Bundesliga: Jugendstil beim HSV: Kleiner Vogel Hoffnung

Nach einem vergleichsweise furiosen Saisonstart ist längst wieder Tristesse eingekehrt in Hamburg. Der HSV ist zurück im Abstiegskampf, wo er offenbar hinzugehören scheint - und bietet Stoff für Spott und Krisengeschichten, was dem Boss freilich gar nicht gefällt. Dass der Klub aber dieser Tage durchaus auch für positive Nachrichten taugt, darf ruhig mal erwähnt werden, auch wenn - oder gerade: weil - am Wochenende das personifizierte Übel namens FC Bayern zu Besuch kommt (Sa., 18.30 Uhr im LIVETICKER ).

Nach einem vergleichsweise furiosen Saisonstart ist längst wieder Tristesse eingekehrt in Hamburg. Der HSV ist zurück im Abstiegskampf, wo er offenbar hinzugehören scheint - und bietet Stoff für Spott und Krisengeschichten, was dem Boss freilich gar nicht gefällt. Dass der Klub aber dieser Tage durchaus auch für positive Nachrichten taugt, darf ruhig mal erwähnt werden, auch wenn - oder gerade: weil - am Wochenende das personifizierte Übel namens FC Bayern zu Besuch kommt (Sa., 18.30 Uhr im LIVETICKER).

"Jeder nimmt sich inzwischen das Recht raus, über den HSV zu spotten", klagte Bruchhagen in der jüngsten Ausgabe des Kicker. Die Geringschätzung, mit der seinem Klub in den Medien begegnet werde, störe ihn "massiv".

In der Tat scheint es in Mode gekommen zu sein (Bruchhagen: "Das ist offenbar chic!"), den HSV immer wieder auf seine Rolle als Pannenklub zu reduzieren und andere Aspekte zu übersehen.

Aspekte, die man durchaus positiv hervorheben könnte: Bruchhagens entschiedene Position in der Trainerfrage etwa und die strikte Weigerung, sich an irgendwelchen Diskussionen um Markus Gisdol (Bruchhagen: "Pingpong-Spiel!") zu beteiligen. Oder die sachlich-moderate Art, wie er sich vor Sportdirektor Jens Todt stellt oder das gewiss diffizile Verhältnis mit Förderer Klaus-Michael Kühne moderiert.

Darin wird eine Haltung deutlich, die a) dem HSV gut tut und b) an anderer Stelle durchaus schon mal mit Applaus quittiert worden ist. Doch "fishing for compliments" ist nicht Bruchhagens Art.

Invasion der Teenager

Was dem HSV auch gut tut dieser Tage, ist Tatsuya Ito. Wobei der klitzekleine Japaner, dessen Abmessungen die Vereinshomepage mit 163 Zentimetern und 59 Kilogramm angibt, nur stellvertretend für etwas beim HSV steht, was lange nicht zu den Kernkompetenzen des Bundesliga-Dinos zu zählen schien: eine produktive Jugendarbeit.

Noch ist es zu früh, um dem HSV die rosigsten Zukunftsaussichten attestieren zu können, doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich etwas tut im Unterbau des Klubs.

Mit Törless Knöll (18), Jan-Fiete Arp (17) und eben Ito (20) debütierten in dieser Saison bereits drei Talente aus der eigenen Jugend in der Bundesliga. In Vasilije Janjicic (18) hat der HSV einen weiteren hochveranlagten Teenager in den eigenen Reihen, der regelmäßig bei den Profis mitmischt.

Jugendarbeit trägt erste Früchte

Die U21 des Klubs führt die Regionalliga Nord mit fast perfekter Bilanz souverän an. Die U19 ist in der A-Jugend-Bundesliga Nord/Nordost mit 21 Punkten aus acht Spielen Spitzenreiter - und auch die B-Junioren schlagen sich prächtig.

Das soll aber nur der Anfang einer nachhaltigen Jugendarbeit sein, sagt Bernhard Peters, seit Sommer 2014 Direktor Sport beim HSV: "Wir müssen unsere strategische Kaderplanung in Richtung Bundesliga vorantreiben", beschreibt der frühere Hockey-Nationaltrainer das Konzept gegenüber dem Hamburger Abendblatt.

Der Plan: Eigene Spieler systematisch an die Profis heranführen und gleichzeitig das Niveau im Nachwuchs durch Transfers internationaler Toptalente steigern. Laut Peters sei es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Nachwuchsspieler den Weg in den Profibereich gehen werden.

Tatsuya Ito bringt Unbekümmertheit

Tatsuya Ito hat sich im Handumdrehen einen Namen in der Bundesliga gemacht und wurde gleich als großer Hoffnungsträger stilisiert. Dabei hat der kleine Japaner noch nichts Zählbares beigetragen und ist bei seinen beiden Einsätzen von Beginn an jeweils nach weniger als einer Stunde Spielzeit von Krämpfen geschüttelt ausgeschieden.

Doch hat er mit seinen rasanten Dribblings und seiner schier überbordenden Einsatzfreude für frischen Wind gesorgt und eine Facette ins HSV-Spiel eingebracht, die die Mannschaft (der ganze Klub) vermisst zu haben schien wie ein Verdurstender einen Schluck Wasser: Unbekümmertheit.

Eine Unbekümmertheit, die vielleicht auf kurze Sicht nicht an Toren und Punkten zu messen ist, die man aber mit ein bisschen gutem Willen und Zutrauen, dass - Achtung: Spott! - selbst in Hamburg seriös und professionell gearbeitet wird, als Verheißung verstehen darf.

Grauenhafte Serie gegen die Bayern

In der Gegenwart wartet jedoch jede Menge Arbeit auf den HSV und eine wohl abermals harte Saison. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, die den Rothosen nach zwei Siegen zum Saisonstart wahlweise den freien Fall oder einen brutalen Absturz attestiert hat, nimmt Bruchhagen die gegenwärtige Lage gefasst zur Kenntnis.

Er habe "von vornherein eine schwierige Hinrunde prophezeit, und Platz 15 ist zu diesem Zeitpunkt keine ganz große Überraschung", sagte der 69-Jährige dem Kicker.

Und es wäre auch keine große Überraschung, wenn der HSV am Samstag nicht den ersten Schritt aus der Ergebniskrise machen würde. Zu Gast sind immerhin die Bayern, die 17 Pflichtspiele in Folge gegen den HSV nicht mehr verloren und mit zwei mal 8:0, einmal 6:0 und drei Mal 5:0 nicht unwesentlich zum schlechten Image der Hamburger beigetragen haben.

Das letzte HSV-Duell mit einer von Jupp Heynckes trainierten FC-Bayern-Mannschaft vor vier Jahren endete übrigens 2:9.

Aber das ist Schnee von gestern. Der Ist-Zustand ist prekär, aber nicht aussichtslos, und die Zukunft hält vielleicht die eine oder andere positive Überraschung bereit. Das sollte man zumindest mal erwähnt haben.

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