Bundesliga: VfB Stuttgart: Schwäbisch geizig in Sachen Torerfolg

Der VfB Stuttgart hat nach den ersten sieben Saisonspielen mit nur sieben geschossenen Toren die drittschwächste Offensive der Bundesliga. Kritiker suchen die Schuld beim bislang glücklosen Simon Terodde . Die Flaute des Angreifers ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Die Gründe für die Offensivschwäche des Aufsteigers sind vielfältig - geben jedoch auch Anlass zur Hoffnung.

Der VfB Stuttgart hat nach den ersten sieben Saisonspielen mit nur sieben geschossenen Toren die drittschwächste Offensive der Bundesliga. Kritiker suchen die Schuld beim bislang glücklosen Simon Terodde. Die Flaute des Angreifers ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Die Gründe für die Offensivschwäche des Aufsteigers sind vielfältig - geben jedoch auch Anlass zur Hoffnung.

Endlich ist der Knoten geplatzt. Endlich kann er wieder seine Hand an die Stirn legen, auch in der Bundesliga seinen Markenzeichen-Torjubel zeigen. Endlich, nach 554 Minuten, beim zwölften Einsatz im Oberhaus.

Erst wenige Sekunden steht Simon Terodde in der Partie gegen Eintracht Frankfurt nach seiner Einwechslung auf dem Platz, da trifft er mit seinem ersten Ballkontakt zum zwischenzeitlichen 1:1 für den VfB Stuttgart.

Am Ende der Partie hängen die Köpfe der Schwaben. Nach dem Traumtor von Sebastien Haller geht die Partie noch verloren. Und wenngleich es an diesem Nachmittag nur ein schwacher Trost ist, ist Teroddes erster Saisontreffer dennoch ein wichtiges Signal.

An seine Kritiker. An sich selbst. An seinen Trainer.

Hannes Wolf hatte seine Nummer 9 zuvor nämlich erstmals seit dem 11. Spieltag der vergangenen Zweitligasaison zunächst auf der Bank behalten (auch damals im Derby beim KSC traf er nur 45 Sekunden nach seiner Einwechslung per Kopf). Wenngleich die Maßnahme "nichts an dem Respekt, den wir für Simon haben, geändert" (Wolf) habe, erregte sie dennoch Aufmerksamkeit. Schließlich war Terodde der große Aufstiegsheld, erzielte in den letzten drei Zweitligasaisons insgesamt 66 Tore (16 und 25 für den VfL Bochum, 25 für Stuttgart).

Bundesliga für Terodde eine Nummer zu groß?

Nach den ersten Eindrücken der neuen Saison im Oberhaus hatte sich zuletzt jedoch die Kritik am Angriffs-Hünen gehäuft. Die Frage stand im Raum: Ist die Bundesliga für Terodde eine Nummer zu groß?

So wirkte der 29-Jährige bisweilen nicht handlungsschnell genug, kam bisweilen zu spät, offenbarte Probleme dabei, sich gegen taktisch kluge Bundesliga-erfahrene Innenverteidiger wie etwa Borussia Mönchengladbachs Jannik Vestergaard durchzusetzen. Dazu kam fehlendes Fortune im Abschluss und der Foulelfmeter gegen den 1. FSV Mainz 05, den er zuerst selbst herausholte, anschließend jedoch gegen den Pfosten hämmerte. Unglücklich sagten die einen, unfähig die anderen.

Große Teile der öffentlichen Diskussion über die Offensivschwäche des VfB fokussierte sich deshalb auf Terodde, den "klassischen Zweitliga-Stürmer". Die Schuld daran, dass die Schwaben mit erst vier geschossenen Toren die drittschwächste Offensive der ersten sieben Spieltage stellen, alleine vor den Füßen des vermeintlich schwachen Neuners abzuladen, greift jedoch zu kurz.

Zumal Terodde vielen seiner Aufgaben nachkommt: "Er soll alles geben, anlaufen, Bälle festmachen, Räume aufziehen, sich in die Kopfballduelle werfen", fordert Wolf. Verglichen mit der vergangenen Saison, als Terodde der Held war, verbesserte er sich trotz stärkerer Gegner sogar in Bereichen wie Zweikampfquote oder Passquote (gesamt sowie in der gegnerischen Hälfte). Außerdem brauchte er auch im Vorjahr bis zum vierten Pflichtspiel, ehe er erstmals traf und sein Lauf begann.

Gründe für die Offensivschwäche des VfB

Tatsächlich sind die Gründe dafür, dass sich der VfB in Sachen Torerfolg bislang schwäbisch geizig präsentiert, vielfältiger.

Vereinslegende Karl Allgöwer machte gegenüber der Bild einen davon aus: "Die Offensive leidet darunter, dass ein Aufsteiger erstmal gucken muss, dass hinten dicht ist."

Die Ausgangslage hat sich für die Stuttgarter grundlegend verändert. War das Team in der 2. Liga noch in jedem Spiel Favorit - auch am vorletzten Spieltag auswärts bei Hannover 96 -, hat es nun als Aufsteiger meist die Außenseiter-Rolle inne.

In der Abschluss-Pressekonferenz vor der anstehenden Partie gegen den 1. FC Köln (20.30 Uhr im LIVETICKER) betonte Wolf wieder einmal die Wichtigkeit des "Spagats zwischen Sicherheit für die Mannschaft und Flexibilität". Ein Spagat, bei dem der Fokus klar auf der Sicherheit liege, "weil wir trotz allem noch nicht lange zusammen sind."

Wolf hält nichts davon, die Fehler etwa von Alexander Zorniger zu wiederholen, unter dessen Hurra-Stil der VfB Gegentor um Gegentor fing. Im je nach Gegner angepassten System zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette mit defensivstarken Sechsern hat Stabilität die höchste Priorität.

Verletzungsprobleme in der Offensive

Darüber hinaus haben die Schwaben im durchaus offensiv-begabten Kader mit Verletzungsproblemen zu kämpfen.

Carlos Mane fällt aufgrund eines Knorpelrisses im rechten Knie für den Rest des Jahres aus. Das gewisse Etwas des Flügelflitzers ist schwierig zu ersetzen. Die ersten Ansätze von Neuzugang Chadrac Akolo waren vielversprechend, doch auch er musste zwischenzeitlich zwei Spiele zusehen, weil er sich eine Oberschenkelzerrung zugezogen hatte.

Daniel Ginczek verpasste mit Knieproblemen den Saisonstart und stand als Terodde-Alternative wochenlang nicht zur Verfügung.

Zudem fehlt Christian Gentner seit Mitte September wegen des Bruchs der Augenhöhle. Für den offensiven Aufbau der Schwaben ist die Rolle des Kapitäns nicht zu unterschätzen, hat Wolf in dessen Abwesenheit doch mit Santiago Ascacibar, Orel Mangala, Benjamin Pavard und Dzenis Burnic derzeit nur Alternativen zur Verfügung, deren Stärken deutlich im Spiel gegen den Ball statt in der Spielauslösung liegen.

Dass sich das Lazarett im Offensivbereich peu a peu lichtet, ist ein Hoffnungsschimmer für die Schwaben.

Chancenverwertung als Problem

Defensiver Ausrichtung und Verletzungsproblemen zum Trotz steht der VfB allerdings bei abgegebenen Torschüssen (82) immerhin auf Rang 12. Doch die Effizienz fehlte bislang: "Wenn man die Chancen sieht, die wir uns in dieser Saison erspielt haben, haben wir zu wenig Tore geschossen", analysierte Wolf am Mittwoch.

Die Chancenverwertung seiner Truppe liegt bei 6,1 Prozent - im ligaweiten Vergleich sind nur Werder Bremen (4,8 Prozent) und der 1. FC Köln (2,9 Prozent) schwächer.

Interessant dabei: Bei ausgeglichenem Spielstand (meist 0:0) erspielte sich der VfB laut understat bislang 0,5 Großchancen pro 90 Minuten, bei Führung (2,52) oder Rückstand (2,55) dagegen deutlich mehr - eine Statistik, die den Eindruck stützt, dass der Aufsteiger meist defensiv beginnt und erst gegen Ende die Räume öffnet.

Dann wenn Wolf sein System umstellt. Auf ein 5-1-4 mit offensiver Raute. Oder eben auf eine Doppelspitze.

Doppelspitze mit Terodde und Ginczek "eine Option"

Jetzt da sich Ginczek wieder an seine Form herantastet und Terodde seine Torflaute durchbrochen hat, ist diese für Wolf "eine Option". In der Länderspielpause testete er gegen Aalen mit den beiden im Angriff und einer klassischen Zehn dahinter.

Auf wen Wolf letztlich setzen wird, will er situativ entscheiden: "Es hängt davon ab, gegen welchen Gegner wir spielen, aber es geht auch um die Trainingsleistung. Zudem stellt sich die Frage, ob ich zwei Spieler in der Mannschaft haben will, die ihre Stärken ganz klar in der letzten Linie haben. Außerdem haben wir in vielen Phasen davon profitiert, diese Qualität noch einzuwechseln."

Dass Terodde zuletzt erstmals von der Bank kam, veranlasste ihn nicht zum Stunkmachen: "Simon hat immer das Verhalten von Daniel in der vergangenen Saison sehr gelobt. Ohne ihn hätte er nie so spielen können. Er hat zu mir gesagt: Trainer, wenn es mal andersrum ist, verhalte ich mich genauso", erklärte Wolf.

Eine Anekdote, die zeigt, wie wichtig Terodde für die Teamchemie ist. Er ist Führungsspieler, Teil des Mannschaftsrats, ein integrativer Faktor. Mindestens mit dieser Eigenschaft kann er noch wichtig für den Saisonverlauf des VfB werden.

Am liebsten jedoch würde er den Ruf des "klassischen Zweitliga-Stürmers" durch die häufige Wiederholung einer Geste ablegen: durch die Hand an der Stirn.

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