Bundesbankchef sieht Deutschland nicht vor schwerwiegendem Konjunktureinbruch

FRANKFURT (dpa-AFX) -Der Präsident der Bundesbank, Joachim Nagel, sieht trotz weiter steigender Zinsen im neuen Jahr keine Gefahr eines starken Konjunktureinbruchs. "Ich bin optimistisch, dass wir einen schwerwiegenden wirtschaftlichen Einbruch vermeiden können", sagte Nagel in einem am Montag veröffentlichten Interview mit der "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen". Mit den Aussagen bekräftige das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) frühere Aussagen, wobei er aber auch auf "viele Probleme" hinweist und seine Sorge vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung deutlich machte.

Nagel erwartet im Jahr 2023 einen Rückgang der Inflationsrate. Allerdings werde dieser nicht stark genug sein, um den von der EZB angepeilten Zielwert von 2 Prozent erreichen zu können. "Das bedeutet für mich, dass unser Job noch nicht erledigt ist. Wir müssen weitere Maßnahmen ergreifen", sagte der Notenbanker.

Zuletzt hatten sich die Sorgen vor einem Einbruch der deutschen Konjunktur im neuen Jahr allgemein deutlich abgeschwächt. Zwar belasten die Folgen des Kriegs in der Ukraine und die hohe Inflation. Viele Ökonomen erwarten daher ein Schrumpfen der größten europäischen Volkswirtschaft. Allerdings wird das konjunkturelle Bild nicht mehr so düster gesehen, wie noch vor einigen Monaten.

Nach Einschätzung des Bundesbankpräsidenten wird die Wirtschaft auch durch höhere Zinsen belastet. Diese seien aber notwendig, um die Inflation in den Griff zu bekommen, sagte Nagel. Die EZB hatte den Leitzins zuletzt im Dezember zum vierten Mal in Folge erhöht, allerdings nur noch um 0,50 Prozentpunkte und damit nicht mehr so stark wie in den Zinssitzungen zuvor. "Wir alle müssen uns allerdings im Klaren sein, dass es Zeit braucht, bis geldpolitische Maßnahmen vollständig auf die Preise durchwirken", sagte Nagel in dem Interview mit der Fachzeitschrift.

Trotz vergleichsweise hoher Lohnforderungen der Gewerkschaften sieht er keine Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale im Sinne einer zusätzlichen Verstärkung der Teuerung durch die aktuellen Lohnabschlüsse. Die bisherigen Tarifabschlüsse blieben meist unterhalb der Inflationsrate. Auch wurde vom Instrument der steuerfreien Einmalzahlungen Gebrauch gemacht. Nach Einschätzung von Nagel ist aber das Risiko von stärkeren Zweitrundeneffekten hoch: "Denn die derzeit höheren Lohnabschlüsse könnten die aktuelle Phase hoher Inflationsraten verlängern."