Bundesliga: Harit: Eine Prise Draxler'sche Anarchie

Amine Harit steht nach zähen Verhandlungen offenbar kurz vor einem Wechsel vom FC Nantes zum FC Schalke 04 . Mit dem jungen Franzosen bekommen die Königsblauen ihren Wunschspieler - ausgerechnet dank der Empfehlung eines Dortmunders. Der flinke Dribbler bringt ein Element ins Schalker Spiel, das sie seit Jahren vermissten. Allerdings hat er in einigen Bereichen noch Luft nach oben.

Amine Harit steht nach zähen Verhandlungen offenbar kurz vor einem Wechsel vom FC Nantes zum FC Schalke 04. Mit dem jungen Franzosen bekommen die Königsblauen ihren Wunschspieler - ausgerechnet dank der Empfehlung eines Dortmunders. Der flinke Dribbler bringt ein Element ins Schalker Spiel, das sie seit Jahren vermissten. Allerdings hat er in einigen Bereichen noch Luft nach oben.

Ein bisschen erinnert er an den Schalker Jungen Julian Draxler. In seinen Bewegungen. In seinem Habitus. Von seiner Spielweise. Er bekommt den Ball in zentraler Position, nimmt ihn mit und zieht zum Sprint an. Dabei ist er schneller als seine Gegner, dribbelt drei aus, setzt zum Übersteiger an, geschmeidig in der Ballbehandlung, dann der Pass.

Amine Harit soll dem FC Schalke 04 eine Qualität zurückbringen, die die Fans in Gelsenkirchen seit Draxlers Abgang im Sommer 2015 vermissen: die Prise temporeiche Anarchie. Das gewisse Etwas, das Younes Belhanda, Evgen Konoplyanka und auf höchstem Niveau auch Max Meyer seitdem nicht ins Spiel der Königsblauen brachten.

"Amine macht besondere Dinge", sagt sein ehemaliger Trainer Rene Girard über den Youngster, "er kann den Unterschied machen."

Heidel erklärte Harit zum Wunschspieler des FC Schalke 04

Künftig soll Harit diese besonderen Dinge im königsblauen Dress veranstalten. Das war schon seit geraumer Zeit der Plan von Sportdirektor Christian Heidel, der den jungen Franzosen als Wunschspieler öffentlich bestätigte.

Am Wochenende gab es einen Rückschlag. Plötzlich drohte der Transfer zu platzen. Der Knackpunkt: die Ablösesumme. Schalke wollte keine zehn Millionen Euro für den 20-Jährigen berappen, Nantes verlangte offenbar sogar mehr.

Im Laufe des Montagabends ging jedoch die Meldung über den Ticker, dass Harit aus dem Trainingslager des FC Nantes in Annecy abgereist sei, um den Wechsel nach Gelsenkirchen fix zu machen. Jetzt also doch.

"Wir sind noch nicht bei 100 Prozent", sagte Nantes-Präsident Waldemar Kita zwar. Doch laut L'Equipe sind die Beteiligten nah dran.

Mit dem Franzosen marokkanischer Abstammung angeln sich die Königsblauen mehr einen Geheimtipp als einen hochgejazzten Popstar der Marke Kylian Mbappe: "Er ist noch relativ unbekannt und wird nicht als Frankreichs kommender Superstar gehandelt", bestätigte Julian Quelen von Goal Frankreich: "Es gibt keinen Hype um ihn."

U19-Europameister mit Frankreich

Dabei deutete im vergangenen Sommer einiges auf einen Hype hin. Mit der französischen U19-Nationalmannschaft spielte Harit in Deutschland ein starkes EM-Turnier und war beim überzeugenden 4:0-Finalsieg gegen Italien in Sinsheim der beste Mann auf dem Platz. Er kurbelte das Angriffsspiel aus der zentralen Position hinter der Spitze intensiv an und setzte die offensiven Außen mit seinem guten Auge in Szene.

Schon damals stellte Harit seine vielversprechenden Anlagen zur Schau. "Er ist ein sehr talentierter Junge, der das Dribbling liebt", analysierte sein U19-Nationaltrainer Ludovic Batelli.

Tatsächlich liegt seine große Stärke im dynamischen Dribbling. In seiner ersten Profisaison in Nantes waren zwei Drittel seiner Dribblings erfolgreich - die ligaweit beste Quote aller Spieler mit mindestens 100 Versuchen.

Harits große Schwäche ist die Effizienz

Dass Harit im beeindruckenden Pool an großen französischen Talenten in der öffentlichen Wahrnehmung dennoch etwas untergeht, liegt vor allem an seiner fehlenden Effizienz: "Daran muss ich arbeiten", räumte der Youngster im Gespräch mit Goal ein: "Ich muss Tore schießen und Vorlagen liefern, um noch besser zu werden. In meinem Alter ist man noch kein kompletter Spieler, doch ich hoffe, dass ich mich dort steigern kann."

Tore schießen und Vorlagen liefern - so in etwa sieht das Anforderungsprofil an einen Spieler aus, der auf Harits Positionen spielt. Zu Beginn der vergangenen Spielzeit agierte der Youngster meist auf der Zehn, später kam er immer wieder über den linken Flügel. Auch auf Rechtsaußen und im zentralen Mittelfeld machte er Spiele. Polyvalenz, im modernen Fußball eine wichtige Kernkompetenz.

Seine Ausbeute von nur einem Treffer und einem Assist ist bei 30 Einsätzen entsprechend mager. Vier Schüsse aufs Tor in einer Saison sind ebenfalls ein geringer Wert.

Leverkusen, Dortmund und englische Klubs interessiert

Diesen Statistiken zum Trotz sahen die Scouting-Abteilungen zahlreicher internationaler Topklubs eine starke Saison. Sie sahen das Talent, die Dynamik, die kreative Fähigkeit des Freigeists. "Er ist ein richtig guter Junge", sagte Heidel bereits vor Wochen.

Laut L'Equipe hatten ihn aus der Bundesliga neben Schalke unter anderem Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund auf dem Zettel. Auch zahlreiche englische Klubs sollen sich nach einem Transfer des Dribbelkünstlers erkundigt haben.

Doch das Interesse von der Insel und das damit verbundene saftige Gehalt ließ Harit für den FC Schalke 04 sausen. Medienberichten zufolge entschied er sich früh dafür, zu den Königsblauen wechseln wollen, weil er sich dort mehr Chancen auf regelmäßige Einsatzzeiten ausrechne als in der Premier League. Dort befürchte er, auf der Bank zu versauern.

Ousmane Dembele als entscheidender Ratgeber?

Darüber hinaus hatte ein französischer Landsmann seine Finger im Spiel, der bei Harits wohl künftigem Erzfeind Borussia Dortmund spielt. Harit ist wie Ousmane Dembele im Pariser Norden aufgewachsen, beide spielten bereits in verschiedenen Jugendnationalmannschaften Frankreichs zusammen.

Angeblich suchte Harit Rat bei dem Dortmunder, der ihm zu einem Wechsel in die Bundesliga riet. Dieser selbst ist schließlich das strahlendste Beispiel, dass junge Franzosen in Deutschland den nächsten Schritt machen können.

Also war für Harit klar: Er möchte auf Schalke spielen. Wie er allerdings angeblich versuchte, den Wechsel durchzusetzen, schlug hohe Wellen.

Verwirrung um Harits "Zirkus"-Nummer

Der Youngster trat in Streik und weigerte sich, beim Trainingsauftakt unter dem neuen Star-Trainer Claudio Ranieri teilzunehmen.

Nantes-Präsident Kita sprach von einem "Zirkus": "Er sendet mir Nachrichten, dass er mir nicht mehr schreiben wird. Nachrichten, die offenbar von seinem Berater oder von seinen Eltern erstellt werden. Er möchte nicht zurückkommen. Ich wollte ihn nicht verkaufen. Als ich mit Ranieri darüber gesprochen habe, hat er mir gesagt, dass er ihn zu seiner Zehn machen will. Aber er hat auch gesagt: 'Wenn er geht, geht er eben.'"

Heidel widersprach diesen Anschuldigungen in der Bild: "Der Spieler benutzt Schalke nicht als Druckmittel", stellte er fest und schob hinterher: "Wenn das so wäre, würden wir ihn nie verpflichten."

Zwei Versionen, zwei Blickwinkel auf Harits Charakter.

Zwischenzeitlich stieg der Youngster wieder ins Training beim FC Nantes ein - auch weil ihm wohl Geldstrafen drohten. So oder so, am Montagabend reiste er schließlich in Richtung Gelsenkirchen ab. Dort wird er laut L'Equipe einen Vertrag bis 2021 unterschreiben und um die zehn Millionen Euro Ablöse kosten.

Harit könnte Anpassungsprobleme bekommen

Goal-Experte Quelen hat allerdings Bedenken, ob der Schritt nicht zu früh kommt: "Fußballerisch wird es kein Problem sein. Einzig seine Jugend bereitet mir Sorgen. Er ist noch nicht wirklich reif und verhält sich oftmals mehr wie ein Kind als ein Erwachsener. Er ist kein schlechter Junge, aber ich glaube, er könnte Probleme bekommen, sich in einem fremden Land zurecht zu finden, die Sprache zu lernen und sich an einen großen Klub zu gewöhnen."

Zweifel sind mit einem teuren Kauf eines internationalen Youngsters immer verbunden. Doch bei einem können sich die Knappen sicher sein, sollte der Transfer tatsächlich stattfinden: Mit Harit kommt der Übersteiger und die Unberechenbarkeit zurück. Die Prise Anarchie. Das Element, die Schalker seit zwei Jahren in dieser Form nicht mehr in ihrer Spielanlage vermissen. Irgendwie seit dem Abgang von Julian Draxler...

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