Bullshit-Bingo für Digital-Muffel


Der alte Reschke will modern werden. Er hatte eigentlich gehofft, seine digitale Ignoranz bis in die Rente retten zu können. Aber trotz Chef-Bonus spürt er, dass ihn in der Firma immer weniger ernst nehmen. Nicht mal mehr aus Respekt oder wenigstens Angst. Also hat er sich informiert, wie das geht mit dem Digital-Werden.
Seine Frau hat gesagt, er solle auf jeden Fall die Krawatten mit den Elefanten wegschmeißen. Auf seine Frage, welches Muster denn dann zu seiner inneren Coolness passe, ging sie nicht mehr ein. Im Herzen fühlt sich Reschke als Rebell wie Mick Jagger, und der tourt ja auch noch in einem Alter, in dem anderen schon Speichelfäden in den Mundwinkeln hängen.

Also kaufte er sich in einem „Street-wear“-Laden ein Kapuzenshirt und ein paar Turnschuhe, die schon Hoodie und Sneaker hießen, als er Vorstandschef wurde, und das ist auch schon lange her. Außerdem legte sich Reschke ein Fitnessarmband zu. Nicht weil er nun Sport machen wollte, sondern weil er vor seinen Untergebenen damit so tun kann als ob.
Aber das reicht heute nicht mehr. Deshalb lädt er an diesem Morgen zum „Stand-up-Meeting“. Er hatte gelesen, dass bei Start-ups nur im Stehen konferiert wird. „Das spart Zeit und Kraft“, peitscht er die Runde vor ihm auf. „Viertelstunde. Mehr brauchen wir nicht. Und ... was macht die .... äh ... Churn Rate?“ Er spricht sie sogar unfallfrei aus. Seine Enkelin musste ihm vorher 100 Fachbegriffe aus Digitalien aufschreiben. KPI, Sales Funnel, Affiliate Marketing. So was alles.
„Und wie committen wir uns beim Thema Influencer, nachdem Instagram seine veralteten APIs abgeklemmt hat?“ Reschke schaut in die Runde. Jetzt hat er sie. Brandaktuelle Frage. Er setzt nach: „Was machen unsere Analyse-Tools? Ich höre!“ Kurze Pause, in der er natürlich nichts hört. Dann sagt er: „Berger? Any idea?“ Das Bullshit-Bingo seiner Enkelin fängt an, ihm Spaß zu machen.


Berger aus dem Marketing hat Mühe, seinem Gesicht noch eine Illusion von Aufgeräumtheit zu verleihen: „Da sind wir natürlich dran. Aber ob wir das heute noch fixen können, I doubt it.“ „Okay, go for it“, sagt Reschke und löst die Runde auf. Er ist jetzt in der Firma wieder das, was er ohnehin immer war: der Alphawolf, unumstrittener King of the Koppel, Innovationsführer. Andererseits fühlt er sich plötzlich wie ein schon toter Stern, dessen Licht noch eine ganze Weile fremde Welten blendet.
Gleich wird er sich von Kuhnke, seinem Fahrer, nach Hause bringen lassen. Reschke ist müde, todmüde. Ein Bier vielleicht noch. Und ein paar Minuten irgendeinen lustigen Heinz-Erhardt-Film, in dem die Telefone noch Wählscheiben haben.
Als Herr K. an diesem Abend nach Hause kommt, fühlt auch er sich sehr alt. Wenn ihn jetzt auch noch der alte Reschke disruptiv überholt, ist er der letzte digitale Vollhonk weit und breit. Aber das denken sich an diesem Abend noch andere aus der Steh-Konfi vom Morgen. Ist nicht immer schön, das mit dieser Digitalisierung.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK