Wieso die Bundeskanzlerin und FDP-Chef-Lindner keine Freunde mehr werden

Zum 60. Jubiläum der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung lobt Kanzlerin Merkel den Liberalismus, verteilt aber an FDP-Chef Lindner Spitzen.


Anfangs sieht alles noch sehr harmonisch aus. FDP-Chef Christian Lindner empfängt am Vatertag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin gut gelaunt. Sie lächeln gemeinsam in die Kameras, laufen plaudernd durch die Reihen der hunderten geladenen Gäste zur Bühne.

Dass Merkel bei ihrem dichten Terminkalender zur Jubiläumsfeier kommt, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Nur wenige Stunden zuvor war sie noch in Aachen zur Verleihung des Karlspreises an Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron.

Fast könnte man meinen, dass die schwere Schlappe, die FDP-Chef Lindner Merkel mit dem Abbruch der Verhandlungen zu einer Jamaika-Koalition zufügte, vergessen sei.

Doch dass das Thema noch längst nicht überwunden ist, zeigt sich schon wenig später.

„Ich bin gerne gekommen“, sagt Merkel auf der Bühne vor den versammelten Führungskräften der FDP und der Friedrich-Naumann-Stiftung. „Trotz Meinungsverschiedenheiten gehört so etwas zu den vornehmen Tugenden der Demokratie.“ Auch Lindner hatte sich in seiner Rede für ihre Kommen bedankt. „Sie zeigen damit, dass der Respekt, den sich Demokraten gegenseitig zollen, auch den Eruptionen des politischen Tagesgeschäfts standhält“, so Lindner - „da war ja was“, schob er lapidar hinter her und setzte noch einen drauf: „Vielleicht sind Sie ja in einer ganz stillen Minute auch ganz froh, dass Sie Jürgen Trittin nicht erklären müssen, dass Alexander Dobrindts konservative Revolution doch ganz gut ist.“


Doch das, was „da war“, das, über was Lindner Scherze macht, hätte Merkel um ein Haar ihre Kanzlerschaft gekostet.

Zu Lindners „kleinem Gedankenspiel“, ob sie froh sei, dass sie Jürgen Trittin nicht die konservative Revolution von Alexander Dobrindt erklären muss, müsse sie sagen, frotzelte Merkel in ihrer Rede: „Im Fall der Fälle hätte Christian Lindner das charmant und gerne und sehr präzise übernommen.“

In bemerkenswerter Weise hebt die CDU-Chefin in ihrer Rede dann den Wert des Liberalismus und die Verdienste der Stiftung hervor. „Die Naumann-Stiftung scheut sich nicht vor schwierigen Themen, sie mischt sich in schwierige Debatten ein. Sie zeigt, was liberale Ideen heute bedeuten“, sagt sie. Wo könne man den Zauber von Freiheit besser spüren als in Berlin. „Vor 30 Jahren schien für mich Bonn, wo die Naumann-Stiftung gegründet wurde, ebenso weit entfernt wie New York.“ Lange vor Ludwig Erhard, so Merkel, habe sich Friedrich Naumann dafür ausgesprochen, Kartelle zu bekämpfen. Er habe sich für die Beteiligungsrechte von Arbeitern stark gemacht, und für das Recht der Frauen auf politische Teilhabe eingesetzt. „Da haben sowohl CDU als auch FDP noch einiges zu tun“, sagte Merkel.

Im Grunde, so Merkel, bedeute Freiheit aber auch Zumutung. Die Zumutung, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen, für sich und für andere. „Das mag manchmal unbequem sein.“ So komme zur Unsicherheit vielleicht manchmal auch die Furcht, falsch zu entscheiden und damit Unannehmlichkeiten auf sich zu ziehen. „Und wie einfach ist es doch dann, Entscheidungen anderen zu überlassen“, sagte Merkel. „Sollten sich deren Entscheidungen dann als falsch erweisen, wie einfach ist es doch dann, auf die Fehler der anderen zu schimpfen.“ Deshalb brauche es Mut, Entscheidungen zu treffen, auch und gerade, wenn ihre Folgen nicht zweifelsfrei abzusehen seien.

Ob Merkel mit diesen langen Ausführungen über den Wert von Entscheidungen auf den Jamaika-Abbruch anspielt, wird ihr Geheimnis bleiben.

Als sie nach dem Festakt durch die Reihen läuft, begleitet sie Wolfgang Gerhardt, der Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung. Im Anschluss unterhält sie sich mit ihm und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Von Christian Lindner ist zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu sehen.