Bundesbank: Lieferstopp russischer Energie würde Deutschland in Rezession stürzen — alle Prognosen für ein Embargo im Überblick

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Gasspeicher Peissen
Gasspeicher Peissen

Deutschland hat zwei Möglichkeiten, der Ukraine gegen Russland zu helfen. Es kann die Ukraine stärken, vor allem mit Waffen. Oder es kann Russland schwächen, vor allem mit Wirtschaftssanktionen. Am mächtigsten wäre hier der Verzicht auf alle Importe aus Russland, auch auf Energie, also Öl, Kohle und Gas. Die Bundesregierung lehnt solch ein Embargo bisher ab. Sie begründet dies mit schweren und kaum kalkulierbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen.

Deutschlands Energie-Dilemma


Deutschland steckt in einem Dilemma: Auf der einen Seite sind wir bei der Energie in hohem Maß von Russland abhängig. Auf der anderen Seite zahlt Deutschland mit den Energiekäufen Milliarden in die russische Kriegskasse.

Während die Regierung mit den kaum absehbaren Folgen eines Energieembargos argumentiert, haben Ökonomen gleichwohl versucht, dies zu berechnen. Ihr Tenor: Ein sofortiger Verzicht auf Energie aus Russland würde die deutsche Wirtschaft in eine tiefe und auch lange Rezession stürzen und die Preise weiter nach oben treiben - dies sei aber beherrschbar, ähnlich der Corona-Pandemie.

Bundesbank: Wirtschaft würde schrumpfen

Am Freitag (22. April) hat sich nun die Bundesbank zu Wort gemeldet. Eine vollständiger Einfuhrstopp russischer Energie würde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession stürzen. „Im verschärften Krisenszenario würde das reale Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr gegenüber dem Jahr 2021 um knapp 2 Prozent zurückgehen“, hieß es im Monatsbericht der Bundesbank.

Umgerechnet in absolute Zahlen würde die Wirtschaftsleistung um ungefähr 165 Milliarden Euro geringer ausfallen als zuletzt von der Europäischen Zentralbank erwartet. Kurzfristig wäre es kaum möglich, Lieferausfälle aus Russland durch erhöhte Einfuhren aus anderen Förderländern komplett zu ersetzen. Vor allem bei der Gasversorgung dürfte es zu Engpässen kommen. Die Bundesbank geht in ihrem Szenario davon aus, dass der Einsatz von Energie rationiert würde. Mehr als die Hälfte der Gasimporte in Deutschland stammen aus Russland.

Auch in den kommenden beiden Jahren würden die Folgen eines Lieferstopps die deutsche Wirtschaft belasten und zu Wachstumseinbußen führen, schrieben die Ökonomen der Bundesbank. Sie schätzten den Absolutbetrag auf jeweils ungefähr 115 Milliarden Euro.

Dennoch würde Europas größte Volkswirtschaft nach den Modellrechnungen in diesem Jahr nicht so stark schrumpfen wie im Corona-Krisenjahr 2020. Die Bundesbank-Volkswirte führten dies auf die „vergleichsweise dynamische Erholungsphase“ nach der Krise zurück. Die Bundesbank wies darauf hin, dass die Modellrechnungen erheblichen Unsicherheiten unterliegen.

Grundsätzlich werde der Krieg nach „die eigentlich angelegte kräftige Erholung erheblich schwächen“. Gestörte Lieferketten, drastisch gestiegene Energiepreise und eine erhöhte Unsicherheit belasteten Unternehmen und Haushalte. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen des Krieges sei nach wie vor sehr unsicher.

Econ-Tribute: Einbruch um bis zu 3 Prozent

Für Aufsehen hatten zunächst die ersten Berechnungen einer Gruppe von neun Ökonomen des Exzellenzclusters Econ-Tribute der Universitäten Köln und Bonn gesorg. Die Wissenschaftler um Rüdiger Bachmann waren zu dem Ergebnis gekommen, dass ein sofortiger Lieferstopp die deutsche Wirtschaft um 0,5 bis 3,0 Prozent schrumpfen lassen würde. Der Effekt liege etwas unter den Folgen der Corona-Krise und sei also bewältigbar. Die Studie trägt den Titel: „Was wäre, wenn ... Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland.“

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte diese Berechnung scharf zurückgewiesen. Es sei "unverantwortlich, irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen, die dann nicht wirklich funktionieren", kanzelte Scholz die Ökonomen ab.

DIW: zehn Jahre Krise und hohe Inflation

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass ein Lieferstopp für russische Energie die deutsche Wirtschaft in eine tiefe und lang anhaltende Rezession stürzen und die Inflation weiter anheizen würde. Auch das DIW rechnet mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um maximal 3,0 Prozent - betont aber die lange Dauer der Krise.

Da große Teile des Kapitalstocks betroffen wären und umgerüstet werden müssten, würde der Schock lange wirken. „Deswegen ist der Rückgang des Bruttoinlandsproduktes langwierig. Selbst nach 40 Quartalen ist die wirtschaftliche Aktivität noch nicht wieder auf dem Niveau von vor dem Ukraine-Krieg."

Höhere Energiepreise und Produktionsausfälle würden die Inflation weiter anheizen. Das DIW rechnet mit einer zusätzlichen Preissteigerung um 2,3 Prozentpunkte. Damit würde die Inflation, die in Deutschland aktuell bei 7,3 Prozent liegt, durch diesen Effekt an die Marke von 10 Prozent heranreichen.

Gleichwohl kommt auch das DIW zu einem ähnlichen Schluss wie das Team um Bachmann: „Die Schwere der Rezession ist demnach vergleichbar mit der Rezession, die durch die Corona-Pandemie verursacht wurde und kann dementsprechend mit zielgenauer makroökonomischer Wirtschaftspolitik deutlich begrenzt werden.“

Ein Stopp russischer Gasimporte würde dabei auch den für den Klimaschutz ohnehin notwendigen Umbau der Infrastruktur in Deutschland vorantreiben. Viele Ausgaben wäre damit vorgezogen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihrem Modell eine Reihe von Annahmen zugrunde liegen. So gehen sie davon aus, dass die Staatsfinanzen der Euro-Staaten den Belastungen standhalten. Eingepreist ist eine moderate Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkten. Die Studie ergänze die erste Studie der Bachmann-Gruppe. „Da beide Studien, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen, zu ähnlichen Ergebnissen kommen, ergibt sich zusammen genommen ein immer klareres Bild der wirtschaftlichen Auswirkungen eines Embargos auf Deutschland".

IMK: Einbruch der Wirtschaft um bis zu 6 Prozent

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung berechnete einen deutlich stärkeren Effekt eines sofortigen Lieferstopps russischer Energie. Das IMK kommt auf einen negativen Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 6 Prozent.

Die Studien haben auch unter Wirtschaftswissenschaftlern Diskussionen ausgelöst. Dabei geht es zum einen um die Eignung der Konjunkturmodelle zur Simulation derart starker Schocks. Zum anderen treffen die Folgen des Ukraine-Krieges auf eine Wirtschaft, die nach zwei Jahren Corona-Pandemie ohnehin nicht in einem Gleichgewicht ist. Auch dies mache Effekte zusätzlicher Schocks schwerer berechenbar.

Gemeinschaftsgutachten der führenden Institute

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute berechneten die Folgen eines Lieferstopps für russisches Gas für die Jahre 2022 und 2023. In ihrem Frühjahrsgutachten senkten sie die Prognose für das Wachstum selbst mit russischen Lieferungen von 4,8 Prozent auf 2,7 Prozent. Sollte es zusätzlich zu einem Lieferstopp kommen, erwarten sie für 2022 nur noch ein Wachstum von 1,9 Prozent. Die Inflation würde dann im gesamten Jahr mit 7,3 Prozent den höchsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik erreichen.

Noch deutlicher würden die Auswirkungen aber ab dem kommenden Herbst und Winter und damit im Jahr 2023. Im Falle eines Lieferstopps für russisches Gas rechnen die Top-Ökonomen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,2 Prozent. Deutschland würde also in ein scharfe Rezession fallen. Gleichzeitig würde die Inflation noch einmal deutlich steigen.

Der Verlust an Wirtschaftsleistung im Falle eines Lieferstopps summiere sich in beiden Jahren auf 220 Milliarden Euro, was mehr als 6,5 Prozent der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung entspreche.

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