Trotz steigender Arztzahlen beklagt Bundesärztekammer Medizinermangel

Vor allem im ländlichen Raum fehlen Ärzte

Mehr Ärzte, aber auch mehr Behandlungsfälle: Trotz steigender Arztzahlen besteht aus Sicht der Bundesärztekammer (BÄK) ein Medizinermangel in Deutschland. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten BÄK-Statistik waren 2017 bundesweit 385.149 Ärzte tätig, 6542 mehr im Jahr 2016. Die Ärztekammer verwies auf den steigenden Behandlungsbedarf wegen der alternden Bevölkerung. Montgomery kritisierte in dem Zusammenhang die Erhöhung der Mindestsprechstundenzeiten, die gesetzliche Krankenversicherung verteidigte das Vorhaben.

"Die Zahl der Ärzte in Deutschland steigt, aber wer nur Köpfe zählt, macht es sich zu einfach", erklärte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Auch die Ärzteschaft sei von Überalterung betroffen. Wenn nicht endlich mehr Ärzte ausgebildet würden, "dann wird sich dieser Mangel verschärfen". Ärzteorganisationen fordern seit langem, die Zahl der Medizinstudienplätze um mindestens zehn Prozent zu erhöhen.

Die Zahl der Krankenhausärzte stieg der BÄK-Statistik zufolge leicht um 2,1 Prozent auf 198.500. Bei den niedergelassenen Ärzten gab es 2017 einen Rückgang um 1285 auf 118.356, dies entspricht einem Minus von 1,1 Prozent.

Zugleich arbeiten niedergelassene Vertragsärzte durchschnittlich mehr als 50 Stunden. Auch in den Krankenhäusern sind nach Erhebungen des Marburger Bundes viele Ärzte (40 Prozent) 49 bis 59 Stunden pro Woche im Einsatz, jeder fünfte hat sogar eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 60 bis 80 Stunden.

"Ein großer Teil unserer Ärzte arbeitet am Limit", kritisierte Montgomery. Zugleich entschieden sich immer mehr Ärzte für eine Festanstellung im ambulanten Bereich. Gerade in der jungen Generation seien viele "nicht mehr bereit, sich auf Kosten der eigenen Gesundheit aufzureiben".

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) stieg die Zahl der angestellten Vertragsärzte im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um knapp zehn Prozent auf 31.477. Das seien fast sechsmal so viele wie noch vor zehn Jahren. Auch für junge Ärzte spiele die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine große Rolle, erklärte KBV-Chef Andreas Gassen.

Montgomery begrüßte die im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen zur Bekämpfung des Ärztemangels. "Dirigistische Eingriffe" wie die geplanten Mindestsprechstundenzeiten trügen allerdings nicht dazu bei, die Niederlassung in eigener Praxis attraktiver zu machen.

Der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Florian Lanz, begrüßte dagegen den Plan, die Mindestanzahl an Sprechstunden für gesetzlich Versicherte auf 25 Stunden pro Arzt und Woche zu erhöhen. Dies sei "gerade vor dem Hintergrund, dass der Bedarf an Medizin zunimmt, gut und richtig", sagte Lanz am Freitag der Nachrichtenagentur AFP.

Die gesetzliche Krankenversicherung finanziere die Versorgung von 90 Prozent der Bevölkerung, sagte Lanz. "Da ist es nicht zu viel verlangt, dass deren Versorgung auch den allergrößten Teil der Arbeitszeit von Ärzten einnimmt".

Nach den Plänen der Bundesregierung soll die Mindestzahl an wöchentlichen Sprechstunden von 20 auf 25 erhöht werden. Ärzte, die in wirtschaftlich schwachen und unterversorgten ländlichen Räumen praktizieren, sollen zudem über regionale Zuschläge besonders unterstützt werden.