Bundesliga: Bayern und Leipzig: Zur Entstehung einer ungewöhnlichen Rivalität

Die Sticheleien zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig werden häufiger und gehässiger - die Münchner "Abteilung Attacke" ist zurück. Mit Leipzig wächst gerade ein neuer Bayern-Rivale heran, der sich von den bisherigen jedoch deutlich unterscheidet.

Die Sticheleien zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig werden häufiger und gehässiger - die Münchner "Abteilung Attacke" ist zurück. Mit Leipzig wächst gerade ein neuer Bayern-Rivale heran, der sich von den bisherigen jedoch deutlich unterscheidet.

"Wenn Sie flotte Sprüche hören wollen, müssen Sie nach München fahren. Wenn sie flotten Fußball sehen wollen, sind Sie in Hoffenheim richtig", hatte Ralf Rangnick einst einen flotten Spruch formuliert und seine eigene Aussage dadurch selbst etwas relativiert. Im Dezember 2008 war das und Rangnick als Trainer von Aufsteiger und Tabellenführer Hoffenheim in München zu Gast.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß bezeichnete Rangnick daraufhin als "Besserwisser", der "immer nur eine Saison lang Erfolg" habe. Der FC Bayern gewann letztlich auf dem Platz, zog bald an der TSG vorbei und verbrachte das folgende Jahrzehnt wie selbstverständlich an (oder kurz unter) der Bundesligaspitze, während Hoffenheim vorübergehend in den Tiefen der Tabelle verschwand.

Bald verschwand auch Rangnick aus Hoffenheim, ehe er im Sommer 2016 wieder auftauchte. Erneut mit einem neureichen Retorten-Klub, der für flotten Fußball steht. Diesmal mit RB Leipzig. Seitdem deutet einiges darauf hin, dass anders als damals mit Hoffenheim aus einer kurz aufflackernden Rivalität mit dem FC Bayern eine stabil lodernde werden könnte - genug brennbares Material wird seit Leipzigs Aufstieg nämlich nachgelegt.

"Abteilung Attacke" heißt das dann in München. Am aktivsten war diese Abteilung einst gegen Christoph Daum mit seinen verschiedenen Klubs, gegen Werder Bremen mit Manager Willi Lemke und seit einigen Jahren gegen Borussia Dortmund mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Geendet haben all diese mal kürzeren, mal längeren Duelle, indem der jeweilige Rivale entweder selbst am aufgebauten Druck zerbrach, oder der FC Bayern zur Sicherheit eben die wichtigsten Spieler wegkaufte und ihn so zermürbte.

Almluft in Seefeld statt Stadtluft in Shanghai, Shenzen oder Singapur

Es ist aber auch irgendwie immer eine Würdigung, wenn ein Verein vom FC Bayern attackiert (und früher oder später eben zerbrochen) wird: Denn dann wird er ernst genommen und hat es bis in den Dunstkreis des Marktführers geschafft. Als Hoeneß im vergangenen November erklärte, der FC Bayern habe mit Leipzig neben Dortmund "einen zweiten Feind, den wir attackieren können", war das Leipzigs Ankunft im Münchner Dunstkreis.

Zuletzt konnten die Leipziger aber gar nicht am Münchner Dunstkreis schnuppern, denn der war bekanntlich auf Weltreise, und schnupperten stattdessen halt Tiroler Almluft. "Sehr dankbar" sei er, sagte Leipzig-Trainer Hasenhüttl, dass er und vor allem seine Spieler eben diese Tiroler Almluft schnuppern durften, statt die Stadtluft von wahlweise Shanghai, Shenzen oder Singapur. Dort weilten nämlich der weltreisende Bayern-Trainer Carlo Ancelotti und dessen Spieler, was Hasenhüttl ziemlich "krass" findet.

Dies löste in der stabil lodernden Rivalität ein zusätzliches Aufflackern aus. "Ich finde diese Aussage ein Stück zynisch und auch unsolidarisch", ließ Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dann aus Shanghai, Shenzen oder Singapur ausrichten und erklärte, dass die Vereine, die sich in Asien oder Amerika vorbereiten, etwas für die TV-Vermarktung der Bundesliga geleistet hätten - ganz im Gegenteil zu denen, die "den einfachen Weg wählen" und sich in Österreich oder der Schweiz auf die neue Saison vorbereiten. Sehr skeptisch sei er, "ob sie damit einen großen Beitrag zum Wohle der Bundesliga leisten", und kritisierte das Vorgehen von Leipzig somit scharf.

Hasenhüttl antwortete, er verstehe nicht "was an meiner Aussage zynisch sein soll", überließ den Gegenangriff dann aber lieber seinem Chef Rangnick: "Wenn man alle 18 Bundesliga-Trainer inklusive Carlo Ancelotti gefragt hätte, bin ich überzeugt, dass es jedem lieber ist, dass die Vorbereitung in Europa stattfindet." Ancelotti bezichtigte ihn daraufhin lapidar der Falschaussage: "Das ist nicht wahr."

Unter der Woche nur auf der Couch

Diese Diskussion über sechs Zeitzonen sowie wahlweise (je nachdem, ob der FC Bayern gerade in Shanghai, Shenzen oder Singapur weilte) über den indischen Subkontinent oder den Himalaya und die kasachische Steppe hinweg, war nur die neueste Episode dieser entstehenden Rivalität.

Erstmals verbal gezündelt wurde bereits, als Leipzig vor über einem Jahr als Bundesliga-Aufsteiger feststand. "Es ist schön und gut, dass wieder ein Klub aus dem Osten in der Bundesliga ist", erklärte Rummenigge damals staatstragend, aber "ich glaube, dass sich die Fans im Osten mehr über einen Bundesligisten Dynamo Dresden gefreut hätten." Dann wurde er auch noch gefragt, wann er denn mit einem Meister Leipzig rechne, und Rummenigge antwortete, dass er "das nicht mehr erleben werde".

Was er dann aber recht bald erleben musste, war ein Tabellenführer Leipzig, denn im November thronten die Bullen zeitweise an der Spitze. Rummenigge führte dies auf die fehlende Mehrfachbelastung zurück: "Die können sich während der Woche ausruhen."

Hoeneß konkretisierte noch, die Leipziger könnten dann "immer auf der Couch liegen", ehe er sie als "Feind" (was er später in "Rivale" revidierte) bezeichnete.

Verbindungen zwischen Leipzig und München

Leipzig sei laut Hoeneß jedenfalls "mittelfristig ein gefährlicher Gegner" - und zwar wegen schier unbegrenzter finanzieller Möglichkeiten: "Wie ich den Herrn Mateschitz kenne, wird er, wenn es an Weihnachten notwendig ist, noch ein paar Milliönchen drauflegen." Das tat er dann auch, indem er im Januar für zehn Millionen Euro Dayot Upamecano verpflichten ließ.

18 Jahre war Upamecano damals erst alt, wie so viele Leipziger Neuzugänge also äußerst jung. Im folgenden Sommer erzählte Hoeneß dann von einem Gespräch mit Mateschitz, in dem es um eben jenen Jugendkurs der Bullen ging: "Ich habe ihm gesagt: Lieber Herr Mateschitz, wenn Sie jetzt auch noch ältere Spieler verpflichten, werden sie ein ganz ernstzunehmender Gegner für uns."

Es waren nur kleine Sticheleien und Einmischungen, die aber umso mehr aussagen über diese auflodernde Rivalität: Sie ist nämlich etwas komplizierter gestrickt als alle bisher dagewesenen. Anders als Bayerns Rivalitäten mit Daum, Lemkes Werder oder Watzkes Dortmund. Hoeneß spricht vom "lieben Herrn Mateschitz", oder sagt: "Wie ich den Herrn Mateschitz kenne." Hoeneß kennt den lieben Herrn Mateschitz nämlich recht gut.

Hoeneß und Mateschitz kennen sich aber nicht nur recht gut, sondern schätzen sich auch und arbeiten sogar zusammen. Etwa in einem Bereich, in dem Hoeneß und der FC Bayern letztlich sogar auf Mateschitz und dessen Red-Bull-Gelder angewiesen sind. Gemeinsam lassen sie eine Mehrzweckhalle in München bauen, die sowohl dem FC Bayern Basketball als auch dem Eishockey-Verein EHC Red Bull München als Heimstätte dienen soll. Die Bayern sind dann nur Mieter - in der Red Bull Arena.

Kratzende und "faxende" Leipziger

In der vergangenen Saison wurde darüber hinaus Hoeneß' Neffe Sebastian von Mateschitz' Fußball-Abteilung bezahlt: Er trainierte die Leipziger U17. Mit wem es Sebastian Hoeneß dann beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Profi-Mannschaften hielt, ist nicht überliefert. Drei Tage vor Weihnachten war es jedenfalls soweit: Herausforderer Leipzig hätte mit einem Sieg am FC Bayern vorbeiziehen können. Und wollte das auch. "Leipzig kam daher und hatte schon vor, an der Vorherrschaft des FC Bayern zu kratzen", erklärte Hoeneß, und dieser Versuch wurde "in aller Deutlichkeit zurückgewiesen": 3:0 für die Bayern.

Beim Rückspiel dann, Leipzig kratze da schon lange nicht mehr an der Vorherrschaft des FC Bayern, aber hatte sich doch erstaunlich gut gehalten, siegten die Münchner erneut - mit 5:4. Leipzig hatte sich dabei erdreistet, bis kurz vor Schluss sicher zu führen, aber dann drehten die Münchner die Partie doch noch.

Thiago soll nach Schlusspfiff im Kabinentrakt irgendwas auf Spanisch gebrüllt haben, was etwa so viel bedeutet wie: "Die sollen die Faxen lassen! Wir sind die Bayern, verdammt!" Auf dem Platz wurden die Faxen seitdem auf Grund fehlender Spiele tatsächlich gelassen; neben dem Platz wird dafür umso munterer weitergefaxt.

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