamine Dagnet von der Klima-Denkfabrik World Ressources Institute bescheinigte ihnen eine regelrechte "Paranoia" in dieser Frage.

Etabliert haben sich hingegen Hilfen für Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel. Das Bundesumweltministerium kündigte am Montag an, seine Unterstützung für den internationalen Anpassungsfonds um 50 Millionen Euro auf 440 Millionen Euro aufzustocken. Der Klimawandel sei "eine solche Realität geworden, dass Klimaanpassungsmaßnahmen unabdingbar sind", sagte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth in Glasgow.

Nach Angaben des britischen Konferenzvorsitzes wurden insgesamt zusätzliche 200,5 Millionen Euro für den Anpassungsfonds zugesagt, unter anderem von den USA, Kanada sowie einer Reihe europäischer Länder.

Der für Klimaschutz zuständige Abteilungsleiter im Bundesentwicklungsministerium, Jürgen Zattler, kündigte an, sein Ministerium werde am Dienstag ein Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über 100 Millionen Euro zusätzlich für Anpassungshilfen mit einer formellen Zusage umsetzen. Das Geld fließe in einen Fonds für die am wenigsten entwickelten Länder, den sogenannten LDCF.

Zu der umstrittenen Frage von Hilfen bei bereits entstandenen Klimaschäden sagte Zattler, da klimabedingte Schäden und Verluste "nicht so leicht eingrenzbar" seien, sei es für Überlegungen zu einem eigenen Hilfsfonds dafür "zu früh". Die Industrieländer seien aber "gut beraten", sich in Glasgow "zumindest offen für eine ernsthafte Diskussion" über Hilfen zur Bewältigung von Klimaschäden zu zeigen.

yb/

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