Bundesliga: BVB vor übergeordneten Fragen: Angekommen am wunden Punkt

Der in der Bundesliga weiter ungeschlagene BVB-Trainer Peter Stöger muss sich weiter kritischen Fragen zu den spielerisch biederen Auftritten seiner Mannschaft stellen. Auch die Vereinsbosse von Borussia Dortmund sollten sich Fragen stellen - und deren Antworten nicht von Endplatzierungen einer unruhigen Saison abhängig machen.

Der in der Bundesliga weiter ungeschlagene BVB-Trainer Peter Stöger muss sich weiter kritischen Fragen zu den spielerisch biederen Auftritten seiner Mannschaft stellen. Auch die Vereinsbosse von Borussia Dortmund sollten sich Fragen stellen - und deren Antworten nicht von Endplatzierungen einer unruhigen Saison abhängig machen.

Peter Stöger ist nicht zu beneiden, denn er steckt in einer skurrilen Situation. Seitdem der Österreicher Borussia Dortmund trainiert, hat der BVB in der Bundesliga nicht mehr verloren. Mit jedem Spiel baut Stöger den Startrekord eines Dortmund-Trainers weiter aus.

Trotzdem muss er sich Woche für Woche kritischen Fragen stellen. Der Kern davon: Wieso schafft es die Borussia ungeachtet der in der Liga positiven Ergebnisse nicht, die hohe individuelle Klasse in spielerische Dominanz umzumünzen?

Stöger liefert - selbstverständlich - dazu die immergleichen, aber teils auch recht offenen Antworten. Vor dem Duell mit Eintracht Frankfurt, das der BVB in den letzten Sekunden dramatisch mit 3:2 gewann, stellte Stöger einmal eine Frage an die Journalistenrunde.

Stöger über BVB: "Bis Saisonende wird es wohl nicht richtig rund laufen"

Sie war rhetorischer Natur: "Vielleicht ist es auch für die Mannschaft nicht ganz so leicht zu verarbeiten, dass sie die letzten zehn Meisterschaftsspiele nicht verloren hat und trotzdem gefühlt permanent in der Kritik steht?", warf Stöger als möglichen Erklärungsansatz für die mageren Auftritte seiner Truppe in die Runde.

Bei Stögers Antworten klang schon in den letzten Wochen immer mal wieder durch, dass derzeit eben aus unterschiedlichen und oft thematisierten Gründen nicht mehr (Glanz) aus den Spielern herauszuholen sei. Liest man zwischen den Zeilen und interpretiert ein wenig, kann der Verdacht aufkommen, dass Stöger damit sagen möchte: Hier lag und liegt dermaßen viel im Argen, dass es in dieser Saison nicht mehr möglich sein wird, ein anderes BVB-Gesicht auf den Platz zu zaubern.

Ob das nun ein Problem des Trainers Stöger ist oder sich ihm in dieser sicherlich nicht günstigen Situation tatsächlich nur geringfügige Veränderungsmöglichkeiten bieten, darüber lässt sich trefflich streiten. Was klar sein dürfte - und Stöger sprach es nach dem glücklichen Dreier nun auch deutlich aus: "Es geht nicht immer spielerisch. Bis Saisonende wird es wohl nicht richtig rund laufen."

BVB-Bosse müssen sich übergeordneten Fragen stellen

Damit sollten sich mittlerweile alle Beteiligten rund um den BVB sowie dessen Anhänger abgefunden haben. In der Endphase der Spielzeit geht es nun ausschließlich darum, das in vielerlei Hinsicht essentielle Ziel Champions-League-Qualifikation einzutüten - ganz egal, wie dabei der Fußball aussieht.

Augen zu und durch muss für den Moment in Ordnung sein, verbunden mit der Hoffnung, dass trotz der Wankelmütigkeit der Schwarzgelben wie auch immer Platz zwei, drei oder vier herausspringt. Zumal der nächste, aber vielleicht letzte Nackenschlag dieser unruhigen Saison am kommenden Donnerstag in der Europa League gegen Salzburg kurz bevor steht.

Aus dieser aktuellen Gemengelage ist den Dortmunder Verantwortlichen im Moment auch kein Strick zu drehen. Die großen Fragen, die die Dortmunder für sich beantworten müssen, sind langfristige und übergeordnete: Wie soll der BVB der kommenden Saison personell aussehen? Wie soll er spielen? Und wer soll ihn dann trainieren?

Dortmund an wundem Punkt angekommen

Der BVB ist damit an einem wunden Punkt in seiner jüngeren Historie angekommen. Das Erbe von Jürgen Klopp bekam man bislang nur unzureichend geregelt, wenngleich zwei Jahre in der Königsklasse, kein verlorenes Heimspiel und als Krönung der DFB-Pokalsieg im letzten Jahr dem sportlichen Wirken von Thomas Tuchel ein sehr gutes Zeugnis ausstellen.

Mit Peter Bosz kam anschließend ein Trainer, der nach einer rasanten Berg- und Talfahrt vorzeitig gehen musste und fußballphilosophisch von Tuchel so weit entfernt war wie die Sonne vom Mond. Und Stöger, selbst in einer für ihn verrückten Situation urplötzlich zum BVB gekommen, muss derzeit eben die Scherben aufkehren und sich als ungeschlagener Coach den "Vorwurf" gefallen lassen, seine Mannschaft sei meilenweit von ihrem eigentlichen Potential entfernt.

BVB-Bundesligaspiele unter Peter Stöger Ergebnis
1. FSV Mainz 05 (A) 2:0
TSG 1899 Hoffenheim (H) 2:1
VfL Wolfsburg (H) 0:0
Hertha BSC (A) 1:1
SC Freiburg (H) 2:2
1. FC Köln (A) 3:2
Hamburger SV (H) 2:0
Borussia Mönchengladbach (A) 1:0
FC Augsburg (H) 1:1
RB Leipzig (A) 1:1
Eintracht Frankfurt (H) 3:2

Wobei Stöger natürlich schlau genug ist zu wissen, dass der aktuelle BVB nur ein schlechtes Abziehbild jener Truppe ist, die zwischen 2010 und 2013 nicht nur durch die Bundesliga fräste. Stattdessen befindet sich Dortmund auf spielerischer Augenhöhe mit Teams, die dramatisch weniger Geld in ihren Kader stecken können.

BVB-Zukunft darf nicht nur von Platzierungen abhängig sein

Dominantes Ballbesitzspiel, aggressives Gegenpressing, durchdachte Spielzüge - all dies ist bei den Westfalen in diesen Tagen kaum zu sehen. Viel eher beschränkt sich der Fußball auf Umschaltmomente, die fast ausschließlich dank der hohen Individualität im Offensivbereich für Gefahr sorgen. Sich aber gegen Widerstände zu wehren, dauerhaft bissig zu bleiben oder viele unangenehme Wege zu gehen, geht den Dortmundern nicht mehr so leicht von der Hand wie früher, als diese Eigenschaften unabdingbare Merkmale des Klopp-Fußballs waren.

Eben auch dort müssen die BVB-Bosse ansetzen und hinterfragen, ob das teure Ensemble tatsächlich das hält, was es auf dem Papier verspricht. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigte einen erneuten, diesmal womöglich noch radikaleren, weil erstmals selbst gewollten Umbruch an, sollte das Jahr noch vollkommen in die Hose geraten. Ob dies eintritt, bleibt offen und wird es, ganz nach Stöger, auch bis zum Ende der Saison sein.

Doch ob großer oder kleiner Umbruch, ob weiter mit Stöger oder einem neuen Trainer - diese Themen sollten nach den Eindrücken der letzten Monate nicht ausschließlich von Endplatzierungen abhängig gemacht werden. Denn seit über einem Jahr hat das Auftreten des BVB und dessen Außendarstellung stark gelitten.

Keine leichte Aufgabe für die Vereinsoberen

Eine lose Aufzählung der Fakten: Dortmund bekommt in Europa kein Bein mehr auf den Boden. Der BVB beweist auf dem Transfermarkt nicht mehr das glückliche Händchen wie in den Vorjahren. Die jungen Talente entwickeln sich nicht wie erhofft. Die Festung Westfalenstadion ist längst eingenommen. Der Mannschaft geht ein gemeinschaftlicher Spielplan und damit auch ein Teil ihrer Identität ab. Die Fans kommen nicht mehr in Strömen.

Zugegeben, die Aufgabe wird für die Vereinsoberen keine leichte. Es hat sich in kurzer Zeit ja auch vieles enorm verändert im und rund um den Verein. Nur wenige Jahre, nachdem man bei einem Auswärtsspiel gegen Alemannia Aachen um den Verbleib in der ersten Liga zittern musste, entwickelte sich Borussia Dortmund in den Klopp-Jahren zu einem europäischen Schwergewicht.

Der Verein blähte sich unumgänglich auf und bespielt nun auch Themen, die für viele Anhänger zuvor unbekannt waren oder gar nicht erst auf der Agenda standen. Diesen Balanceakt zu vollziehen, sich als Klub im Konzert der Großen wirtschaftlich weiter entwickeln und dabei immer wieder Leistungsträger abgeben zu müssen, kann Dellen wie die aktuelle durchaus beinhalten.

Muss und Chance für den BVB

Zumal momentan eine Entfremdung auf freilich ganz hohem Niveau vorherrscht, die zudem mit dem allgemeinen Überdruss an Kommerzialisierung und womöglich auch dem biederen Niveau der Bundesliga einhergeht. Es ist daher für den BVB nicht nur ein Muss, sondern auch als Chance zu begreifen, sich im Sommer neu aufzustellen und im Idealfall wieder eine dauerhafte Euphorie aufleben zu lassen, wie sie sich unter Klopp ihren Weg bannte.

Einen genauen Plan werden Watzke und Sportdirektor Michael Zorc längst in der Tasche haben. Und er scheint Marco Reus überzeugt zu haben, seinen Vertrag bis 2023 auszudehnen.

"Unser oberstes Ziel ist jetzt erstmal die Champions League", sagte er nach dem Sieg gegen die SGE. "Danach müssen wir uns kontinuierlich gut aufstellen, dann sehe ich eine positive Zukunft." Aber nur dann.

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