Bundesliga: Bayern entlässt Ancelotti: Wie konnte es nur soweit kommen?

Der FC Bayern hat sich von seinem Trainer Carlo Ancelotti getrennt . Die Erwartungen an den Italiener waren hoch und seine Vorschusslorbeeren gewaltig. In München konnte er seine Qualitäten aber nicht gewinnbringend einbringen. Am Ende ging es extrem schnell bergab.

Der FC Bayern hat sich von seinem Trainer Carlo Ancelotti getrennt. Die Erwartungen an den Italiener waren hoch und seine Vorschusslorbeeren gewaltig. In München konnte er seine Qualitäten aber nicht gewinnbringend einbringen. Am Ende ging es extrem schnell bergab.

Seite 1: Probleme in großen Spiele und die fehlende taktische Handschrift

Wie die Stimmung in Abuja am Donnerstagnachmittag war, als die Meldung von der Entlassung Carlo Ancelottis bestätigt wurde, ist bisher nicht bekannt. Aber es dürfte auf jeden Fall reichlich Diskussionen gegeben haben. Denn schließlich ist der europäische Fußball sehr populär in Nigeria, wie der Reporter aus dem afrikanischen Land am Dienstag erklärte, als er sich für seine Frage rechtfertigen musste.

"It's a strong question", hatte Ancelotti da noch geantwortet, als er gefragt wurde, ob er bei einer Niederlage gegen PSG mit seiner Entlassung rechne. "Wir sind noch früh in der Saison, es ist noch nichts passiert, es geht ums Prestige", sagte Ancelotti. Doch hatte nicht nur er sich getäuscht.

Klar, der Italiener war nach dem durchwachsenen Saisonstart angezählt, dass er seinen noch bis Juni 2019 laufenden Vertrag erfüllen würde, galt als ausgeschlossen, aber für diese Saison sollte es schon noch reichen. Doch auf einmal nahmen die Entwicklungen einen rasanten Verlauf und Ancelotti wurde samt seinem Trainerteam schon am Donnerstagnachmittag freigestellt.

Warum hat die Beziehung der beiden Parteien nicht gehalten, obwohl alles am Anfang nach Traumehe aussah? An diesen Punkten ist Ancelotti in München gescheitert.

Die großen Spiele blieben zu oft ein Versprechen

Ancelotti kam mit der Reputation von drei Champions-League-Siegen nach München, aber auch nur mit drei nationalen Meisterschaften. Das war aber erstmal egal, denn die Bayern hatten ohnehin den Henkelpott im Blick und Ancelotti, der kurz zuvor Real Madrid La Decima schien da genau richtig, um auf Pep Guardiolas endlich auch den ersehnten Titel zu gewinnen.

Dass es auch im ersten Jahr immer mal wieder holperte, nahmen die Verantwortlichen in Kauf, schließlich war Ancelotti mit dem Versprechen angetreten, die Kräfte so dosieren zu können, dass seine Mannschaft in den entscheidenden Spielen auf den Punkt fit sei.

Und so agierten die Bayern nach den dominanten Guardiola-Jahren öfter wieder nach dem Motto: Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss. Dieser Plan war von Beginn an ein Vabanquespiel, weil die Bewertung einer ganzen Saison von wenigen Spielen abhängig ist.

Doch die Bayern fuhren erstmal gut damit, zogen nach der Winterpause in der Liga entscheidend davon, gewannen die Spitzenspiele gegen RB Leipzig sowie Borussia Dortmund und schossen auch den FC Arsenal in der Champions League ab. Das System Ancelotti schien zu greifen.

Doch dann kam Real Madrid und es kamen die Verletzungen von Mats Hummels und Robert Lewandowski. Die Bayern scheiterten gegen den späteren CL-Sieger knapp in der Verlängerung und Karl-Heinz Rummenigge machte den Schiedsrichter dafür verantwortlich. Es hätte zugegebenermaßen auch anders laufen können, wenn Arturo Vidal im Hinspiel den Elfmeter zum 2:0 verwandelt hätte oder die eine oder andere Schiedsrichterentscheidung anders ausgefallen wäre, aber es gab insgesamt keinen Zweifel, dass Real Madrid verdient weitergekommen war.

Erstmals gab es flächendeckende Kritik am Trainer, der keinen Plan B entwickelt hätte für den Fall, dass seine erste Elf mal nicht zur Verfügung stand und der den jungen Spielern nicht genügend vertrauen würde. Als dann auch noch das DFB-Pokalhalbfinale gegen Borussia Dortmund trotz deutlicher Überlegenheit verloren ging, mehrten sich die Zweifel, ob Ancelottis Strategie in München wirklich funktionieren kann.

Dass gleich das erste große Spiel in dieser Saison in einer 0:3-Pleite in Paris endete, sorgte bei den Entscheidern offenbar für die Gewissheit, dass die Methode Ancelotti in München nicht mehr greifen werde.

Eine taktische Handschrift war nicht zu sehen

"Carlo Ancelotti hatte als Trainer überall Erfolg und drei Mal die Champions League gewonnen. Carlo ist ein ruhiger, ausgeglichener Fachmann, der mit Stars umgehen kann und einen variantenreichen Fußball spielen lässt - das haben wir gesucht, das haben wir gefunden. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit." Mit diesen Worten kündigte Rummenigge in der offiziellen Mitteilung den Trainerwechsel im Dezember 2015 an.

Die Ära Guardiola war vielen an der Säbener Straße von zu viel Detailversessenheit und taktischer Akribie geprägt. Braucht es wirklich die Ausleuchtung Darmstadts bis in den letzten Winkel, reicht da nicht die alte Mia-san-Mia-Attitüde und die individuelle Klasse? Außerdem seien die Bayern ja zu konteranfällig, und am Ende der Saison nicht fit genug.

Mit Ancelotti kehrte eine andere Idee ein beim FC Bayern. Weniger Vorgaben, mehr Freiheiten. Mehmet Scholl gab schon beim ersten Spiel den Ton vor, als er davon sprach, die Mannschaft sei von Guardiolas Fesseln befreit worden, es herrsche wieder mehr Kreativität und Spielwitz. Bei den TV-Experten und Kolumnisten hielt sich diese Meinung lange, erst als sich die Ergebnisse nicht mehr einstellten, wurde Ancelotti seine lange Leine negativ ausgelegt.

Dabei war schon früher sichtbar, dass die Bayern auch in der Post-Guardiola-Ära mehr Hilfe von außen gebraucht hätten. Diesen variantenreichen Fußball, den Rummenigge avisiert hatte, gab es nie. Ancelotti verwaltete Guardiolas Erbe, konnte das Niveau aber nicht halten, so dass es am Ende immer unklarer wurde, wohin der Italiener mit seiner Mannschaft wollte.

"Viele Leute sprechen über Strategie, Taktik und Position der Spieler. Es ist zu viel. Fußball ist viel einfacher", sagte Ancelotti erst vor wenigen Wochen. Ein Zeichen, dass Spieler und Trainer unterschiedliche Vorstellungen hatten.

Balance war sein Schlüssel- und Lieblingswort, während seiner 15 Monate in München. Nur konnte er seiner Mannschaft nie dauerhaft vermitteln, wie sie diese im Spiel auf den Platz bringen sollte. Beispielhaft stand dafür das 0:3 in Paris, das Ancelotti schließlich seinen Job kostete.

Seite 2: Verlorene Kabine und kaum Rückhalt in der Führungsetage

Der Spielerversteher hat die Kabine verloren

Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimovic, David Beckham, John Terry, Paolo Maldini, Alessandro Nesta und Toni Kroos. All diese (ehemaligen) Weltklassespieler kamen in Ancelottis jüngstem Buch "Quiet Leadership" zu Wort und alle schwärmten von der Führungskompetenz des Italieners.

Auch Mats Hummels lobte am Dienstag vor der Partie in Paris noch den "charmanten und witzigen Stil" Ancelottis und dessen "Unerschütterlichkeit". Der Umgang mit den Stars war Ancelottis größtes Pfund während seiner Karriere. Über Ancelotti hatte fast jeder nur Gutes zu berichten und diese Qualität sollte er auch in München einbringen.

Auf der Grundlage des Tüftlers Guardiola sollte der Menschenfänger Ancelotti die Generation Lahm zu einem weiteren Höhepunkt führen. Dass Lahm ein Jahr früher als gedacht seine Karriere beendete und Ancelotti auch noch Xabi Alonso verlor, war nicht die Schuld des Trainers, aber plötzlich fand er sich mitten in einem Umbruch wieder, den er hätte managen sollen. Diese Aufgabe konnte oder wollte er nicht mehr stemmen.

Während es anfangs von Stars wie Franck Ribery noch Lobhudeleien und Vergleiche mit Jupp Heynckes gab, flogen am Ende plötzlich nach Auswechslungen die Trikots auf die Bank und selbst loyale Spieler wie Thomas Müller kritisierten die Entscheidungen des Trainers öffentlich.

"Ancelotti hatte fünf Spieler gegen sich gehabt, das war nicht durchzuhalten", bestätigte Uli Hoeneß nach der Entlassung. Wann genau die Stimmung kippte, ist schwer zu sagen, aber der Prozess war am Ende nicht mehr aufzuhalten. Die Aufstellung in Paris ohne Robben, Ribery und Hummels war schon fast ein trotziger Akt des Italieners.

Auch wenn Ancelotti aus Erfahrung wusste, dass ihm sein Umgang mit den Stars irgendwann negativ ausgelegt werden würde und die Gründe für seine Einstellung auch irgendwann die Gründe für seine Entlassung sein würden, hatte kaum einer erwartet, dass dem Spielversteher Ancelotti am Ende in München die Atmosphäre in der Kabine um die Ohren fliegen würde.

Aktuell scheint es unwahrscheinlich, dass in einer zukünftigen Auflage seines Buches ein Bayernspieler eine ähnliche Lobeshymne anstimmen wird, wie Ronaldo, Ibrahimovic oder Beckham.

Der Rückhalt aus der Führungsriege hat gefehlt

Der FC Bayern ist zurzeit kein harmonischer Klub. Nicht nur auf dem Platz hat der Verein einen Umbruch zu bewerkstelligen, auch in der Führungsetage rumpelt es seit der Rückkehr von Hoeneß ins Präsidentenamt.

Während Hoeneß' Zeit im Gefängnis war Rummenigge zum alleinigen, starken Mann aufgestiegen an der Säbener Straße, er hatte die Richtung vorgegeben und den FC Bayern klar auf Kurs Internationalisierung geführt. Mit Hoeneß an seiner Seite hat sich die Atmosphäre im Klub verändert, es gibt ein Hoeneß- und es gibt ein Rummenigge-Lager.

Dass beide Führungsfiguren noch nicht wieder "geheiratet hätten", wie Rummenigge kürzlich sagte, ist offensichtlich. Zu oft sind sie in ihren Ansichten und auch öffentlichen Äußerungen unterschiedlicher Meinung. Sicher waren beide noch nie immer auf einer Linie, aber das neuerliche Zusammenraufen gestaltet sich nicht gerade einfach.

Das machte sich auch beim Richtungsstreit in diesem Sommer bemerkbar, als es darum ging, ob die Bayern auch auf dem Transfermarkt den Weg der Global Player mitgehen und noch mehr Geld ausgeben als ohnehin schon oder eine andere Strategie verfolgen sollen. Hoeneß setzte sich durch.

Die Personalie Ancelotti war eine Rummenigge-Entscheidung, auch in der Entlassungsmeldung bezeichnete er den Trainer als seinen Freund. Mit Willy Sangol als Co-Trainer, der jetzt interimsmäßig übernimmt, und Hasan Salihamidzic als Sportdirektor hatte Hoeneß zwei seiner Leute rund um das Trainerteam installiert, um das Mia-san-Mia-Gefühl wieder zu stärken. Beide Personalien konnten allerdings auch als Aufpasser im Ancelotti-Umfeld verstanden werden.

Ein klares Bekenntnis pro Ancelotti blieb in den vergangenen Wochen auf jeden Fall aus, als die Kritik am Italiener und seinem umstrittenen Trainerteam um den rauchenden Fitnesstrainer Giovanni Mauri immer lauter wurde und sich eine Trennung zum Saisonende abzeichnete.

Am Ende hatte Ancelotti keine Chance mehr, er war auch zwischen die Mühlen des führungspolitischen Räderwerks an der Säbener Straße gekommen.