Britische Wirtschaft spürt längst die Folgen des bevorstehenden EU-Austritts

Das EU-Referendum jährt sich zum zweiten Mal. Über künftige Beziehungen wird noch verhandelt, doch die Wirtschaft spürt schon jetzt die Folgen.


Der Discovery ist eins der populärsten Modelle von Jaguar Land Rover. Als der größte britische Autobauer neulich ankündigte, den SUV künftig in der Slowakei statt in den englischen Midlands zu bauen, war die Aufregung in der Downing Street groß. Der Umzug habe nichts mit dem Brexit zu tun, beschwichtigte die Firma. Doch die Symbolik war schwer zu übersehen.

Jahrzehnte hat es gedauert, bis die britische Autoindustrie international mithalten konnte – dank der Investitionen aus den Autonationen Deutschland und Japan. Nun spricht der Chef des britischen Unternehmerverbands CBI schon wieder vom „Aussterben“ der Branche, weil die Lieferketten durch das Ende der Zollunion mit der EU zerstört würden.

Am Samstag jährt sich das EU-Referendum zum zweiten Mal, und der Brexit-Effekt wird in Großbritannien zunehmend sichtbar. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft nur noch um 0,1 Prozent. Vor dem Brexit-Votum lief die britische Konjunktur besser als in allen anderen G7-Industrieländern.

Jetzt findet sie sich auf dem letzten Platz wieder. „Die britische Wirtschaft hat deutlich an Schwung verloren“, sagt David Owen, Europa-Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Jefferies. „Der Brexit-Effekt tritt später ein als erwartet, aber er wird zunehmend deutlich.“

Die Bank of England schätzt die Brexit-Delle auf bis zu zwei Prozentpunkte: So viel mehr würde die Wirtschaft aktuell wachsen, wenn das Referendum anders ausgegangen wäre. Laut Notenbankchef Mark Carney hat das Ausstiegsvotum den durchschnittlichen britischen Haushalt um 900 Pfund im Jahr ärmer gemacht. Die Binnennachfrage ist zurückgegangen. Auch Unternehmen investieren weniger, als angesichts positiver globaler Rahmenbedingungen zu erwarten wäre.

Die vereinbarte Übergangsperiode, die nach dem formellen EU-Ausstieg im März 2019 den Status quo noch bis Ende 2020 sichert, hilft bislang, den Brexit-Effekt abzufedern. „Die meisten Industrieunternehmen warten mit konkreten Schritten noch ab“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Handelskammer, Ulrich Hoppe. „Insgeheim hegen viele noch die Hoffnung, dass die Folgen des Brexits nicht so schlimm werden.“


Laut der Beratungsfirma EY ist Großbritannien immer noch die erste Anlaufstelle für ausländische Tech-Investoren in Europa. Doch der Vorsprung vor Deutschland und Frankreich schrumpft, und insgesamt sind die Aussichten trübe. Die Britische Handelskammer erwartet 2018 das schwächste Wachstum seit der Finanzkrise. Die Einschläge häufen sich, je näher der Brexit-Tag rückt.

Der Konsumgüterriese Unilever kündigte im März an, seine historisch gewachsene Doppelstruktur mit zwei rechtlich eigenständigen Unternehmen in London und Rotterdam aufzugeben – die Zentrale sitzt künftig in Rotterdam. Eine Entscheidung für London wäre eine Überraschung gewesen.

Der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus, mit 15.000 Angestellten einer der größten Arbeitgeber auf der Insel, kündigte an, dass nach dem Brexit Teile der Produktion auf den Kontinent verlagert werden müssten. Airbus hat bei einer Ausschreibung für das europäische Navigationssystem Galileo mitgeboten. Sollte man den Zuschlag erhalten, wäre man gezwungen, den Auftrag in Werken in Deutschland und Frankreich abzuarbeiten, erklärte Airbus-Geschäftsführer Colin Paynter.


Manche paneuropäischen Lieferketten, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurden, werden schon eingerissen, bevor der Brexit überhaupt vollzogen ist. Eine Manager-Umfrage des Branchenverbands CIPS kam im März zu dem Ergebnis, dass bereits 14 Prozent der EU-Firmen mit britischen Zulieferern Teile ihres Geschäfts aus dem Königreich verlegt haben. Elf Prozent haben Mitarbeiter abgezogen. Der Umbau der Wertschöpfungsketten zeige sich auch in den schwachen Exportzahlen, sagt Christian Keller, Chefökonom der britischen Großbank Barclays.

Kürzlich wurde eine Gruppe hochrangiger Konzernchefs bei Premierministerin Theresa May vorstellig, darunter der Verwaltungsratsvorsitzende von BP, Carl-Henric Svanberg, Vodafone-Chef Vittorio Colao und Eon-Boss Johannes Teyssen. Die Mitglieder des „Europäischen Runden Tischs der Industriellen (ERT)“ warnten eindringlich: Die derzeitige Unsicherheit über den Brexit führe dazu, dass die Unternehmen weniger investieren.

Der Ausgang der Brexit-Verhandlungen ist weiterhin ungewiss, beim EU-Gipfel kommende Woche wird kein Fortschritt erwartet. Im Londoner Finanzsektor wollen viele Firmen nicht länger warten und haben ihre Notfallpläne aktiviert. Die Finanzdienstleister gingen davon aus, dass die EU ihnen keinen privilegierten Zugang zum Binnenmarkt anbieten werde, sagt Marc Boleat, früher Hauptlobbyist der Londoner City. Darum eröffneten sie neue Dependancen auf dem Kontinent oder stockten ihre Büros dort auf. In der Folge werde die City schrumpfen.