50+1: Die Diskussion um die wichtigste Frage der Zukunft des Fußballs

Unter deutschen Fans ist die 50+1-Regel elementar wichtig für den Erhalt der Fußball-Kultur.

Die DFL hat für die Mitgliederversammlung am Donnerstag den Beginn der Diskussion um eine mögliche Modifizierung der 50+1-Regel angekündigt. Unter den Fans organisiert sich der Protest, Unterstützung bekommen sie von leidgeplagten englischen Anhängern. Die Vereinsverantwortlichen sind in ihrer Meinung gespalten. Was genau bedeutet 50+1? Wo liegen die Kritikpunkte? Die wichtigsten Fragen zur Diskussion.

Was besagt die 50+1-Regel?

Die 50+1-Regel des DFB und der DFL besagt, dass in den deutschen Lizenzligen ausschließlich diejenigen aus den Fußballklubs ausgegliederten Kapitalgesellschaften spielberechtigt sind, bei denen die Mehrheit der Stimmanteile beim Verein liegt.

Diese Regelung soll verhindern, dass Investoren die Vereine übernehmen und zentrale Entscheidungsbefugnis bekommen. Der Verein muss demnach immer mehr als 50 Prozent der Anteile halten.

Seit einem Urteil des DFB-Schiedsgerichts am 30. August 2011 sind Ausnahmeregelungen des Paragraphen möglich. Die Mehrheitsbeteiligung eines Investors ist seitdem dann möglich, wenn dieser den Klub mehr als 20 Jahre durchgehend in erheblichem Ausmaß unterstützt hat.

Was passiert am Donnerstag bei der DFL-Mitgliederversammlung?

50+1 wird am Donnerstag nicht fallen. Eine endgültige Entscheidung darüber, wie es mit der Regel weitergeht, ist laut DFL-Geschäftsführer Christian Seifert nicht vor Jahresende zu erwarten.

Stattdessen geht es bei der Versammlung aller 36 Klubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga darum zu entscheiden, wie künftig über 50+1 diskutiert werden soll. Zunächst soll "ein umfassendes Meinungsbild aller Klubs eingeholt" werden, sagte DFL-Präsident Dr. Reinhard Rauball in der Pressemitteilung Ende Februar.

Grundsätzlich soll jeder Verein die Möglichkeit haben, die eigene Diskussion in der Debatte einzubringen. Um letztlich eine Satzungsänderung durchzuführen, wäre eine Zweidrittelmehrheit aller 36 Erst- und Zweitligaklubs vonnöten. Die DFL GmbH hat kein Stimmrecht.

Welche Bedenken haben die Fans bei einer Abschaffung der 50+1-Regel? 

Seit Jahren ist die Erhaltung der Regel für die Fans in Deutschland ein wichtiges Thema.

Die zentrale Befürchtung im Falle einer Regeländerung oder -abschaffung ist der flächendeckende Einstieg von Investoren bei den Klubs und damit das Ende der Mitbestimmung. Durch die weitreichende Entscheidungsbefugnis eines Investors droht dem Verein Identitätsverlust und eine unkontrollierbare wirtschaftliche Situation.

Die generelle Entwicklung in England sorgt für Bedenken. Zwar boomt der englische Fußball in finanzieller Hinsicht, die Fankultur litt in den letzten Jahren allerdings massiv darunter. Im Mutterland des Fußballs sind in der Vergangenheit durch Investoren unter anderem Vereinsfarben und -logos verändert oder Stadien verkauft worden.

Im August 2013 benannte etwa Klubbesitzer Assem Allam Hull City offiziell in Hull City Tigers um und ließ im Jahr darauf das Logo anpassen.

In Deutschland lässt das Engagement von Hasan Ismaik beim TSV 1860 München die Alarmglocken läuten. Zwar hält der Jordanier aufgrund der 50+1-Regel seit seinem Einstieg im Jahr 2011 "nur" 49 Prozent der Anteile. Jedoch knüpfte der sein Investment regelmäßig an sportliche Bedingungen und übte so dennoch enormen Einfluss auf das operative Geschäft aus.

Sportlich zahlte sich Ismaiks Investment nicht aus. Die Löwen entwickelten sich seitdem zu einem instabilen Verein mit hoher Fluktuation in der Kader- und Führungsstruktur und stieg infolgedessen im vergangenen Sommer aus der 2. Liga ab. Weil Ismaik anschließend einen weiteren Zuschuss an Bedingungen knüpfte und schließlich verwehrte, musste 1860 sogar den Zwangsabstieg in die Regionalliga Bayern antreten.

So unterstüzen leidgeprüfte englische Fans die deutschen Anhänger

Die englische Fan-Organisation "Football Action Network" wandte sich über das Magazin "11 Freunde" mit einem offenen Brief an die deutschen Fans. Hier ein paar Auszüge:

"Ihr könnt nicht zulassen, dass euren Fußball das gleiche Schicksal ereilt wie unseren. Es ist leicht, geblendet zu werden von den Science-Fiction-Summen der Premier League, aber ihr solltet es vermeiden, eben diese Liga nachzuahmen oder mit ihr mithalten zu wollen – und zwar um jeden Preis."

"Wir haben Kommentare aus den Chefetagen der DFL gehört, von »unpopulären Maßnahmen« war da die Rede, von »Traditionen«, die es zu ändern gilt, um mit dem Markt mitzuhalten. Glaubt uns, wir haben die gleiche Rhetorik hierzulande zu Beginn der neunziger Jahre gehört. Was wir bekommen haben, ist der Verkauf des Fußballs, er wurde aus den Händen der Arbeiter gerissen, die diesen Sport erst geformt haben. Das Ganze war ein lange vorbereiteter Schwindel, um nicht zu sagen: ein kultureller Diebstahl."

"50+1 ist eine großartige Sache und sollte unantastbar sein. Ohne diese Regel sprießen die Ticketpreise in die Höhe wie beispielsweise bei Arsenal. Dort halten sie es für normal, wenn die günstigste Dauerkarte 1.000 Pfund kostet. Und bei Sheffield Wednesday verlangen sie 17 Pfund Eintritt für ein Kleinkind."

"Die Frage bleibt also: Was wollen die Deutschen so unbedingt übernehmen von der Premier League? Einer Organisation, die von allem den Preis kennt, aber von nichts den wahren Wert. Eine Liga, die das englische Nationalteam zerstört hat, indem es kein einziges Talent zum Zug kommen ließ. Ein Wettbewerb, der Geld eintreibt und den echten Amateurfußball ausmergelt. Eine Liga, in der die Stadien voller lustig-dumm-klatschender Touristen sind, die wie beim Wrestling darauf warten, dass die »Big hitters« erwartungsgemäß den Sieg davon tragen. Die Premier League ist die berechenbarste Liga Europas trotz all der Botschaften ihrer PR-Abteilungen und der ihr in Treue verbundenen Boulevardpresse."

Wie organisiert sich der Fan-Protest gegen 50+1 in Deutschland?

Die Diskussion um eine mögliche Modifizierung des Satzungspassus' sorgte dafür, dass sich der Widerstand und der Protest organisierten. Die Fans sehen die Öffnung der DFL für ein Meinungsbild als den Beginn eines Prozesses, an dessen Ende die Regel abgeschafft wird.

In zahlreichen deutschen Stadien gab es Spruchbänder, Choreographien und Sprechchöre gegen die DFL und für den Erhalt der Regel.

Über 2.800 Fanklubs haben sich darüber hinaus innerhalb einer Woche zu der Aktion "50+1 bleibt!" bekannt. Darunter sind unter anderem die einflussreichen Fanorganisationen "ProFans", "Unsere Kurve" oder die "Football Supporter Europe".

Welche Kritikpunkte gibt es an 50+1?

Ein Hauptkritikpunkt an der Regel ist, dass sie gegen deutsches und europäisches Kartellrecht verstoße. Hannover 96 nannte 50+1 in der Mitteilung zum Verkauf des Vereins an Präsident Martin Kind "kartellrechtlich fragwürdig".

Für Bayern Münchens Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge hat 50+1 in dieser Form ohnehin keine Zukunft: "Es war von Anfang an klar, dass diese Regel vor dem Europäischen Gerichtshof nicht standhalten wird. Man hat natürlich immer darauf gesetzt und gehofft, dass nie einer klagt. Ich würde aber nicht ausschließen, dass irgendwann mal jemand den Klageweg geht. Ich glaube, es wäre fast schon im Interesse der Liga, dass irgendwann mal jemand klagt. Einfach, um dann Klarheit zu haben", erklärte er im manager magazin.

In der Vergangenheit kündigte Hasan Ismaik vom TSV 1860 wiederholt an, eine entsprechende Klage einzureichen.

Welche Vereine sind für eine Abschaffung/Modifizierung von 50+1?

Aus der Bundesliga: FC Bayern München, FC Schalke 04, Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, Hannover 96, RB Leipzig, Werder Bremen, FC Augsburg, VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg, Hamburger SV

Aus der 2. Liga: SV Sandhausen, Eintracht Braunschweig, Greuther Fürth, 1. FC Heidenheim, 1. FC Nürnberg, FC Ingolstadt

Welche Vereine ergreifen Partie für 50+1?

Der prominenteste Fürsprecher für eine Beibehaltung von 50+1 ist Hans-Joachim Watzke: "Borussia Dortmund ist und bleibt klarer Verfechter von 50+1", sagt der Vorstandsvorsitzende.

Geschäftsführer Stephan Schippers von Borussia Mönchengladbach schlägt sich ebenfalls auf die Seite der Verteidiger: "Wir sind der Überzeugung, dass es auch innerhalb der bestehenden Regelung durchaus möglich ist, strategische Partner an einen Verein zu binden und damit konkurrenzfähig zu bleiben. Borussia Mönchengladbach wird kein Verein für Finanzinvestoren oder private Mäzene werden."