Wie ein Trainer-Trend Bayern und Dortmund in Not bringt

Martin Hoffmann

Dieter Hecking ist eine Ausnahme. Andre Breitenreiter auch. Ebenso wie Markus Gisdol und Martin Schmidt.

Bei ihnen hat es noch funktioniert, das legendäre Trainerkarussell. Sie sind draufgestiegen, nachdem sie ihren Job in der Bundesliga verloren haben. Und wieder abgestiegen, nachdem sie einen neuen gefunden hatten.

So wie das früher auch die Regel war, als man sich das Trainerkarussell noch als einen glücklichen Ort vorstellte.

Freier Fall statt Trainerkarussell

Heute muss man sich dieses Karussell etwas anders vorstellen. Wenn man die Jahrmarkt-Vergleiche nicht verlassen möchte: Das Karussell von einst gleicht heute eher dem neumodischen Freefall-Tower. Er dreht sich für viele nicht mehr. Es geht nur noch steil nach oben. Oder steil und schnell abwärts.

Eine Entwicklung, die das Geschäft erheblich verkompliziert. Nicht nur für die Trainer, auch für die Vereine. Auch und gerade für die Topklubs, den FC Bayern München und Borussia Dortmund.


Statistik belegt den Trend

Eine Statistik, um den Trend zu veranschaulichen: Von den 18 Trainern im Oberhaus haben zwölf noch nie die früher alltägliche Erfahrung gemacht, schon einmal von einem Bundesliga-Klub entlassen worden zu sein.

Ihre Geschichten sind keine Karussell-, sondern Aufsteiger-Geschichten: Sie sind aufgestiegen aus den Nachwuchsmannschaften des eigenen Klubs (Nagelsmann, Streich, Dardai, Baum, Schwarz, Kohfeldt). Abgeworben von kleineren Klubs oder den U-Teams anderer Vereine (Hasenhüttl, Tedesco, Wolf). Oder haben im Ausland auf sich aufmerksam gemacht (Bosz, Stöger, Kovac).

Ausnahmen, neben den vier schon Genannten: Leverkusens Heiko Herrlich, der sich nach seinem Aus beim VfL Bochum 2009 auf vielen Umwegen wieder nach oben arbeitete. Und Jupp Heynckes, der längst über den Dingen schwebt.


Gesteigerte Erwartungshaltung

Es ist heute nicht mehr chic, einen frei gewordenen Trainerposten mit jemandem zu besetzen, der anderswo in der Bundesliga seinen Job verloren hat. Ein Manager, der das tut, setzt sich dem Verdacht aus, einfallslos zu sein.

Die allgemeine Erwartungshaltung an jede Trainerentscheidung lautet mittlerweile, die nächste große Jahrmarkts-Attraktion selbst hervorzaubern zu müssen.

Ein Beispiel dafür, wie schnell es gehen kann: Markus Weinzierl.

Fall Weinzierl ist exemplarisch

Es war noch im Kalenderjahr 2017, dass Bayern-Präsident Uli Hoeneß den 42-Jährigen zu der "Handvoll deutscher Trainer" zählte, "die ich durchaus als interessant empfinde".


Die Weinzierl-Story gehörte damals noch zu den Aufsteigergeschichten: Aufgestiegen von Regensburg nach Augsburg, von Augsburg zu Schalke. Dort allerdings kam Manager Christian Heidel bekanntlich im Sommer zu dem Schluss, dass es mit Weinzierl nicht hoch genug gehen würde.

Bei Bayern ist Weinzierl nun nicht mehr im Gespräch. Und aller Wahrscheinlichkeit nach müsste sich wahrscheinlich auch Tabellenschlusslicht Köln Kritik anhören, sollte Weinzierl im Rennen um die Nachfolge des wackelnden Peter Stöger auftauchen.

Trainer werden ist nicht schwer...

"So leicht wie heute, Bundesliga-Trainer zu werden, war es noch nie", sagte SPORT1-Experte Armin Veh im Sommer. Man kann diesen Befund ergänzen: Es war vermutlich auch noch nie so schwer, Bundesliga-Trainer zu bleiben.

Schneller als je zuvor gilt ein Trainer in der überhitzten Branche als umfassend verbrannt, oft nach nur einer Bundesliga-Station. Man denke neben Weinzierl zum Beispiel auch an Alex Zorniger oder Roger Schmidt. Mittlerweile versuchen beide in anderen Ländern ihr Glück.

"Es ist alles viel hektischer, schnelllebiger, intensiver geworden", diagnostizierte Trainer-Veteran Friedhelm Funkel vor einigen Monaten in der Süddeutschen Zeitung. Er vermutet deshalb, dass lange Karrieren wie seine künftig eher die Ausnahme sein werden.

Viele nehmen sich selbst aus dem Spiel

Ein Umstand, der wahrscheinlich auch zu einem anderen Faktor beiträgt, der das Trainerkarussell lahmlegt.

Auch von sich aus stürzen sich nämlich viele entlassene Trainer kaum noch von einem Bundesliga-Jobs in den nächsten, nehmen sich Auszeiten, lassen sich ihre gut dotierten Verträge auszahlen, wägen sorgfältig ihre Optionen, statt gleich das Risiko des nächsten, womöglich fatal endenden Abenteuers einzugehen.

Breitenreiter machte das nach seinem Aus auf Schalke, Dirk Schuster tut es nach seiner Entlassung in Augsburg, auch der prominenteste deutsche Coach ohne Job hält es so: Thomas Tuchel.

Bayern und Dortmund sind ein Sonderfall

Für Tuchels Ex-Klub Dortmund ist der aktuelle Trainer-Trend auf besondere Art und Weise folgenreich.

Für einen Großklub wie den BVB - oder eben auch Bayern - ist es ein größeres Risiko, einen Trainer aus dem eigenen Nachwuchs in die Hektik des großen Bühnenbetriebs zu befördern. Gewagt haben es beide Vereine noch nicht.

Mit der Konsequenz, dass sie die Trainer-Talente im eigenen Haus an die Konkurrenz verlieren: Hannes Wolf verließ den Dortmund-Nachwuchs Richtung Stuttgart, David Wagner ging nach Huddersfield, dessen Nachfolger Daniel Farke nach Norwich.


Jeder Fehlgriff rächt sich

Die Konsequenz: Sowohl für Dortmund als auch für Bayern ist die Trainer-Auswahl noch kleiner. Und wären die Folgen eines Fehlgriffs noch unangenehmer.

Es hat seinen Grund, warum die Bayern nach Carlo Ancelottis Entlassung nach Jupp Heynckes rufen mussten und die Dortmunder bei einem Aus für Peter Bosz einen ähnlichen Nothilfe-Einsatz organisieren müssten (im Gespräch unter anderem: Armin Veh).

Und natürlich werden sich weder Dortmund noch Bayern auf der Suche nach der nächsten Dauerlösung auf dem Trainerkarussell bedienen.

Stattdessen müssen sie verbissen darum kämpfen, einen wie Nagelsmann, Hasenhüttl, Tedesco zu sich zu zaubern, die neuen, großen Jahrmarkt-Attraktionen.

Wenn sie nicht vorher den Absturz hinlegen.