Britischer Schuldenrausch verschlechtert Gilt-Ausblick erheblich

(Bloomberg) -- Anleger machen sich allmählich mit dem schieren Umfang des Kreditbedarfs Großbritanniens in den nächsten Jahren vertraut - und es sieht nicht gut aus.

Nach Schätzungen der Banken wird das Nettoangebot an britischen Staatsanleihen im nächsten Haushaltsjahr wahrscheinlich einen neuen Rekord erreichen. Um diese Flut aufzunehmen, wird der Markt nach Berechnungen der Citigroup Inc. doppelt so viel neues Geld auftreiben müssen wie in den letzten acht Jahren zusammen.

Nach Angaben des Debt Management Office wird die Bruttofinanzierungsprognose des Vereinigten Königreichs in den nächsten vier Steuerjahren um fast 50% auf 1 Billion Pfund (1,15 Billionen Euro) wachsen. Barclays Plc. sieht darin eine “erhebliche Verschlechterung” des mittelfristigen Bildes.

Während der Markt am vergangenen Donnerstag das Paket von Schatzkanzler Jeremy Hunt mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen bejubelte, ist die Realität eine andere. Das schwindelerregende Volumen künftiger Anleihen dürfte den Markt unter Druck setzen. Es gibt bereits erste Bedenken, dass es schwierig sein könnte, Käufer zu finden - zumal die Bank of England ihre Gilt-Bestände nun eher verringern als ausbauen wird.

“Im Hinblick auf die Emissonen ist es eine beispiellose Herausforderung”, erklärte Citigroup-Bondstratege Jamie Searle in einer Analyse. „Den bevorstehenden Anstieg der Gilt-Emission diskutieren wird nun schon einige Zeit. Noch bekam der Markt dies jedoch noch nicht direkt zu spüren. Das ändert sich nun.“

Zehnjährige Staatsanleihen Großbritanniens verloren am Freitag den zweiten Tag in Folge an Wert. Ihre Rendite lag zeitweise mehr als 20 Basispunkte über dem Vortagestief, womit sie so stark zulegte wie seit Ende Oktober nicht mehr.

Das Renditeniveau von 3,23% zum Wochenschluss liegt freilich noch weit unter den mehr als 4,50% Verzinsung, die Anleger forderten, als die Etatpläne von Ex-Premierministerin Liz Truss am Finanzmarkt für eine Welle der Angst sorgten. NatWest Markets sieht die Gilt-Rendite dennoch bis zum zweiten Halbjahr 2023 um mehr als einen Prozentpunkt auf 4,3% klettern.

“Es ist schwer vorstellbar, dass die üblichen Käufer von Gilts - Ausländer und LDI - sich gezwungen sehen, die Nachfrage zu erhöhen, um mit dem Angebot Schritt zu halten”, erklärt Imogen Bachra, Leiterin der britischen Bondstrategie bei NatWest, mit Blick auf verbindlichkeitsorientiert Investment-Strategien (LDI), die häufig von Pensionsfonds eingesetzt werden. “Natürliche Käufer dürften bei diesen Renditeniveaus schwer zu finden sein.”

Für zusätzlichen Gegenwind werden die Bondverkäufe der Bank of England sorgen, die ihre aufgeblähte Bilanz reduzieren will. Ihr Portfolio umfasst Gilts im Wert von 835 Milliarden Pfund, die sie im Laufe von mehr als einem Jahrzehnt quantitativer Lockerung erworben hat. Hinzu kommen Papiere im Volumen von 19 Milliarden Dollar, die sie in Reaktion auf die Finanzmarkt-Verwerfungen im September kaufte, um den Anleihemarkt zu stabilisieren.

„Der Markt hat sich gerade von der Liquiditätskrise der Pensionskassen erholt und könnte nun in eine Schuldenfinanzierungskrise hineinrollen“, warnt Craig Zoll, Chef des Bereichs Staatsanleihen bei Royal London Asset Management. „Selbst mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen ist die Lage bei der Kreditaufnahme noch schlechter als zuvor.“

Überschrift des Artikels im Original:UK Debt Binge Threatens to Haunt Its Bond Market for Years

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