Vom Buchhändlerschreck zum Verlegerschreck


Vor mehr als 20 Jahren begann Amazon, dem klassischen Buchhandel das Fürchten zu lehren. Damals hob der Informatiker Jeff Bezos den elektronischen Bücherverkauf aus der Taufe. Aus dem Onlinebuchhändler wurde ein Weltkonzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt 136 Milliarden Dollar.

Kaum eine Ware, die das Unternehmen aus Seattle nicht im Programm hat – ob gefütterte Winterstiefel, vernetzte Lautsprecher oder neuerdings auch Sandwiches. Nun kehrt Amazon zu seinen Wurzeln zurück: Amazon stärkt sein Verlagsgeschäft und beliefert künftig den stationären Buchhandel mit eigenen deutschsprachigen Titeln.

Amazon ist an den Zwischenbuchhändler Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) angeschlossen – damit können stationäre Buchhändler in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Luxemburg sowie den USA und Japan deutschsprachige Amazon-Publishing-Titel für ihre Kundschaft bestellen.


Bisher war das Verlagsprogramm von Amazon hierzulande nur über das Internet erhältlich. Koch, Neff & Volckmar ist einer der größten Buchhändler mit der Funktion eines Barsortiments im deutschsprachigen Raum.

Vom Buchhändlerschreck zum Verlegerschreck: Mit dem Schritt in den stationären Buchhandel stärkt Amazon seine verlegerischen Ambitionen. Der US-Konzern besitzt bereits mehrere Verlagsmarken, die zusammen Hunderte Bücher pro Jahr veröffentlichen. Dazu gehören die Marken Edition M (Kriminalromane und Thriller), Tinte & Feder (zeitgenössische und historische Romane), Montlake Romance (Liebesromane) und 47North (Science Fiction). Unter den Autoren sind viele Anfänger zu finden sowie Schreiber, die eine ausgewählte Leserschaft ansteuern. Aber es findet sich auch hochwertige Literatur darunter.

„Mit dem rund 800 Titel umfassenden Verlagsprogramm bieten wir für jeden etwas – Bücher großartiger deutschsprachiger wie internationaler Autoren, die den Leser zum Mitfühlen, Lachen und Nachdenken einladen, in vergangene Zeiten entführen oder die Herzen von Krimi- und Thriller-Fans höher schlagen lassen“, wirbt Dominic Myers, Director Amazon Publishing EU, für sein Programm.  


Titel wie „Das Grab meiner Schwester“ von Robert Dugoni und „Die Abnormen“ von Marcus Sakey, deren deutschsprachige Ausgaben über Amazon jeweils rund 150.000 Leser erreicht haben, gehören zu den Aushängeschildern des Verlagsgeschäftes von Amazon.

Aus Sicht des E-Commerce-Riesen ist das Verlagsgeschäft vielleicht nur ein weiterer Versuchsballon, den es neben der Warenauslieferung per Drohnen und dem Lebensmittelversand steigen lässt. Aus Sicht der Literaturwelt ist das Vordringen Amazons in die analoge Welt ein wichtiger Schritt.

Denn Amazon hat schon mehrfach die Gesetze des traditionellen Buchmarktes außer Kraft gesetzt. Die Rund-um-die-Uhr-Bestellmöglichkeit und die hohe Verfügbarkeit der Bücher überzeugen viele Kunden. Das wirkt sich unmittelbar auf den klassischen Buchhandel aus. Zum einen ist die Zahl der Verkaufsstätten auf aktuell 6000 in Deutschland gesunken, zum anderen haben mehrere Buchhandelsketten ihre Verkaufsfläche deutlich verkleinert. Dadurch ist der Wettbewerb der Buchverlage um die verringerte Regalfläche gestiegen.


Neben dem E-Commerce ist das E-Book – namentlich das Amazon-Angebot Kindle – eine zweite große Veränderung, welche die Digitalisierung in den Buchmarkt gebracht hat. In Deutschland spielt das elektrische Buch allerdings noch immer eine untergeordnete Rolle: E-Books haben hierzulande einen Marktanteil von 4,6 Prozent am Buchumsatz. Die Verwertungskette ist lang: Kindle Direct Publishing erlaubt es Autoren, ihre eigenen E-Books und Taschenbücher im Selbstverlag zu veröffentlichen. Kindle Worlds ist eine Plattform, auf der die Autoren ihre Geschichten veröffentlichen können. Kindle Singles sind kleine E-Books mit Essays oder Reportagen. Und mit Kindle Unlimited bietet Amazon eine Flatrate an, mit der die Nutzer Zugriff auf 700.000 E-Books haben.

Amazon-Chef Bezos will allerdings nicht nur Händler, sondern auch Verleger sein. Seit gut drei Jahren baut der US-Onlinehändler auch in Deutschland ein eigenes Programm auf. Einige klassische Buchverlage wollten eine Anfrage des Handelsblatts zu den Auswirkungen des neuesten Bezos-Vorstoßes allerdings nicht kommentieren.