Bundesliga: Schalkes Derby-Wunders: Tedescos nächstes Meisterstück

Domenico Tedesco hat in seinem ersten Derby als Trainer des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund mit voller Wucht erfahren, was Derby im Ruhrgebiet bedeutet. Beim irren 4:4 erlebte er eine unwirkliche Anfangsphase, zog jedoch die richtigen Schlüsse, blieb ruhig und wurde am Ende belohnt. Für den 32-Jährigen war es der nächste Schritt zum absoluten Hoffnungsträger.

Domenico Tedesco hat in seinem ersten Derby als Trainer des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund mit voller Wucht erfahren, was Derby im Ruhrgebiet bedeutet. Beim irren 4:4 erlebte er eine unwirkliche Anfangsphase, zog jedoch die richtigen Schlüsse, blieb ruhig und wurde am Ende belohnt. Für den 32-Jährigen war es der nächste Schritt zum absoluten Hoffnungsträger.

"Ich habe nicht mehr daran geglaubt. Nach 25 Minuten habe ich den vierten Offiziellen gefragt, ob wir heute nur 70 Minuten spielen dürfen." Eine Aussage, aus der die Verzweiflung eines Trainers spricht, dem sein erstes Derby völlig über den Kopf wächst.

Domenico Tedesco konnte einem leidtun. Da stand er mit zarten 32 Jahren erstmals als Trainer des FC Schalke 04 an der Seitenlinie - beim wichtigsten Spiel Deutschlands. Beim Derby gegen den BVB. Als Zweiter, als Coach der Mannschaft der Stunde.

Und dann lief in den ersten Minuten alles schief, was nur irgendwie schieflaufen kann. Pierre-Emerick Aubameyang trifft mit der Hand zur Führung, der Schiedsrichter und der VAR geben den Treffer. Dann trifft Benjamin Stambouli unglücklich ins eigene Tor, Mario Götze trifft seit Ewigkeiten mal wieder per Kopf und Raphael Guerreiro mit einem Traumtor.

BVB überrollt Schalke in der Anfangsphase

Dem BVB lief sprichwörtlich der Rotz die Wange hoch. Eigentlich, so absurd es vielleicht klingt, war die Unterlegenheit der Königsblauen gar nicht so groß, wie es die Videowand nach 25 Minuten suggerierte: "Wir hatten eine ganz schwierige Anfangsphase, in der uns Dortmund überrannt hat. Da war jeder Schuss ein Treffer. Das ist natürlich nicht einfach, so etwas wegzustecken. Es lag aber nicht daran, dass wir falsch aufgestellt haben. Der BVB hat alles getroffen, da hätte jeder auf dem Platz stehen können", ordnete Tedesco die kuriose Anfangsphase später ein.

Klar, es lag gewiss nicht an der personellen Aufstellung, die der Shooting Star der Trainerszene gewählt hatte. Aber dennoch sah sich Tedesco veranlasst, etwas zu verändern. Und zwar gleich doppelt. Er brachte bereits in der 33. Minute Leon Goretzka und Amine Harit für den bereits Gelb-Rot-gefährdeten Winston McKennie und einen Franco Di Santo, der überhaupt nicht im Spiel war.

Auf dem Papier positionsgetreue Wechsel im Schalker 3-4-3, beide Einwechselspieler sollten später jedoch entscheidende Rollen bei der Schalker Aufholjagd spielen.

Tedesco setzt in der Halbzeit nicht das Ziel Ausgleich

Eine entscheidende Rolle spielte auch das Verhalten Tedescos. Sein Team saß zur Halbzeit in der Kabine, einen 0:4-Rückstand im wichtigsten Spiel der Saison im Nacken, doch der Trainer blieb ruhig. "Wir wollten uns für die zweite Halbzeit ein realistisches Ziel setzen. Es wäre nicht realistisch gewesen, wenn wir gesagt hätten: Wir wollen hier noch 4:4 spielen oder sogar gewinnen", erklärte er seine Herangehensweise an die Halbzeitansprache: "Wir wollten daher die 2. Halbzeit gewinnen, um Charakter zu zeigen und mit einem mehr oder weniger guten Gefühl nach Hause zu fahren. Das war unser Ziel."

Die Anweisungen dafür waren simpel: "Wir wollten in der 2. Halbzeit mehr auf Ballbesitz spielen, das Spiel kontrollieren."

Und tatsächlich drehte sich die Partie nach der Pause völlig. Großchance Goretzka, Abseitstor Naldo, Chance Caligiuri und dann schon nach einer Viertelstunde das 1:4 durch Guido Burgstaller. "Beim 4:0 glaubst du natürlich nicht mehr daran, beim 4:1 auch nicht. Aber beim 4:2 fängst du plötzlich an, daran zu glauben", blickte Tedesco zurück.

Schalke dominierte die zweite Hälfte deutlicher als der BVB die erste

Der Glaube war berechtigt. Schalke dominierte die zweite Hälfte deutlicher als der BVB die erste. Das Selbstvertrauen aus den vergangenen Wochen war mit jeder Minute mehr zu erkennen und kollidierte mit dem angekratzten der Schwarz-Gelben.

Momentum ist freilich ein großes Wort, in kaum einer Partie in dieser Saison hatte es jedoch mehr Einfluss auf den Spielverlauf als in dieser. So schwappte dieses mehr und mehr in Richtung Königsblau. In Richtung der Mannschaft, die momentan eben ohnehin einen Lauf hat.

Letzten Endes war der Punktgewinn durch Naldos 4:4-Ausgleichstreffer in der 94. Minute wegen des späten Zeitpunkts natürlich "glücklich". Aufgrund der Entwicklung nach der Pause allerdings auch hochverdient. Und wer weiß, was passiert wäre, hätte die Partie noch einige Minuten gedauert.

Gegen 17.28 Uhr erlebte Tedesco bei der ausgelassenen Feier mit den Fans den bislang emotionalsten Moment seiner Tätigkeit auf Schalke: "Es ist enorm. Man kann im Leben Briefmarken oder sonstige Sachen sammeln. Ich glaube, dass es das Wichtigste ist, Momente zu sammeln. Ich habe tolle Momente auf Schalke. Das macht Schalke aus, das ist die Liebe und Nähe der Fans", schwärmte er.

Tedescos Moment für das Poesiealbum

Ein Moment für das Poesiealbum, an dem der 32-Jährige selbst keinen kleinen Anteil hatte. Mit seinen Wechseln, mit seiner Ansprache. Gab es überhaupt noch letzte Zweifel, dass Tedesco auf Schalke angekommen ist? Nach diesem nächsten Meisterstück sind diese wohl endgültig weggewischt. Das Derby-Wunder war zweifelsohne der emotionale Höhepunkt der ohnehin gut laufenden Saison.

Die Zweifel des vierten Offiziellen, auf Tedescos Wunsch einzugehen, die Partie nach 70 Minuten abzupfeifen, brachten diesem letztlich Glück. Hätte er dem Wunsch nämlich entsprochen, hätte Schalke 2:4 verloren.

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