Buch über den Börsencrash von 1929 zeigt Parallelen zum heutigen Markt – vier Beispiele, wie sich Geschichte wiederholen könnte

Will Daniel
·Lesedauer: 6 Min.
Menschenmassen auf der Wall Street am „Black Tuesday“, dem 29. Oktober 1929.
Menschenmassen auf der Wall Street am „Black Tuesday“, dem 29. Oktober 1929.

Der Markt eröffnete, ein „gefürchteter Tsunami von Verkäufen“ flutete herein, als panische Investoren über 16 Millionen Aktien abstießen – mehr als das Dreifache des normalen täglichen Handelsvolumens. Regeln für die Händler, nicht „zu rennen, zu fluchen, zu schubsen“ oder sich ohne Mantel über das Parkett zu bewegen, blieben an diesem Tag auf der Strecke. Rund um den Finanzdistrikt von New York City bildete sich ein Mob und die Polizei wurde gerufen, um eine höchst eigenartige Gruppe von Randalierern unter Kontrolle zu bringen – die Börsenanleger.

So ging es zu am „Schwarzen Dienstag“, dem 29. Oktober 1929. Es war nicht der Beginn des Crashs, aber es war dessen Sargnagel. Vermögen gingen innerhalb weniger Stunden verloren und die US-Wirtschaft stürzte ins Verderben. Die große Depression begann und bis zum 8. Juli 1932 fiel der Dow auf nur noch 41,22 Dollar, da die Anleger das Vertrauen in die Wall Street verloren hatten. Im Buch „Rainbow's End: The Crash of 1929“ seziert Maury Klein diese Vorfälle im Jahr 1929 und arbeitet dabei menschliche Geschichten heraus, die das Spekulationsfieber einer Ära offenbaren und – was vielleicht noch wichtiger ist — verblüffende Parallelen zu den überschwänglichen Märkten von heute aufzeigen.

Anhand verschiedener Episoden rund um den Crash von 1929, die Maury Klein in ihrem Buch beschreibt, zeigen wir euch vier Beispiele, wie sich diese Geschichte wiederholen könnte.

Mehr Neunotierungen als je zuvor

„Die Neunotierungen an der New Yorker Börse stiegen von 58 Millionen Aktien im Jahr 1925 auf 102 Millionen im Jahr 1928.

Im Jahr 1929 erreichten neue Notierungen an der New Yorker Börse Rekordwerte, als auch der Überschwang an der Wall Street einen Höhepunkt erreichte. Obwohl es viele Unterschiede zwischen der Ära des Crashs von 1929 und der Jetztzeit gibt, ist der Anstieg von Neuaufnahmen an die Börse eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit.

Im ersten Quartal dieses Jahres stiegen die Volumina der Börsengänge um 85 Prozent und die Erlöse um 271 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie aus dem „Global IPO Trends“-Bericht von Ernst & Young zum ersten Quartal 2021 hervorgeht.

Der Aufstieg von Special Purpose Acquisition Companies (SPACs) hat zum Boom bei den Neunotierungen beigetragen. Die SPAC-IPO-Emissionen brachen im ersten Quartal 2021 Rekorde: 298 SPACs sammelten fast 88 Milliarden Dollar ein, so die Daten von ICR Capital.

Der Aufstieg der unerfahrenen Spekulanten und Trader

„Für geübte Augen stellten sie eine neue Art von Spielern dar, die mehr durch Hoffnung als durch Erfahrung auf den Markt gelockt wurden, wie Urlauber in einem Kasino, die ihr Glück in einem Spiel versuchen, das den Profis gehört... Die Dummen werden nicht weniger. Einer geht, zwei kommen rein. Ob wir gewinnen oder verlieren, wir bekommen unsere Provisionen.

In den späten 1920er Jahren wuchs die Reihe der Investoren an der Wall Street auf Rekordzahlen an. Allein in den Jahren 1928 und 1929 eröffneten Maklerhäuser 599 neue Büros, sodass die Gesamtzahl der New Yorker Maklerbüros in den Tagen vor dem „Schwarzen Dienstag“ bei über 1.600 lag – mehr als doppelt so viele wie 1925.

Auch Frauen, die zuvor in Brokerhäusern nicht zugelassen waren, wurden vor dem Crash von 1929 zu Top-Kunden. Eine Traderin beschrieb ihre Beweggründe für den Einstieg in die Märkte in einem „How-to“-Artikel, der die Stimmung der damaligen Zeit perfekt illustriert: „Wir gingen aus demselben Grund wie die meisten anderen kleinen Schweine – nämlich weil wir schnell etwas Geld verdienen wollten, ohne dafür zu arbeiten.“

Im Jahr 2021 boomen Trading-Apps wie Robinhood, Traderepublic oder Fidelity, die als die Brokerage-Häuser unserer Zeit dienen. Allein das Unternehmen Charles Schwab konnte im ersten Quartal einen Rekord von 3,2 Millionen neuen Brokerage-Konten verbuchen – mehr als im gesamten Jahr 2020. Auf "r/wallstreetbets", dem durch den Gamestop-Hype berühmten Teil des Internetforums Reddit, tummeln sich Einzelhändler und die gleiche Art von Spekulanten, wie sie in den späten 1929er Jahren auftraten. Das Unterforum ist mittlerweile auf fast zehn Millionen Mitglieder angewachsen.

Inzwischen ist der Anteil des institutionellen Buy-Side-Handels am gesamten Aktienhandelsvolumen auf knapp über 25 Prozent gesunken, nachdem er vor weniger als fünf Jahren noch bei über 40 Prozent gelegen hatte. Und das Handelsvolumen von Privatanlegern ist laut Daten von „Bloomberg Intelligence“ von rund zehn Prozent des gesamten Aktienhandels im Jahr 2010 auf fast 25 Prozent im Jahr 2021 gestiegen.

Rekordniveau bei der Kreditaufnahme für Investitionen und Handel

„Die Kredite von Brokern, die im März 1928 bei fast 3,7 Milliarden Dollar lagen, erreichten bis zum 6. Juni einen Rekordwert von 4,56 Milliarden Dollar.

In den 1920er Jahren nahmen Broker Kredite auf, um Margin-Konten für Kunden zu finanzieren. Es war ein großartiges Geschäft – zumindest bis alles zusammenbrach. Im Jahr 2021 haben die Broker erneut Rekordkredite an die Trader vergeben. Die FINRA-Margin-Schulden erreichten im Februar ein Rekordhoch von 813 Milliarden Dollar und verdoppelten sich damit fast gegenüber den 545 Milliarden Dollar des Vorjahres.

Wieder einmal wetten die Investoren mit dem Geld des Hauses, doch diesmal gibt es einen klaren Unterschied – das Sparen. Laut der „Financial Times“ haben die Verbraucher seit Beginn des Coronavirus rund 5,4 Billionen Dollar an Ersparnissen gehortet. Dennoch sind die Ähnlichkeiten zwischen den Margin-Handelsgewohnheiten der Trader im Jahr 1929 und heute unbestreitbar.

Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank

„Benjamin Strong hatte bereits im Mai den Zinssatz der New Yorker Bank auf 4,5 Prozent erhöht. Zwei Monate später schloss er sich acht anderen Federal Reserve Banken an und erhöhte den Zinssatz auf fünf Prozent, aber einige meinten, die Abkehr von der Politik des leichten Geldes von 1927 komme zu spät.

Benjamin Strong war 14 Jahre lang Gouverneur der US-Notenbank, der Federal Reserve Bank of New York (Fed) – bis zu seinem Tod im Oktober 1928, etwa ein Jahr vor dem „Schwarzen Dienstag“. Strong hielt die mit „easy money“, also „leichtes Geld“, betitelte Niedrigzinspolitik weit länger aufrecht, als viele Ökonomen der 20er Jahre hofften. Der Gouverneur senkte 1927 den Diskontsatz der Fed um 0,5 Prozent und verärgerte damit US-Präsident Herbert Hoover. Strong bestand außerdem auf dem Kauf von US-Staatspapieren durch die Federal Reserve Banks, die ihre Bestände von 300 Millionen Dollar im Mai 1928 auf 600 Millionen Dollar im Dezember erhöhten.

Ökonomen wie Murray Rothbard haben Strong für seine „Marktmanipulationen“ kritisiert und behauptet, er sei eine der Hauptursachen der Großen Depression. Für 2021 hat Jerome Powell, aktueller Vorsitzender der Fed, versprochen, die ultraniedrigen Zinsen beizubehalten und die umfangreichen Ankäufe von Vermögenswerten fortzusetzen, bis „substanzielle weitere Fortschritte“ in Richtung der Beschäftigungs- und Inflationsziele erreicht worden sind. Auch das Gesamtvermögen der Fed ist allein seit Anfang 2020 von 4,1 Billionen Dollar auf fast acht Billionen Dollar gestiegen.

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.